Wie geht das? Einerseits hält Bayern an dem Ziel fest, bis 2021 mehr als 1000 Windkraftanlagen neu zu bauen. Andererseits hat die CSU in den Koalitionsverhandlungen in Berlin einen Passus durchgepaukt, der größere Abstände zwischen Windrädern und Wohnhäusern vorsieht. Damit schrumpfen die Windkraftflächen im Freistaat enorm. Auf den ersten Blick und vor allem in Franken.
Die Lösung des Rätsels findet man auf den zweiten Blick da, wo man sie kaum vermutet: Bei den bayerischen Staatsforsten und im Landwirtschaftsministerium hat sich der Wind gedreht: Während Windräder in den lauschigen Wäldern des Freistaats vor wenigen Jahren ein Graus waren, kommen sie jetzt im Mäntelchen der Nachhaltigkeit schick daher.

Rund 22 000 der 800 000 Hektar Waldfläche in den Händen der Staatsforsten wurden über Optionsverträge bereits für die Windkraft reserviert.
"Das sind 151 Areale", sagt Philipp Bahnmüller, der Sprecher des Forstunternehmens; 56 davon befinden sich in Ober-, Unter- und Mittelfranken. Die Liste ist nach oben offen, wenngleich die Staatsforsten "wegen der neuen Rechtslage" erst einmal einen Flächensuchstopp verkündet haben. Es bleibt aber dabei: Eine "intensivere Nutzung der Windenergie ist für die Staatsforsten bedeutend, da sie das größte Ausbaupotenzial aufweist".

Also was jetzt? Während Ministerpräsident Horst Seehofer die drohende "Verspargelung" der "schönen bayerischen Landschaft" geißelt, lockert Forstminister Helmut Brunner (CSU) die Zügel: Auch in Landschaftsschutzgebieten und Naturparken heißt es nicht mehr "Windkraft pfui". Warum? "Weil hier die Auswirkungen auf das Landschaftsbild klein und die Abstände zu den Siedlungen groß sind."

Bayerische Doppelstrategie

Die bayerische Doppelstrategie macht das Unmögliche möglich: Man kann in einem Atemzug ein Windkraft-Paulus und -Saulus sein. Der Nutzen ist ebenfalls ein doppelter: Die Landesregierung umschifft die Konflikte mit der wachsenden Zahl von Bürgerinitiativen, die gegen die Windenergie Sturm laufen. Und auf diesem Pfad sichert sich der Freistaat das größte Stück vom lukrativen Windkraftkuchen.
Für die 30 Windräder, die bereits im Staatswald stehen, kassiert das Forstunternehmen je nach Leistung zwischen 5000 und 13 000 Euro Pacht pro Jahr. Es ist kein Zufall, dass die ertragreichsten Standorte, die der bayerische Windatlas ausweist, meist im Staatswald zu finden sind. Tatsächlich reichen die 22 000 Hektar Optionsfläche rechnerisch längst für mindestens 1000 Windräder; damit ließe sich das Ausbauziel für die Windkraft, an dem Bayern nicht rüttelt, alleine im Staatswald verwirklichen. 1000 mal 13 000 ergäbe 13 Millionen Euro Pachtzins im Jahr; ein leicht verdientes Zubrot zum Jahresgewinn der Staatsforsten (das waren 72 Millionen Euro in 2012).

Als Don Quichotte der Windenergie nimmt es Seehofer in Kauf, dass er beim Kampf um die Windmühlen von allen Seiten Prügel bezieht, auch aus den eigenen Reihen und aus beiden Richtungen: Der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Göppel aus Ansbach verweigerte wegen der Windungen bei der Energiepolitik gar als einer von drei Unionsabgeordneten sein Ja zum Koalitionsvertrag. Seehofers Wind-Richtung sei ein "Hüftschuss", der der Energiewende den Wind aus den Segeln nehmen werde.
Bert Horn dagegen, der CSU-Bürgermeister von Bad Steben, fürchtet im Gegenteil, dass die Staatsforsten im Frankenwald und in anderen Naturparken Windräder pflanzen - wie zum Hohn vor der Nase der Kommunen, deren seit Jahren geschmiedete eigene Windkraftprojekte an den möglichen neuen Abstandsgeboten scheitern.