Das Jahr 2011 bleibt nach wie vor der Maßstab. Damals verließen rund 7,5 Millionen Reifen das Werk von Michelin in Hallstadt (Landkreis Bamberg). Seither waren es immer ungefähr eine Million weniger. Auch in diesem Jahr plant man in Hallstadt mit 6,5 Millionen Exemplaren. Machbar wären aufgrund der Kapazität 8,5 Millionen.
Doch die Ursache für diese längere Stagnation liegt weder am fränkischen Standort, einem von fünf Michelin-Werken in Deutschland, noch am französischen Reifenhersteller selbst. Es ist der Markt, der allen Produzenten zu schaffen macht. Die Nachfrage nach Reifen ist zurückgegangen, vor allem in Europa - dort, wo auch die Hallstadter ihr Kerngeschäft haben. "Angesichts der verhaltenen konjunkturellen Aussichten dürfte mit 2015 das vierte Jahr in Folge für die Branche schwierig werden", prognostizierte Peter Hülzer, geschäftsführender Vorsitzender des Bundesverbands Reifenhandel und Vulkaniseur- Handwerk, schon im Frühjahr.

Seit 2014 Chef in Hallstadt

Ob die glorreichen Zeiten von 2010 und 2011 irgendwann noch einmal eintreten werden, ist ungewiss. Thomas Nagel, Direktor des Michelin-Werks in Hallstadt, bleibt jedenfalls realistisch. "Der Reifenmarkt ist umkämpft. Wir müssen uns an den schwächeren Markt gewöhnen", sagt der 52-Jährige.
Nagel, seit Februar 2014 für Hallstadt verantwortlich, kennt das Geschäft und auch den Michelin-Konzern bestens. 1987, als der Chemieingenieur seine Laufbahn bei Michelin begann, arbeitete er schon einmal an seiner jetzigen Wirkungsstätte, als Assistent des Bereichsleiters Qualität.

930 Beschäftigte

Es folgten immer wieder Stationen in der Konzernzentrale in Clermont-Ferrand, unter anderem in der Kautschukforschung. Auch in den deutschen Michelin-Werken Homburg und Karlsruhe war Nagel aktiv, unter anderem als Vertriebsdirektor. "Das war mit vielen Reisen verbunden, in Asien, in Nordamerika oder auch in Südafrika", berichtet der Hallstadter Chef. Immer habe er bei seiner Tätigkeit zwischen den Produktlinien Pkw- und Lkw-Reifen gewechselt - bis auf die Aufgabe von 2009 bis 2013: Da saß Nagel in Berlin und vertrat im neu geschaffenen Lobbybüro die Michelin-Interessen bei den Politikern am Regierungssitz.

Mercedes, Porsche und BMW

In Hallstadt geht es für Thomas Nagel um Pkw-Reifen, nur diese werden hier hergestellt. Das Werk mit seinen 930 Beschäftigten hat laut Aussage des Direktors "in den vergangenen Jahren eine enorme Entwicklung durchgemacht". Nagel spricht von mehr Vielfalt und Flexibilität. Noch 2012 habe man hier ausschließlich Reifen mit einer Größe von 16-Zoll produziert. Inzwischen liefen auch die Zoll-Größen 17 und 18 vom Band. Für das Hallstadter Werk, das fast alle großen Autohersteller zu seinen Kunden zählt, bedeutet dies: Es fertigt nicht mehr nur die Reifen für Autos wie den Peugeot 308 oder den VW-Golf. Auch Modelle wie der BMW 7er, die Mercedes E-Klasse oder der Porsche Carrera können nun bestückt werden. Die Branche unterscheidet dabei zwischen Erstausrüstung und Reifenersatzgeschäft. "Wir wachsen bei BMW, Porsche und Mercedes", sagt Nagel. Die größten Kunden seien aber immer noch VW, Peugeot und Ford.

System bestellt automatisch nach

Flexibler reagieren können die Mitarbeiter im Hallstadter Werk inzwischen, wenn es darum geht, Material nachzubestellen. "Wenn ein Reifen gekocht wird, löst unser elektronisches System auf der gesamten Fertigungskette eine Nachbestellung aus", erzählt der Werkdirektor. Und auch das Umstellen einer Fertigungslinie, ein sogenannter Dimen sionswechsel, geht laut Nagel mittlerweile schneller - in der Regel in 20 bis 30 Minuten. Immerhin produzieren die Hallstadter täglich rund 40 unterschiedliche Reifentypen.
Die Zoll-Größe ist dabei nur ein Parameter. Reifen unterscheiden sich daneben auch in Breite und Flankenhöhe. Je größer der Autoreifen, desto größer der Sprit-Verbrauch - dies könne man so nicht sagen, erklärt Nagel. Im Gegenteil. Ein Reifen mit größerer Zollzahl habe weniger Rollwiderstand, weil der Anteil des deformierten Gummis bei weniger Radumdrehungen kleiner ist. Das Problem: Bisher sind größere Reifen zugleich auch breiter, haben mehr Masse und damit mehr Rollwiderstand.

Groß und schmal?

"Die Entwicklung geht hin zu schmaleren und großzolligeren Reifen. Ob sich das durchsetzt, wird man sehen", berichtet Nagel. Michelin teste heute Prototypen mit 19-Zoll und einer Breite von 195 (19,5 Zentimeter). Der Designwunsch der Verbraucher sei aber immer noch "breit und wenig Gummi auf der Felge".
Im nächsten Monat will Michelin in Hallstadt mit der Erweiterung seiner Lagerkapazitäten beginnen. "Damit können wir die Reifenhändler in der Region noch besser bedienen", sagt Nagel. Mehrere kleinere Lager statt großer Logistikzentren - ein neues Konzept bei Michelin.
Der Rest der aktuellen Investitionen am Standort Hallstadt fließt vor allem in die Erneuerung einer der beiden Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.