Es ist die Wut, die Sebastian Junghanß veranlasst hat, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Ich konnte nicht glauben, dass so viele nur geschaut haben und vorbeigefahren sind", sagt der 25-Jährige. Vorbeigefahren an einer älteren Dame, die auf der Würzburger Straße zwischen Pendlerparkplatz und der Kreuzung zum Babenbergerring verzweifelt um Hilfe gewunken hat.

"Wir waren auf dem Heimweg nach Stegaurach und haben die Frau schon aus der Ferne gesehen. Die Autos vor uns haben nicht angehalten." Es ist der vergangene Samstagabend, ungefähr 18.30 Uhr. Als Sebastian Junghanß und seine Ehefrau heranfahren, ist ihnen sofort klar: Die Seniorin braucht Hilfe. "Ihr Gesicht hat schon alles gesagt", so der Ersthelfer. Die "völlig aufgelöste Frau" habe geschildert, dass ihr Mann im Auto liege und vermutlich eine Herzattacke habe.

Also handeln die Stegauracher: Die Ehefrau von Junghanß ruft sofort den Rettungsdienst, er selbst leistet Erste Hilfe. "Der Senior war bewusstlos, hatte kaum noch Puls". Die ganze Situation sei "schrecklich" gewesen - auch, weil Junghanß ebenfalls von etlichen Autofahrern ignoriert wurde: Er war auf die Straße gerannt, um weitere Helfer zu mobilisieren. Komisch angeschaut worden sei er, "ich wurde sogar fast noch angefahren", sagt der junge Mann. Nach zehn Minuten ist der Rettungswagen da.


Facebook-Beitrag wird heiß diskutiert

Doch das Erlebnis lässt den Ersthelfer nicht los. Noch am selben Abend veröffentlicht er auf Facebook einen Beitrag, in dem er seine Fassungslosigkeit ausdrückt. Seitdem diskutieren die User im Netz. Junghanß erntet Lob, doch mancher Kommentator versetzt sich auch in die Lage der Autofahrer, die nicht angehalten haben. Eine Userin etwa spricht von der Angst anzuhalten, "gibt es doch immer wieder neue zahlreiche Betrugs- und Überfallmethoden".

Es gibt jedoch noch eine andere Angst, weiß Lothar Philipp aus Erfahrung. Er ist Geschäftsführer des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) und der Integrierten Leitstelle Bamberg-Forchheim. In letzterer ist der Notruf von Familie Junghanß eingegangen. "Uns ist natürlich nicht bekannt, wie viele Menschen vorher vorbeigefahren sind." Philipp weiß: Viele sind unsicher, wie Wiederbelebungsmaßnahmen funktionieren. "Manche trauen sich das nicht zu, weil sie befürchten, dass sie zum Beispiel eine Rippe brechen. Doch Priorität 1 hat immer das Menschenleben!"

Ein Verhalten, das laut Jörg Wolstein, Professor am Institut für Psychologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, häufig zu beobachten ist. Dem könne man entgegentreten, wenn Menschen ihre "Selbstwirksamkeitserwartung" stärken. Der Psychiater übersetzt: "Ich weiß, was ich mir zutrauen kann, und handle entsprechend". Wer etwa seinen Erste-Hilfe-Kurs auffrischt, fühlt sich bei einem Verkehrsunfall kompetenter.
Doch wie lässt es sich noch erklären, dass potenzielle Ersthelfer bei einem Notfall wie am Samstag einfach weiterfahren? An erster Stelle steht laut Wolstein die Frage, ob das Ereignis überhaupt wahrgenommen wird. Nächster Punkt: Begreift man, dass es sich um eine kritische Situation handelt?


"Knackpunkt, an dem es oft scheitert"

Was dann im menschlichen Gehirn passiert, bezeichnet der Fachmann als "Knackpunkt, an dem es oft scheitert". Es ist die Frage, ob man persönlich verantwortlich ist, zu helfen. "Diese Verantwortlichkeit nimmt ab, je mehr Leute dabei sind." Jeder würde erwarten, dass der andere eine Lösung weiß - und im Ergebnis übernimmt keiner.

Hinzukommen kann die sogenannte Bewertungsangst: Die Sorge, dass beim eigenen Einschreiten andere zuschauen und das eigene Handeln bewerten - und damit möglicherweise auch Fehler. Der letzte Punkt schließlich, der die Eigeninitiative beeinflusst, ist die Entscheidung für eine bestimmte Art der Hilfe. "Für den Laien ist oft nicht sofort zu überblicken, was zu tun ist", so der Wissenschaftler.

Eine Unsicherheit, die auch Lothar Philipp vom Zweckverband Rettungsdienst bekannt ist. Doch er will Ängste nehmen: "Es kann auch schon helfen, mit dem Betroffenen zu sprechen und den Notruf zu wählen."

Wer übrigens bewusst einen Notfall ignoriert, macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Das kann laut Christopher Rosenbusch, Sprecher der Bamberger Staatsanwaltschaft, mit einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden. Rosenbusch merkt an: "Der Unglücksfall muss ersichtlich sein."
Für das Ehepaar Junghanß war das Samstagabend eindeutig der Fall. Wie es dem Senior geht, wissen die Stegauracher nicht. Sie hoffen das Beste.