"Liebe und Freude ist das A und O." Die Worte tragen schwer in der Weite des hohen Raumes. Die Weisheit aus zweiundneunzigeinhalb Jahren schwingt mit. Dann wendet sich der Mann mit markantem Haupthaar und den Brillenbügeln oberhalb des Ohres, wieder ganz seiner Königin zu. Der "Königin der Instrumente", wie er sie liebevoll nennt, der Orgel in der Heilig-Geist-Kirche. Seit sie hier 1993 nach Maß eingebaut wurde, spielt Alfons Zeis das Instrument, Orgel an sich seit gut acht Jahrzehnten in Gottesdiensten. Noch immer ist der Herr mit den auffälligen weißen Baumwollhandschuhen in Lichteneiche als Organist im Einsatz.

"Es gibt nur noch wenige Organisten, die sind gefragt und gut beschäftigt", weiß Monika Kühnel. Die Tochter von Zeis. Denn ohne deren Hilfe würde er nach seinem Sturz die 24 Stufen bis hoch auf die Empore nicht mehr schaffen. "Orgelspielen ist wie Gehirnjogging für mich", sagt Zeis und: "Ich hoffe, ich kann das noch lange machen", schiebt er gleich hinterher.

Schon der Vater des Wiesengiechers war Organist. Am Harmonium hat er dem mittleren seiner drei Kinder die Harmonielehre beigebracht. Dann begleitete der Sohn den Vater in die Kirche, sah ihm beim Orgelspielen zu und den Rest dessen, was er kann, kennt und beherrscht, hat sich der Sohn des Schustermeisters "erlauscht, erhört und probiert", kurzum alles selbst beigebracht.

Offenbar mit Erfolg. Denn Zeis war über Jahrzehnte gefragter Organist. Obwohl er bei ersten Versuchen falsch spielte, "ich hab' umgeschmissen", wie er verschmitzt sagt. Aber das hätten die Leute nicht gehört, weil sie selbst Lieder sangen. Auf jeden Fall begann Zeis bereits in jungen Jahren, Gottesdienste an der Orgel zu begleiten. Auch weil der eigentliche Wiesengiecher Organist in den Krieg eingezogen war.

Aus Wiesengiech ging der junge Zeis nach Bamberg, wo er eine Lehre als Metzger absolvierte und seine Frau Berta, genannt Berti kennenlernte. Die war im im Kirchenvorstand und im Chor von St. Heinrich aktiv. Alsbald übernahm Zeis hier das Organistenamt. Und im Lauf der Jahrzehnte immer noch weitere. Aus der ehrenamtlichen Tätigkeit wurde eine hauptamtliche. Aber zunächst hat der Metzgermeister 17 Jahre im Bamberger Schlachthof gearbeitet. "Er war verantwortliche für Hartwurst", wirft Tochter Monika an dieser Stelle vereinfachend ein.

Zunächst wirkte ihr Vater in der Heilig-Geist-Gemeinde ehrenamtlich als Mesner. Ab 1973 und bis zur Rente war er hauptamtlicher Mesner, Hausmeister für Kirche, Pfarrhaus, Kindergarten und natürlich Organist. Er hat sich dabei auch viel in der Jugendarbeit engagiert, "Vertrauen gesät, und Vertrauen geerntet". Alfons Zeis liebt bibelähnliche Worte. "Der Glaube ist meine größte Kraftquelle", sagt der Witwer predigtgleich ins Kirchenschiff. Freilich hat der Raum hier keine Akustik. Mancher Musiker weigere sich unter solchen Voraussetzungen überhaupt anzutreten.

Zeis stört es nicht, Zeis kommt damit zurecht. Zeis passt sich an. Er spielt die Orgel und mit der Königin der Instrumente selbst. "Für mich ist Hören das Wichtigste", erklärt er und "das meiste habe ich erhört". Weil er bei der Musik so viel heraushört, wurde er auch von namhaften Musikern um Hilfe gebeten.

Aus dem Hören heraus ergeben sich dann die Kreationen und Interpretationen von Zeis, etwa zum bekannten Passionsklassiker "Oh Haupt voll Blut und Wunden". Das schickt wohl kaum einer im Wechsel so zart und dann wieder so wuchtig wie er durch die Orgelpfeifen. Während ein sanftes und zugleich verschmitztes Lächeln die Gesichtszüge des 92-Jährigen umspielt.

In der Basilika

"Bach ist mein größtes Vorbild an der Orgel", schwärmt Zeis und wird zugleich im Hinblick auf seine Königin doch wieder ganz profan: "Orgeln sind im Prinzip alle gleich." Zeis meint damit den Aufbau. "Sie haben zwei Manuale oder vier." Zeis behauptet von sich, er spiele jede Orgel gleich gern, was auch für die Lieder gelte. Freilich ist er schon ein bisschen stolz darauf, dass er die in der Basilika zu Vierzehnheiligen spielen durfte. Da hatte Sohn Wolfgang für ihn zum 90. Geburtstag eine spezielle Führung organisiert. Während Alfons Zeis bekennender Autodidakt ist, hat Sohn Wolfgang eine richtige Ausbildung mit Prüfungen und dergleichen absolviert.

"Der spielt besser als ich", stellt er nüchtern fest, um spitzbübisch zu ergänzen: "Aber ich spiel besser." Tochter Monika, ganz Diplomatin, formuliert es so: "Mein Bruder spielt anders." Das lassen wir jetzt einfach mal so im Kirchenschiff verhallen. Dafür dann die Frage, was es mit den Handschuhen auf sich hat: "Ganz einfach, weil ich seit zwei Jahren im Sommer an den Händen schwitze." Im Laufe der Jahrzehnte hat sich eben einiges geändert.

Zusammenspiel mit Pfarrer

Auch die Lieder. Für die meisten gängigen reicht Zeis das Gesangbuch, das Gotteslob. Ist ein Lied neu für ihn, stellt er die Orgel auf stumm und übt es in der Predigt, klare Sache und in der Praxis bewährt. Ganz klar auch seine Ansage dazu, was ein Organist zu tun hat: "Er hat das Volk zu begleiten, nicht zu jagen und nicht zu bremsen." Genau das steht im Organistenbuch von 1936, lässt er mit dem ihm eigenen Schmunzeln wissen. Gottesdienst heißt für den Organisten auch Zusammenspiel mit dem Pfarrer, den er über den Spiegel an der Orgel sehen kann. "Ich kenne die Liturgie ganz genau."

Mit jedem Pfarrer sind die Absprachen anders. Aber eines wird Zeis nie vergessen: "'Organist aufhören!', hat der Pfarrer durch die Kirche geschrien." Bei einem vermeintlich falschen Lied. Doch das war ihm falsch übermittelt worden.

Die sieben Enkel, so Zeis mit einem Strahlen in den Augen, "das ist mein größter Stolz". Nur spiele leider keiner davon Orgel. Ach ja, und den FT schätzt er auch sehr und liest ihn jeden Morgen "von A bis Z". Dann landen wir thematisch beim Backen. Zeis hätte noch so viel zu erzählen, was er mit Liebe und Freude tut. Aber dann wird es doch frisch in der Kirche und wir möchten gehen, bevor wir alle noch eine Erkältung davontragen. "Ich jag' Euch naus aus der Kirche", droht Zeis gespielt und dann zieht er Register um Register, bearbeitet die zwei Spieltische mit den Händen und die vielen Pedale unten mit den Füßen. Unter gefühltem Donnergrollen und Lichtblitzen mit himmlischem Unterton machen wir uns auf den Weg. "Ich hoffe und wünsche mir, dass ich das noch lange machen kann", wiederholt Zeis zum Abschied.

KOMMENTAR

Einen Förderverein gründen

Alfons Zeis ist ein ganz besonderer Repräsentant einer Profession, die es in dieser Form wohl nicht mehr lange geben wird. Kaum vorstellbar, dass ein heute junger Mensch acht Jahrzehnte lang Sonntag für Sonntag zum Lobe Gottes die Kirchenorgel spielt. So eine Generation wird es vermutlich nicht mehr geben. Mit so viel Idealismus und derartiger Hingabe.

Heute streben Menschen eher eine Work-Life-Balance an, und da dürften wohl Ehrenämter am ehesten einer Ausgewogenheit zum Opfer fallen.

In Zeiten, in denen vor allem in der katholischen Kirche Männer den "Betrieb am Altar" am Laufen halten, die eigentlich schon lange das Renteneintrittsalter überschritten haben, findet nicht mehr überall jeden Sonntag Gottesdienst statt. Also braucht es in diesen Kirchen auch nicht jeden Sonntag einen Organisten und damit insgesamt weniger.

Wenn weniger gebraucht werden, werden entsprechend weniger "angeworben".

Bleibt die Frage, wo der Mangel sich eher bemerkbar macht, bei Priestern oder Organisten?

Wobei die Organisten, die ich da so in Kirchen angetroffen habe, immer ganz besondere und meist sehr interessante Menschen gewesen sind. Es war bislang auch immer etwas Besonderes, "der" Organist, oder auch "die " Organistin zu sein. Schließlich gehört schon einiges dazu, so ein Instrument, das mit Händen und Füßen gespielt werden muss, zu beherrschen.

"Großer Gott, wir loben dich" entfaltet allein schon durch die vielschichtige Klanggewalt dieses Instruments einen ganz wesentlichen Teil seiner unbeschreiblichen Wirkung. So wie das Orgelspiel an sich einen nicht zu unterschätzenden Teil eines jeden Gottesdienstes ausmacht. Nicht umsonst kümmern sich seit Jahrzehnten vielerorts Orgelfördervereine darum, dass Kirchen weiterhin damit bestückt bleiben. Vielleicht ist es ja allmählich an der Zeit, über die Gründung von Organisten-Fördervereinen nachzudenken, damit die beeindruckenden Instrumente auch in Zukunft erklingen.