Irgendwie ist die hölzerne "MS Luther" aus dem Meer, aus der Spurrinne geraten. Das Schiff erinnert an die Arche Noah. An das ledierte "Schiff Kirche", das den Stürmen der Zeit nicht so recht standhält ... Dieses Bild des in Schweinfurt geborenen und nun in Köln lebenden Künstlers Jürgen Wolf drückt augenfällig aus, worum es in dieser neuen Sonderausstellung im Diözesanmuseum geht: Kirche befindet sich in einem ständigen Reformprozess, der darauf abzielt, der Botschaft und dem Wirken Jesu zu entsprechen und Kirche nach dem Wort und Auftrag Jesu erlebbar werden zu lassen. So heißt es im Untertitel dieser Präsentation zeitgenössischer Kunstwerke auch "Künstlerische Impulse zur ständigen Reform".

Die Hauptüberschrift "Luther reicht nicht" passt haargenau zum 500. Reformationsjubiläum 2017. Zum einen wird in diesem Jahr durch die zahlreichen Veranstaltungen deutschlandweit deutlich, dass es nicht immer nur um Luther, um das Wort geht, sondern dass unterschiedliche sinnliche und ästhetische Erfahrungen einen Zugang zu Religion und Reformation eröffnen können. Zum anderen ist dieses Ausstellungsprojekt eine ökumenische Aktion, wie sie das Bamberger Diözesanmuseum bisher noch nicht erlebt hat.


Der schönste Ort

"Die evangelische Kirchengemeinde St. Stephan ist auf uns zugekommen mit der Bitte, diese Ausstellung in unserem Haus zeigen zu dürfen", erklärte Museumschef Holger Kempkens bei einem Rundgang für Pressevertreter. "Luther reicht nicht" wandert nämlich seit eineinhalb Jahren durch Bayern, initiiert vom Arbeitskreis Kirche und Kunst/Unterfranken der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern/ELKB, sowie des Kunstreferats der Diözese Würzburg. Die Kuratoren aus dem Arbeitskreis, Pfarrer Markus Geißendörfer (St. Lukas Aschaffenburg) und Architektin Barbara Bauner (Kirchengemeindeamt Würzburg), begleiteten mit Holger Kempkens und Domkapitular Norbert Jung, Leiter der Hauptabteilung Kunst und Kultur im Erzbischöflichen Ordinariat, die Journalisten durch die Schau.

Für Kuratorin Barbara Bauner ist der Ort Diözesanmuseum der "schönste, den ich mir für diese Ausstellung vorstellen kann". Tatsächlich fasziniert die besondere Interaktion der neuen Kunst mit den alten Exponaten. So bekommen beispielsweise die originalen Apostel- und Prophetenfiguren vom Fürstenportal des Domes ihr verblüffendes Pendant: Zwölf unterschiedliche Nähmaschinenkästchen, arrangiert von der Dresdner Künstlerin Susan Donat. Nur in einem der braunen Kästen liegt ein erklärendes Objekt: ein Schlüssel, der auf den Apostel Petrus verweist. Kurator Geißendörfer schlägt den Bogen zu Martin Luthers Theologie: "Vor Gott sind wir alle geheiligt, wenn wir daran arbeiten". Und die Nähmaschinenkästchen würden eben an Arbeit erinnern.

Nicht jedes Kunstwerk erschließt reformatorisches Denken auf Anhieb. Geißendörfer räumt ein, dass es durchaus "mehrere Interpretationsmöglichkeiten gibt". Das ist wohl gerade das reizvolle an dieser Ausstellung, dass jeder Betrachter - je nach persönlicher Disposition und religiöser (Nicht-)Verortung - mit den Werken etwas anfangen kann.


Viele Deutungen

So sagt Barbara Bauner ganz klar, dass "es keinen christlichen Hintergrund braucht, um diese Kunst anzuschauen". Denn es gehe um "Wahrnehmung: Was macht Kunst mit mir?" Was provoziert etwa der sechsteilige Zyklus im Prägedruck "Ich kann nicht mehr", in dem der Chemnitzer Künstler Michael Morgner einen verpuppten Menschen - im Sarg? als Embryo? - variiert. Der Zyklus assoziiert Luthers Wort "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" und all die inneren Kämpfe des Reformators. Welche Bilder entstehen im Kopf, wenn das in explosiver Farbpracht gemalte Ölbild des Berliners Thomas Lange "melodia apocalittica" betrachtet wird? Und gänzlich frei von interpretatorischen Vorgaben ist die Fotografie "Space # 22" der Wiesbadenerin Nicole Ahland: zartgrau-blau der Hintergrund, davor ein fast quadratischer weißscheinender Würfel. Ja, ins Licht soll jegliche Reformation wohl führen. In die Zuversicht, dass Kirche reformfähig ist. "Ecclesia semper reformanda" - dieser altbekannte Spruch bekommt in dieser Sonderausstellung seinen bildhaften Ausdruck.

Die Schau "Luther reicht nicht - Künstlerische Impulse zur ständigen Reform" ist bis zum 23. Juli im Diözesanmuseum, Domplatz 5, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, montags geschlossen, aber am Pfingstmontag geöffnet. Die Kirchengemeinde St. Stephan bietet ein Begleitprogramm zur Ausstellung an.