"Wir haben in den letzten fünf Jahren eine Menge für Werbung ausgegeben. Wir werben ständig mit Flyern, Plakaten und im Mitteilungsblatt. Hängengeblieben sind etwa drei, vier Mann." Eine eher bescheidene Bilanz, die Reinhold Stubrach da zieht. Und wegen Corona wird alles noch mal schwieriger, sagt der Dirigent des Gesangvereins im Steigerwald Burgebrach.

Bereits nach dem 19. März war es vorbei mit den Gesangstunden im Burgebracher Männerchor ein. Ebenso bei den zig im Fränkischen Sängerbund organisierten Chören und ihren über 3000 Sängerinnen und Sängern. Abgesagt auch das Leistungssingen diesen Monat in Ansbach. Das große Fränkische Chorfest 2021 wurde sicherheitshalber schon mal auf 2022 verlegt.

Stubrach blickt zurück. 1986 war die Mitgliederwerbung recht einfach. "Ihr geht jetzt mal mit zum Singen, Ihr schaut Euch das mal an", hatte der Vater eines guten Freundes zu ihm gesagt. Da war Stubrach 21. Aus dem "mal anschauen" wurde ein Vereinsbeitritt, aus dem Newcomer seit 2000 der Dirigent. Jeden Donnerstag wird ab 20 Uhr in einer örtlichen Gastwirtschaft geprobt. Danach sitzen die 25 bis 30 Männer (der Älteste ist gut weit über 80) zusammen und tauschen sich aus. Reinhold Stubrach gefällt die Gemeinschaft, das Gesellige. Man harmoniert offenbar auch jenseits der Bass- und Tenorstimmen. "Wer singt, ist fröhlich", ist die Erfahrung des 54-Jährigen. Das halte jung und gesund. Ein Lebenselixier eben. Das ihm gerade jetzt fehle.

Erst lange nach dem Frühjahrs-Lockdown durfte wieder geprobt werden. Natürlich mit strengem Hygienekonzept. Vom Zimmer der Gastwirtschaft wich man der Abstände wegen in den Saal aus. "20 Minuten Proben, alle raus, zehn Minuten Stoßlüften. Dann wieder 20 Minuten Proben. Das Ganze dreimal nach einander."

Der Fränkische Sängerbund hat vor kurzem empfohlen, nur noch zu proben, wenn der gelbe Corona-Ampelwert wieder unterschritten ist. Somit ist jetzt wieder Schluss mit gemeinschaftlichem Singen bei den 78 Vereinen des Sängerkreises Bamberg mit seinen sechs Sängergruppen und derene Chören.

Der Gesangverein im Steigerwald Burgebrach wurde 1858 gegründet und gehört damit zu den ältesten, zeigt sich Stubrach stolz. "Früher wurde ganz allgemein mehr, wurde überall gesungen", stellt er fest: beim Wandern, bei Festen, bei Fahrten. "Heute wenn Du singst, dreht sich alles um und fragt: Was ist denn los?"

So sei es entsprechend schwierig, Nachwuchs zu bekommen. Entsprechend alt sind dann auch manche Chöre: Wie Stubrach begonnen hat, gehörte er zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Kumpel zu den Jüngsten. Und heute ist es immer noch so.

Woran macht Stubrach fest, dass Gesangvereine nicht gerade die Magneten sind? Einerseits liege das wohl am Elternhaus, wenn da nicht gesungen wird. Dann gehöre Musik mit zu den Schulfächern, die als erste geopfert werden. Schließlich beobachte er, dass heute immer weniger Menschen bereit sind, sich in ihrer Freizeit fest zu binden. So erklärt er auch das Phänomen, dass Projektchöre, also für bestimmte Konzertprojekte auf Zeit zusammengesetzte Chöre noch am ehesten Zulauf haben. "Davon bleiben dann aber höchstens zwei, drei für einen Gesangverein."

Stubrach und die Seinen freuen sich immer auf die wöchentliche Probe. Was im Umkehrschluss heißt, dass man im Moment nicht so ganz weiß, was man mit und an Donnerstagabenden machen soll. Fernsehen stellt für Stubrach da keine echte Alternative dar. Denn da gehört die Fernbedienung seit Jahren der Ehefrau. Die selbstverständlich ihrerseits in einem Burgebracher (Frauen-) Chor singt. Mittwochs. Jetzt pausiert auch sie. Allein zu singen sei einfach nicht das Gleiche, wie in der Gemeinschaft. Doch daran könnte jetzt auch die aufwändigste Werbekampagne nichts ändern.

Zum Sängerkreis Bamberg:

Zu der stärksten Gruppen bei den Aktiven zählt Wolfgang Schön die mittleren Alters, also die 30- bis 65-Jährigen. Die nächstgrößere Gruppe stellen die ab 65. Der Vorsitzende des Kreisgruppe Bamberg im Fränkischen Sängerbund (FSB) weiß um das Nachwuchsproblem bei den Gesangvereinen. Was durch Corona derzeit noch verstärkt werde. "Aber eine Zukunft sehe ich schon", selbst wenn sich die Zahl der Vereine verringere. Denn, wenn lange nicht geprobt werden könne, werde es schwierig.

Im Gegensatz zu anderem könne man Chorproben nicht online abhalten: "Da hört man den anderen versetzt", macht Schön deutlich, der auch selbst als Sänger aktiv ist. So weiß er auch, dass es in Chören um das gemeinschaftliche Gesangserlebnis gehe. "Die Erfahrung, mit einfachsten Mitteln gemeinsam etwas zu erreichen."

Im Chor zu singen, habe eine lange Tradition. Die meisten Vereine, zuerst waren es ausschließlich Männerchöre, wurden vor weit über 100 Jahren gegründet. Und auch der Sängerkreis Bamberg kann 2022 sein 100-jähriges Bestehen feiern.

Im Chor singen habe auch etwas von Team-Sport macht Schön deutlich. Denn schon längst spielt auch der Leistungsgedanke eine Rolle: "Alle zwei Jahre veranstaltet der Fränkische Sängerbund Leistungssingen für Chöre. Es gibt dabei vier Leistungskategorien, A bis D." Die von der Jury verliehene Auszeichnung FSB-Leistungschor darf ein Chor vier Jahre führen. Derzeit dürfen es das Vokalensemble 440 Herz Hirschaid, der Kreisjugendchor Bamberg und die Vokalgruppe Frequenzia Burgebrach.

Zu den größten Gesangvereinen zählt Schön den Gesangverein 1919 Gundelsheim (209 Aktive), den Liederhort 1892 Hallstadt (106 Aktive) , Liederkranz Memmelsdorf (84) und Frohsinn 1872 Bischberg (80). Zu den größten Chören gehören laut Schön die Schulchöre von Kaiser Heinrich Gymnasium und E.T.A. Hoffmann Gymnasien sowie der Chor der Universität mit jeweils über 100 Aktiven.

Auftritte stellen die Motivation fürs Proben dar. Aerosol nennt Schön für Sänger als wohl das "Unwort des Jahres".

KOMMENTAR

Gesangvereine bleiben wichtig

Eigentlich geht das so überhaupt nicht zusammen - der schon länger anhaltende Hype um Gesangstalent-Such-Shows und der Mitgliederrückgang bei Gesangvereinen.

Nach den ersten neu gefundenen Stars hätten sich eigentlich die organisierten Gesangsspezialisten über Ansturm freuen müssen: Aspiranten, die nach Feintuning streben. Vermutlich aber haben die Traditionsvereine ihre Liedgenres nicht schnell genug umstellen können, oder wollen - um die Harmonie mit treuen Mitglieder nicht zu verstimmen. Dafür treffen inzwischen Projektchöre den richtigen Ton, was angesagte Songs und die Unlust, sich langfristig an einen Verein zu binden, angeht. Egal, Hauptsache die Gesangvereine bleiben bestehen.