Ein Bein auf dem Boden, auf der Holzbank das andere. Darauf die Gitarre. Christina schließt die Augen, spielt eine einfache Akkordfolge und singt dazu kraftvoll exotische Klänge einer ungewohnten Sprache mit vielen langen Vokalen. Der Pfeiler der Kettenbrücke spendet der Münchnerin auf Durchreise ein wenig Schatten an diesem heißen Tag. Passanten lächeln. Verlangsamen den Schritt. Sehen sich um. Zögern. Und ziehen dann meist schnell weiter. Ein Mann bleibt eine halbe Minute stehen, wippt mit dem Fuß und wirft Kleingeld in Christinas Gitarrenkoffer. Zwei junge Frauen hören von der anderen Seite aus zu.

Straßenmusik. In Bamberg normalerweise kein seltenes, im Corona-Sommer aber ein ungewohntes Bild. Die Pandemie verunsichert: Darf die das? Darf ich stehenbleiben? "Zur Vermeidung von Menschenansammlungen werden derzeit keine Genehmigungen für Straßenmusik ausgestellt", heißt es von der Stadtverwaltung. Solche Genehmigungen gibt es für die Fußgängerzone, Hauptwachstraße, Kettenbrücke und Kettenbrückstraße. Sie müssen persönlich beim Stadtmarketing beantragt werden und sind kostenpflichtig. "Laute Instrumente" wie Schlagzeuge sind nicht erlaubt, zudem dürfen maximal drei Musiker zusammen spielen.

Bisher. Aufgrund der Krise soll sich das bald ändern: In einem Antrag mit dem Titel "Sommer der Straßenkunst" fordern Grüne, SPD, ÖDP und Volt unter anderem, dass das Gebiet erweitert, die Zahl der Künstler erhöht und die Genehmigung kostenlos sein soll. Laut SPD-Fraktionsvorsitzendem Klaus Stieringer werde gar eine Auftrittsprämie diskutiert. Zudem sollen nicht nur Musiker, sondern alle Kulturschaffenden auftreten dürfen - etwa auch Maler, Jongleure und Zauberer. Die Atmosphäre könne sich als Nebeneffekt auch auf den ebenfalls gebeutelten Einzelhandel positiv auswirken.

Wird der Antrag vom Stadtrat bewilligt, gelten die neuen Regeln bereits ab 15. Juli. Die Maßnahmen sollen nach dem Wegfall großer Feste wie Bamberg zaubert oder der Sandkerwa dafür sorgen, dass "ein Stück Normalität in die Stadt zurückkehrt", so der Stadtmarketing-Chef. "Die Kunstszene braucht unsere Hilfe." Die massiven, krisenbedingten Einbußen könne erweiterte Straßenmusik alleine aber nicht auffangen.

Das sieht auch Andreas Klenk von der Bamberger Jazz-Punk-Band "Dr. Umwuchts Tanzpalast" so: Bei einem Auftritt auf einem Festival oder einem Konzert in den Haas-Sälen käme ein vierstelliger Betrag zusammen. An einem sehr guten Straßenmusik-Tag ein dreistelliger. Auch die staatlichen Künstlerhilfen könnten nicht annähernd ersetzen, "was ein Sommer für einen Musiker bedeutet".

Auf den Straßen der Domstadt sind die Musiker bereits im Juni bei einer kleinen Version des jährlichen Straßenmusik-Festes "Fête de la Musique" in der Sandstraße aufgetreten. Initiiert von der Interessengemeinschaft (IG) Sand. "Die Leute sind ausgehungert und sehnen sich nach Kulturveranstaltungen", meint IG-Geschäftsführer Markus Schäfer. Und auch Künstler Klenk habe "große Euphorie empfunden", weil er endlich wieder vor Publikum spielen durfte.

"Allerdings bekommt man schnell das Gefühl: Es werden zu viele", meint Schäfer. So durften die drei Bands je nur drei Lieder und eine kleine Zugabe spielen. Die Zuschauer wurden teils mehrfach aufgefordert, die Abstände einzuhalten und sich nach den Mini-Konzerten wieder zu zerstreuen. "Anders hätte ich das nicht verantworten können." So lag ein dazugehöriger Video-Dreh im Fokus. "Um zu zeigen: Die Musiker sind noch da, die Fête ist noch da." Die Künstler bekamen eine kleine Gage - aber wieder "nur ein Tropfen auf dem heißen Stein". Wolle man den Künstlern wirklich helfen, brauche man mehr Platz.Auf der Jahnwiese etwa ließen sich die Abstandsregeln besser einhalten.

Den öffentlichen Raum mehr für Kulturveranstaltungen zu nutzen, wünscht sich auch Grünen-Stadtrat Michael Schmitt, der Mitglied im Organisationsteam des Kontakt-Festivals ist.

Dass dafür dringend Rahmenbedingungen geschaffen werden müssten, zeige etwa das Gedrängel auf der Unteren Brücke. "Die Leute waren lange genug zu Hause. Wenn jetzt keine Bühnen offen haben, müssen die irgendwo hin." Musiker Klenk sieht das ähnlich: "Auch als Gast möchte ich erleben, dass Menschen zusammenkommen und Kunst machen. Das ist es, was das Leben süß macht."

In einem gemeinsamen Antrag mit SPD, ÖDP und Volt fordern die Grünen um Schmitt deshalb, dass die Stadtverwaltung mögliche Veranstaltungsorte prüft. Dazu wird ein Kriterienkatalog angeregt, in dem unter anderem die maximale Personenzahl, Dauer und Häufigkeit von Veranstaltungen festgelegt werden soll.

Das sagt die Kulturreferentin

Als Beispiel nennt Schmitt die Jahnwiese und die Erba-Insel. "Mit Markierungen auf dem Boden wie in anderen Städten lässt sich auch der Mindestabstand einhalten", nennt Schmitt Möglichkeiten für Auftritte in Pandemie-Zeiten. Hinweistafeln und Durchsagen würden auch helfen. "Es ist ja im eigenen Interesse der Künstler, dass keine zweite Welle kommt."

Wenn sich die Veranstaltungen mit zeitlichem Abstand über die Stadt verteilten, sei auch mit mehr Verständnis in puncto Lärmschutz zu rechnen. "Es muss ja nicht bis 4 Uhr morgens gehen. Aber ein bisschen mehr sollte schon möglich sein."

Die neue Kulturreferentin Ulrike Siebenhaar steht den Ideen grundsätzlich positiv gegenüber: "Aus Hygieneschutz-Gründen sind Außenveranstaltungen auf jeden Fall besser. Wo es möglich ist, wollen wir solche Initiativen unterstützen und genehmigen." Allerdings gelte es, "elegante Lösungen" zu finden. Auf der Jahnwiese sind aus Natur- und Lärmschutzgründen bis zu zehn Veranstaltungen im Jahr erlaubt. Mehr sollen es laut Siebenhaar auch heuer nicht werden. Die Erba-Insel sieht sie für Band-Auftritte kritisch, da es dort immer wieder Lärmbeschwerden von Anwohnern über nächtliche Partys gebe. Und keinen Strom. "Es spricht aber nicht dagegen, zum Beispiel die Pyramiden-Hügel für darstellende Kunst zu nutzen."

Ein ganzes "Antragspaket" zum Thema wird am Donnerstag im Kultursenat behandelt. "Da werden wir sehen, was geht." Schmitt hofft auf rasche Lösungen. ",Der Sommer will genutzt sein', singt schließlich auch Dr. Umwuchts Tanzpalast", scherzt er.