Bettina trägt einen gelben Sweater. "Ja gerne", sagt sie, zieht das "Gerne" dabei etwas in die Länge und läuft schnellen Schrittes los. Sie öffnet die Tür zur Wäscherei, schnappt sich einen der dort am Boden stehenden Wäschekörbe, trägt ihn ein paar Meter weiter, stellt ihn auf einem Tisch ab und fängt sofort an, die Putzlappen und Geschirrtücher darin zusammenzulegen. "Eva, mach mal Musik an", sagt Bettina Roth. Manchmal tanzen sie und Eva bei der Arbeit sogar, verrät sie.

Bettina Roth ist 19 und hat das Down-Syndrom. Seit ein paar Monaten arbeitet sie im Pflegezentrum Tabea in Heiligenstadt. Immer mit dabei ist Eva Löffler, ihre Integrationsbegleiterin. Sie betreut neben Bettina noch fünf weitere Menschen mit Behinderung, die in dem Zentrum in Heiligenstadt arbeiten. Sie alle kamen durch "Integra Mensch" zu ihren Aufgaben.


Sechs "Integra"-Kräfte im Pflegezentrum

"Wir versuchen, Menschen mit Behinderung in den Berufsfeldern unterzukriegen, in denen sie gerne arbeiten würden. Deshalb haben wir mit verschiedenen Betrieben Patenschaften geschlossen", erklärt Kuno Eichner, Leiter von "Integra Mensch", wie es dazu kam, dass sechs behinderte Menschen in dem Pflegezentrum arbeiten.

Und an Bettina ist zu sehen, dass dieses Konzept aufgeht: Flink legt sie die Wäsche zusammen, ist mit drei Körben mittlerweile schon fertig. "Früher mussten das die Mitarbeiter in den Wohnbereichen selbst machen", sagt Maria Keller, Leiterin der Wäscherei. "Aber jetzt haben wir ja unsere Bettina." Bettina macht das Spaß. "Ich helfe daheim auch bei der Hausarbeit", sagt sie und nickt wie zur Bestätigung nochmal mit dem Kopf, so dass man es ihr einfach glauben muss.

"Oma war im Altenheim", erzählt Bettina, warum in ihr der Wunsch reifte, in einem Pflegeheim zu arbeiten. Sie möchte alten Menschen helfen. Und nach getaner Arbeit in der Wäscherei tut sie dies auch tatsächlich.

Kurz nach 10 Uhr geht es für sie tagtäglich ein Stockwerk höher, in den Wohnbereich H 1. Dort putzt Bettina zunächst. Geländer und Türgriffe müssen desinfiziert werden, ebenso wie Mülleimer. "Hallo Frau Maier", ruft Bettina einer älteren Frau, die im Rollstuhl sitzt, zu und winkt.


Harfenspiel für die Bewohner

Man muss gut zuhören, um Bettina zu verstehen. Manche Buchstaben verschluckt sie nämlich. Das "Hallo" hört sich auch mehr wie "Hao" an. Aber die Bewohner verstehen sie, nicht zuletzt auch wegen ihrer freundlichen und herzlichen Art, wenn sie winkt oder einem einfach mal über den Arm streicht. "Hallo Bettina", entgegnet Frau Maier und lächelt freundlich. So geht das ständig, während Bettina über den Gang läuft und wischt.

"Fast alle" kennt sie beim Namen, sagt sie und lächelt stolz. Die meisten Bewohner kennt sie, weil sie auch das Essen mit verteilt. "Und das ist meine Freundin", deutet sie auf ein Foto an der Wand. "Brigitte" steht darunter geschrieben. Sie ist Bettinas Ansprechpartnerin in dem Wohnbereich. Doch auch die anderen Pflegekräfte kennt sie. Inge zum Beispiel, die im Pausenraum sitzt, als Bettina zu ihrer nächsten Aufgabe schreitet. Sie holt eine grüne Tasche hervor. Darin ist ihre Veeh-Harfe. Auf der spielt sie Frau Becker vor.

Normalerweise ist da auch Judith Natzschka dabei. Judith ist ebenfalls durch "Integra Mensch" in dem Pflegeheim. Sie macht Beschäftigung mit den Senioren, spielt mit ihnen Spiele oder liest ihnen vor. So wie Frau Becker. Bettina begleitet dieses Vorlesen seit einiger Zeit durch ihr Harfenspiel. Vorlesen ist für sie wegen der undeutlichen Aussprache schwierig.

Heute ist Judith krank. Aber zumindest auf die Musik soll Frau Becker nicht verzichten müssen, findet Bettina. Sie klopft an Frau Beckers Zimmertür, öffnet sie vorsichtig und läuft langsam an das Bett. "Hao Frau Becker", sagt Bettina, schaut der älteren Frau fest in die Augen und streichelt ihr über die Schulter. Frau Becker erwidert den Blick. Sie kennt Bettina.

Eva erklärt Frau Becker, dass Judith krank ist, heute nicht vorgelesen wird und fragt, ob sie das Radio abstellen darf, damit Frau Becker Bettinas Harfenspiel lauschen kann. Die ältere Frau nickt und Bettina rutscht sich einen Stuhl an das Bett. Sie blättert in ihrem Notenordner und zupft konzentriert an den Saiten ihrer Harfe. Als sie fertig ist, streichelt sie zum Abschied Frau Becker wieder über die Schulter. Und die greift nach Bettinas Hand. Als wolle sie sich bedanken.

"Das wäre bis vor ein paar Wochen nicht denkbar gewesen", sagt Eva Löffler. Bettina sei bis vor kurzem nicht so kontaktfreudig gewesen. Bis Eva ein paar ernste Wörter mit ihr geredet und ihr erklärt hat, dass Kommunikation mit den Menschen zum Pflegeberuf zwingend dazu gehört.


Schritt für Schritt

"Der Übergang von der Schule in den Berufsalltag ist für alle Jugendliche schwierig. Bei Bettina braucht vieles einfach seine Zeit." Aber Eva arbeitet mit Bettina an ihrem großen Ziel, in der Pflege noch viel mehr mit Menschen zu tun zu haben. "Das geht nur Schritt für Schritt. Das nächste Ziel ist, sie aus der Wäscherei heraus zu holen und mehr in den Wohnbereichen mit einzubinden."

Und das ganz große Ziel ist es, wie Kuno Eichner erklärt, dass Bettina eine Ausbildung machen kann. Gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer und den jeweiligen Fachschulen gibt es eine Möglichkeit, dass Menschen mit Behinderung eine Ausbildung zu einer Art Assistenz im jeweiligen Berufsfeld machen. Das ist einzigartig in der Behindertenhilfe in Deutschland.


Eine andere Bettina als Patin

Bis dahin bekommt Bettina noch viele Einblicke im Pflegezentrum Tabea in Heiligenstadt, verspricht Bettina Götz. Sie hat nicht nur den gleichen Namen wie die junge Frau mit Down-Syndrom. Sie ist auch deren Patin, was das Projekt zwischen "Integra Mensch" und der Einrichtung in Heiligenstadt angeht. Bettina Götz arbeitet dort als Leiterin der Betreuung und bespricht regelmäßig mit Eva Löffler, wie man die Mitarbeiter von "Integra Mensch" einsetzen kann.

Jeden Freitag nimmt Eva Löffler dazu auch an der Teambesprechung teil. "Eva kommt auf mich mit Infos zu. Beispielsweise ging es mal darum, dass Bettina nicht den ganzen Tag in der Wäscherei ausgelastet ist. Dann hör" ich mich im Haus um, was es noch für Aufgaben gibt. So hieß es beispielsweise, dass noch jemand zum Desinfizieren und zum Essen verteilen gebraucht wird. Genauso wie jemand, der Judith in der Betreuung unterstützt. Also haben wir da eine Nische für Bettina gefunden. Das richtet sich auch immer nach dem jeweiligen Entwicklungsstand", beschreibt Bettina Götz ihre Aufgabe in der Patenschaft.


"Die Sprache der Vertrautheit"

Ob die Integration eines behinderten Menschen gerade in einem so stressigen Bereich wie dem Pflegealltag nicht schwer umzusetzen ist? "Am Anfang muss man sich etwas Zeit nehmen, klar. Aber wenn man das macht, dann hat man hinterher eine riesengroße Bereicherung. Dadurch können wir Sachen gewährleisten, die normalerweise nicht möglich wären - gerade was die Beschäftigungsangebote angeht", sagt Pflegedienstleiter Kamil Borkowski.

Und Einrichtungsleiter Thomas Zapf ergänzt, dass gerade behinderte Menschen "die Sprache der Vertrautheit" sprächen. Das sei insbesondere im Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen von Vorteil, weil auch bei ihnen viel über Gefühle und emotionale Beziehungen gehe. Und selbst in den stressigen Alltag der Pflegekräfte bringe Bettina viel Sonnenschein hinein. Und zwar nicht nur dann, wenn sie ihren gelben Sweater trägt.