Morgens um halb sechs steht die Polizei vor der Tür, den Betroffenen bleiben gerade mal zehn Minuten, dann sollen sie im Bus zum Flughafen sitzen. Solche Zwangsabschiebungen von Asylbewerbern der Ankunfts- und Rückführungseinrichtung (Are) stehen in der Kritik: "Für Kinder und vorerkrankte Menschen ist die Praxis aus medizinischer Sicht nicht zu akzeptieren", sagt der ehemalige Allgemeinmediziner Marten Schrievers vom Ombudsteam und Helferverein "Freund statt fremd". Um ihre Kinder zu schützen, erklärten Familien in der Are deshalb oftmals ihre freiwillige Ausreise. Dennoch wollen Helfer beobachtet haben, dass die unangekündigte Abschiebepraxis weiter angewandt werde.

Rechtsanwalt Joachim Schürkens aus Schweinfurt kritisiert die Vorgehensweise: "Es gibt immer mehr solcher Abschiebungen, weil sie von der Politik forciert werden." Schürkens leistet juristischen Beistand.
Er hat festgestellt, dass die Behörden bei freiwilligen Ausreisen kein Entgegenkommen zeigten. Ein Hauptproblem: Menschen, die abgeschoben werden, bekommen eine Einreisesperre bis zu 30 Monaten. "Das dient einzig und allein der Abschreckung." Der Anwalt sieht kaum eine Handhabe: "Man kann sich nur beschweren!"


Unsicherheit unter Bewohnern

Einer, der sehr engen Kontakt zu den Are-Bewohnern hat, ist Übersetzer Florim Gashi. Jede Woche arbeitet Gashi über 20 Stunden ehrenamtlich. Er spricht gar von 80 Prozent aller Fälle, in denen Asylbewerber ihre freiwillige Ausreise erklärten, sie dennoch ohne Ankündigung am frühen Morgen aus dem Schlaf gerissen würden. Unter den Bewohnern herrsche große Unsicherheit: "Viel kommen zu mir - sie sagen: Bitte sag ihnen, wir wollen nicht, dass sie uns holen!" Doch habe das in der Vergangenheit wenig genutzt.

Die Regierung von Oberfranken verweist auf die gesetzlichen Vorgaben, die Asylverfahren zu beschleunigen und den Aufenthalt abgelehnter Asylbewerber zu verkürzen. "Für uns gilt aber der Grundsatz: freiwillige Ausreise vor Abschiebung", macht Sprecher Martin Steiner deutlich. Die zentrale Ausländerbehörde bei der Regierung von Oberfranken führe aus diesen Gründen Beratungsgespräche mit abgelehnten Asylbewerbern mit dem Ziel, sie zu einer freiwilligen Ausreise zu veranlassen. "Diese Kommunikation hat für uns einen hohen Stellenwert." Ob an Abschiebungen festgehalten werde, sei vom Einzelfall abhängig, erklärt Steiner. Generell komme eine Abschiebung in Betracht, wenn eine freiwillige Ausreise nicht möglich sei, etwa weil keine Mittel hierfür zur Verfügung stünden, wenn sie bei straffällig gewordenen Personen nötig erscheine oder wenn die Möglichkeit zur freiwilligen Ausreise nicht genutzt werde.

Genaue Zahlen waren bei der Regierung nicht zu erfahren, jedoch habe die zentrale Ausländerbehörde in letzter Zeit keine Zunahme des Anteils der freiwilligen Ausreisen im Verhältnis zu dem der Abschiebungen festgestellt.
Übersetzer Florim Gashi appelliert an die Behörde: "Tun wir den Bewohnern einen Gefallen und schicken sie menschlich nach Hause!"