Mit allem hätte Alfons Hollet gerechnet, als er sich im Kreiswehrersatzamt für den Bundesgrenzschutz (BGS) werben ließ - nur nicht damit, die Ausbildung abbrechen zu müssen. Dies jedoch ging nicht von ihm aus und es bedeutete nicht das Ende seiner Laufbahn. Ganz im Gegenteil.

Der 1. April 1976 war sein erster Tag beim BGS in Coburg. Der Grenzschutz war nicht mehr an die Bundeswehr angeschlossen, sondern dem Innenministerium als Polizei des Bundes unterstellt. Für acht Jahre hatte sich der gebürtige Schönbrunner, der jetzt in Pettstadt wohnt, verpflichtet. Die Ausbildungszeit endete für ihn nach einem statt nach zwei Jahren. Der Grund: In den innenpolitisch unruhigen Zeiten wurde jeder Mann gebraucht, der verfügbar war.


"Wir fühlten uns top gerüstet"

In Nabburg wartete er auf seinen ersten Einsatz, der ab dem 3. Mai 1977 für drei Wochen darin bestand, das Haus des Karlsruher Bundesrichters Dr. Krüger zu bewachen. Der Jurist stand im Visier der Roten-Armee-Fraktion (RAF) und galt als extrem gefährdet.

"Die Grenzschützer haben dort ausschließlich den Objektschutz gemacht. Einsatztaktik, Waffenausbildung und Objektschutz waren Inhalte des ersten Ausbildungsjahrs. Wir Jungen haben uns top gerüstet gefühlt für diese Aufgabe - aber uns hat noch einiges gefehlt", berichtet Alfons Hollet.


Überstürzter Aufbruch aus der Kaserne

"Im September ging's dann so richtig los. Wir haben am 6. September erfahren, dass Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt wurde. Am 7. September war Alarm-Antreten um 10 Uhr. Freiwillige wurden gesucht. Ich habe mich gemeldet, denn so etwas hatte es schon öfter gegeben. Um 11.50 Uhr haben die Gruppenführer das Gepäck kontrolliert. Es war immer noch nicht bekannt gegeben worden, wo es hinging. Auch nicht, als wir schon Richtung Saarland unterwegs waren. Da wurde es mir dann doch mulmig.

Ziel war der Autobahn-Grenzübergang bei Echternacherbrück (Luxemburg). Die komplette Westgrenze der Bundesrepublik wurde dicht gemacht. Das hieß 100 Prozent Personen- und Fahrzeugkontrolle, weil man vermutete, dass Schleyer in Luxemburg festgehalten wurde und die RAF ihn von dort nach Deutschland zurückbringen würde."


Ziel: der Kopf des Fahrers

Ganz gleich ob Berufspendler, Urlauber oder sonstiger Überquerer der Grenze auf der Autobahn, alle waren in diesen Tagen den gleichen Kontrollen ausgesetzt. "Jedes Fahrzeug, das in den Anhaltebereich rollte, wurde rechts und links flankiert. Mit entsicherten Maschinenpistolen. Ziel: der Kopf des Fahrers."

Bei dem überstürzten Aufbruch aus der Kaserne in Nabburg hatte niemand daran gedacht, Zivilkleidung mitzunehmen. "Wir hatten ja keine Ahnung, wie lange es dauern würde. Ich war der einzige aus der Gruppe, der Jeans und ein T-Shirt eingepackt hatte.

Es war nicht erlaubt, sich in Uniform von der Unterkunft wegzubewegen. Also durfte nur ich mit dem Zug nach Nabburg fahren. Ich habe mein Auto geholt, die Klamotten-"Bestellungen" der Kameraden abgearbeitet und bin wieder zurück zum Einsatzort.


Lagerkoller

Alle Grenzschützer, die schon sechs Wochen dort waren, wurden ausgetauscht. Das war auch bitter notwendig, da es zu zwischenmenschlichen Problemen kam. Am 12. Oktober sind wir in die Kaserne eingerückt - auf Bereitschaft. Zum ersten mal wieder zu Hause war ich in der Nacht, als die Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu gestürmt wurde und die RAF-Spitze in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim Selbstmord beging. Als Reaktion darauf wurden Hanns Martin Schleyer ermordet.

Am 13. Oktober habe ich mich für der Personenschutz beim Bundeskriminalamt gemeldet. Ich musste eine Prüfung machen und wurde sofort genommen."

Alfons Hollets erster Einsatzort war Schloss Gymnich, das damalige Gästehaus der Bundesregierung. Nur aus diesen Tagen gibt es Bilder. "Zum Personenschutz durften keine Kameras mitgenommen werden. Nicht dienstlich und nicht privat."


Mit Karl Castens auf Wandertour

Viele bekannte Politiker wurden dem Schutz des Franken anvertraut. "Der neugewählte Bundespräsident Karl Carstens war ein Freund des Wanderns. Und so durchstreifte er die Landschaft in Freizeitkleidung und wir liefen nebenher in Lackschuhen.

Zwei Personenschützer sollten mit, als Bundesverfassungsgerichts-Präsident Professor Bender Urlaub machen wollte. Er hatte ein Segelschiff im Mittelmeer liegen. Ich hatte mich schon dafür gemeldet. Dann hat mir aber zum Glück noch rechtzeitig jemand gesagt, dass Bender ein Risikosegler ist, der nur bei Schlechtwetter rausfährt. So seefest bin ich nicht. Deshalb reiste jemand anderes mit."

Alfons Hollet hat außerdem sechs Wochen lang mit Alfred Dregger (CDU) Wahlkampf gemacht und Jürgen Möllemann (FDP) fünf Monate begleitet. "Er war Vorsitzender der Deutsch-Arabischen Freundschaft. Eine Tatsache, auf die es im Internet so gut wie keinen Hinweis gibt. Von München ging's da gelegentlich mit Gästen aus dem nahen Osten zum Rüstungsproduzenten Krauss-Maffei."


Selbst im Fadenkreuz der RAF

In der bayerischen Landeshauptstadt war der Personenschützer selbst mal in einer gefährlichen Lage. "Ich hatte in dieser Nacht die Aufgabe, immer nur rund um den Block zu fahren beim Hotel Bayerischer Hof und nach Verdächtigem Ausschau zu halten. Jede halbe Stunde musste ich mich melden.

Mir fiel auf, dass mir immer nur auf einen bestimmten Abschnitt dieser Rundtour ein Wagen folgte. Ich gab das Kennzeichen durch. Es wurde still am anderen Ende des Funkkanals und dann kam die Anweisung: ,Bleiben Sie stehen wo Sie sind und schließen Sie sofort alle Autotüren von innen. Wir kommen.'

Über den Kommandochef habe ich erfahren, dass das ein Terroristenkennzeichen war. Ich stand also selbst für kurze Zeit im Fadenkreuz der RAF. Möllemann war übrigens der einzige Bundestagsabgeordnete, für den Sicherheitsstufe 1 galt, weil auf sein Feriendomizil in Italien ein Anschlag verübt worden war."


Bundestagspräsident war plötzlich weg

Als schönste Zeit bezeichnet Alfons Hollet die Wochen mit dem aus Weißenburg (Mittelfranken) stammenden Bundestagspräsidenten Richard Stücklen. "Der war extrem locker und geerdet. Und er hat mich mal ziemlich ins Schwitzen gebracht. Im Mai 1979 hat er den Anstoß beim DFB-Pokalendspiel in Berlin gemacht. Meine Aufgabe war es an diesem Tag, ihn von zu Hause zum Nürnberger Flughafen zu bringen, und ihn dann dort auch wieder in Empfang zu nehmen. Ich habe mir das Spiel im Fernsehen angeschaut.

Als die Kamera mal wieder über die Prominenten-Sitzplätze im Stadion schwenkte, sah ich: Stücklen war nicht mehr da! Ich raste zum Flughafen und kam gerade noch rechtzeitig an. Er hatte eine Maschine früher nach Nürnberg genommen. Heutzutage hätte er vor solch einer Aktion zum Handy greifen können. Aber damals?"

Im Oktober 1979 wechselte Hollet wieder zum BGS nach Coburg. Seit Einsatzgebiet war der Grenzabschnitt zwischen Neustadt bei Coburg und Tschirn. "Ich habe gern Grenzstreifen gemacht und den Frankenwald genossen. Wir waren immer zu dritt: ein Fahrer, ein Streifenführer und ein zweiter Nann. Zur Ausrüstung gehörten Gewehr, Pistole, Rucksack, Fernglas und dienstliche Kamera.


"Kleine Grenzverletzung"

Einmal hatte ich den Dienst-Fotoapparat vergessen und es gerade an diesem Tag es zu einem kuriosen Vorfall kam. Im Wald oberhalb von Ludwigsstadt gab es eine terrassenförmigen Aufmauerung. Wir hörten, dass da oben gerade DDR-Grenzer liefen. Plötzlich machte einer den Hosenstall auf und pinkelte rüber in den Westen. Und ich konnte es nicht fotografieren!"

Seit 2014 ist Alfons Hollet (61) in Pension. Nach seiner Zeit beim Bundesgrenzschutz war er als Rechtspfleger tätig. Der Vater von drei Söhnen und Opa von vier Enkeln mag seine neue Tätigkeit als Gästeführer in Bamberg, weil er eine Leidenschaft für Geschichte, Land und Leute hat.