Wehmütig wirft Reiner Bauernschmitt einen Blick in die Alte Seilerei, wo gerade Kinder engagiert für ein Ferientheaterprogramm proben. "Das ist doch ein Jammer, das hier alles aufzugeben", sagt der 77-Jährige und steigt noch einmal die Zuschauerränge empor. Für Bauernschmitt war es "eine Schreckensmeldung", als er vor einigen Wochen vom geplanten Verkauf der Seilerei las. Mittlerweile ist der Verkauf vollzogen, bestätigt auf unsere Nachfrage Hans-Ulrich Scheibke für den Chapeau-Claque-Vorstand. Der Name des Käufers soll vertraulich bleiben, die Übergabe zum 30. Juni erfolgen. "Es überwiegt die Wehmut, aber wir konnten nicht anders", sagt Scheibke. "Viele kommen auf uns zu und sagen: So ein toller Spielort, das kann doch nicht sein." Anfang März hatte Chapeau Claque den Verkauf der Alten Seilerei verkündet, angesichts eines jährlichen Defizits von 70 000 Euro sei der Fortbestand des gesamten Vereins gefährdet gewesen. Unerwartet hohe Baukosten hatten von Anfang an für hohe Belastungen gesorgt, während die Lage im Wohngebiet und das damit verbundene frühe Veranstaltungsende sich negativ auf die Einnahmen auswirkte. Scheibke sagt aber auch: "Ich kenne keine Spielstätte in Deutschland, die ohne Zuschüsse auskommt."

Für das Architektenpaar Barbara und Reiner Bauernschmitt war das "Werkraumtheater" einer der Gründe, weshalb es 2017 in das so genannte Kraftwerk auf dem Schaeffler 2.0-Gelände gezogen ist. Gern erinnert sich Reiner Bauernschmitt an Theaterveranstaltungen in seiner direkten Nachbarschaft. Er hat hier auch Nora Gomringer im Gespräch mit Peter Zumthor gesehen, skandinavischen "Wikingerjazz" gehört oder ein Konzert der Oberammergauer Kultband "Kofelgschroa" miterlebt.

Die Kultureinrichtung war für Bauernschmitt wichtiger Teil eines modernen Wohnumfelds: "Singles, Studenten, ein paar ältere Paare, seit kurzem junge Familien mit vielen wunderbar lebhaften Kindern, eine brauchbare Mischung, gegenüber ein lebendiges Theater mit Café - man selbst mittendrin." Freilich gab es auch andere Anwohner, die den Kulturbetrieb wenig wohlwollend begleitet hätten. "Ich hatte damit nie ein Problem, da ging es bei den abendlichen Grillfeiern auf den angrenzenden Dachterrassen lauter zu", sagt Bauernschmitt.

Abschied von der Spielstätte

Für Chapeau Claque gilt es nun, die Übergabe vorzubereiten. Bühne und Zuschauerränge, die eigentlich für diesen Spielort maßgeschneidert waren, werden erst einmal abgebaut und eingelagert. Der Terminkalender der Seilerei wurde so gestaltet, dass dafür gerade noch genug Zeit bleibt. "Es ist schade, die Alte Seilerei hat auch vielen neuen Theatergruppierungen Raum geboten, diese Spielstätte ist jetzt weg", sagt Scheibke.

Auch Heidi Lehnert, künstlerische Leiterin von Chapeau Claque, trennt sich schweren Herzens von der Alten Seilerei. Am Ostermontag war dort das Bamberger Kindertheater zum letzten Mal mit dem Kinderstück "Schnickschnack & Schnuck" zu Gast. "Da hab ich vorher schon überlegt, ob ich's schaffe, nochmal hinzugehen", sagt Lehnert. "Wir haben uns aber gefreut, dass wir uns hier noch mal von vielen Leuten verabschieden konnten." An zahllose Bühnenmomente denkt Heidi Lehnert zurück. Besonders an die Anfänge in der Seilerei, wo beim Stück "Pinguine können keinen Käsekuchen essen" die Rest-Baustelle einfach ins Bühnenbild integriert wurde. Am 29. Juni wird Chapeau Claque doch noch einmal die alte Spielstätte besuchen: Im Anschluss an die "Heidi"-Premiere auf einer Ziegenweide in Wildensorg zieht es die Theaterleute in die Stadt, um der Alten Seilerei auf Wiedersehen zu sagen. Die künstlerische Leiterin ist überzeugt: "Das Theater wird weitergehen - wo auch immer."

Reiner Bauernschmitt hätte die Stadt in der Pflicht gesehen, die Kultureinrichtung zu übernehmen und fragt: "Wäre es nicht wichtig, den Kulturraum Alte Seilerei als ,Trittstein' auf dem Weg zum ,Kulturpfad Regnitz-Ufer' zu erhalten? Schließlich hat man sich erst vor kurzem aus wirtschaftlichen Gründen von zwei benachbarten Gebäuden getrennt, die für eine kulturelle Nutzung im Gespräch waren: die Gaststätte im Schlachthof und das Hallenbad, beides Baudenkmäler im Besitz der Stadt." Bauernschmitt verweist auf seine Heimatstadt Haßfurt, wo vor Jahren der mittelalterliche Zehntspeicher aufwändig zur Stadthalle umgebaut wurde und seither für größere Veranstaltungen aller Art zur Verfügung steht, für Theater, Konzerte und Ausstellungen.

Mit dem Wegfall der Alten Seilerei geht der Bamberger Kulturszene einiges verloren, sagt auch Hans-Günther Brünker von der Interessengemeinschaft Freie Darstellende Künstler.

Er glaubt aber nicht, dass es der Idealfall gewesen wäre, wenn die Stadt die Alte Seilerei einfach übernommen hätte: "Wir müssen nun gemeinsam ein Konzept entwickeln, das funktioniert." Es gelte, in Bamberg etwas Längerfristiges aufzubauen, die IG bringe sich gern in die Überlegungen ein. Doch davor seien kurzfristige Lösungen gefragt. Und die habe er in den bisherigen Gesprächen mit Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Kulturbürgermeister Christian Lange (CSU) vermisst.

"Ich bedauere das wirklich sehr, wenn die Alte Seilerei nicht mehr als Spielort vorhanden sein wird", hatte Lange nach Bekanntwerden der Verkaufspläne erklärt. Die 15 000 Euro, mit denen der Stadtrat in den vergangenen Jahren Theatergruppen unterstützt hat, die in der Alten Seilerei auftreten, sollen möglichst in anderer Form der freien Szene zugute kommen. Nicht zuletzt angesichts knapper Proben- und Auftrittsmöglichkeiten spricht sich Lange dafür aus, das Kesselhaus weiterzuentwickeln, da sich dort viele Bedarfe abdecken ließen. Ein weiteres Zentrum könne auf dem Lagarde-Campus entstehen. Doch beide Vorschläge bieten eher mittel- und langfristige Lösungen.

"Hinsichtlich der akuten Raumproblematik ist schon auch die Stadt gefragt", sagt Brünker. Das Immobilienmanagement der Stadt solle zum Beispiel prüfen, wo noch etwas möglich sei - und sei es nur für ein paar Monate Zwischennutzung. "Es war sehr gut, dass die Alte Seilerei da war. Nun müssen wir die Chance suchen, die in jedem Umbruch steckt", sagt Brünker. "Langfristig wünschen wir uns ein Haus der freien darstellenden Künste, nicht nur als Spielstätte und Probenumgebung, sondern generell als Ankerpunkt und Anlaufstelle."

Nicht nur für Reiner Bauernschmitt war die Alte Seilerei ein solcher Ort - in direkter Nachbarschaft. Er wird sie vermissen.

KOMMENTAR von Stefan Fößel

Wenn der Vorhang fällt

Und plötzlich ging alles sehr schnell mit der Alten Seilerei. Kein Wunder, dass eine derart attraktive Immobilie sofort einen Käufer gefunden hat. Ein Jammer, dass der Verkauf für den Verein alternativlos geblieben ist. Nach drei spannenden Jahren wird ein funktionierender Spielort wieder zerlegt und wohl bald zum Wohnort. Dass Chapeau Claque mit der Alten Seilerei keine schwarzen Zahlen schrieb, kann dem Verein nicht angelastet werden. Denn mit Kulturbetrieb lässt sich überall schwer Geld verdienen, wohl aber zum Beispiel auch ein Wohnumfeld aufwerten.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das Kesselhaus weitere Erwartungen erfüllen kann, ob es neben der bildenden auch der darstellenden Kunst genug Raum bieten kann. In jedem Fall würde die Weiterentwicklung Geld kosten, ein Vielfaches der 70 000 Euro im Jahr, die die Alte Seilerei am Leben erhalten hätten.

Davor geht die Suche nach Provisorien weiter. Dass sie ernsthaft betrieben wird, haben die vielen engagierten Künstler verdient - auch wenn sich so schwer etwas mit Kunst verdienen lässt. s.foessel@infranken.de