Die Herbstsonne taucht das Grab von Maria Lerch in ein warmes Licht. Immergrüner Efeu bedeckt die letzte Ruhestätte der Akademischen Bildhauerin, die am 13. Mai 1962 im Alter von 78 Jahren in Bamberg verstarb. Ein berührendes Relief an ihrem Grabstein lädt zum Verweilen ein: Jesu Leichnam - gerade vom totbringenden Kreuz genommen, Trauernde darunter - zusammengekrümmt. Doch das Lendentuch über dem Querbalken - ein Hoffnungszeichen, das auf das österliche leere Grab verweist: "Was sucht ihr die Lebende unter den Toten...?"
Damit Maria Lerch, die unter anderem den Kreuzweg in der Pfarrkirche St. Kunigund geschaffen hat, allein schon in die lebendige Erinnerung zurückgeholt wird, soll ihre Grabstätte in den kulturhistorischen Grabmalrundweg auf dem Hauptfriedhof an der Hallstadter Straße aufgenommen werden.
Zukünftig führt ein entsprechend durch Tafeln mit einem Übersichtsplan markierter Rundweg zu Gräbern von Persönlichkeiten, die weit über die Grenzen Bambergs hinaus berühmt wurden und nicht nur die Stadtgeschichte entscheidend geprägt haben.
"Mit der Einrichtung eines solchen kulturhistorischen Grabmalrundwegs soll der Friedhof auch als ein Ort der Erinnerung verstärkt in das Bewusstsein der Bamberger Bürgerinnen und Bürger gerückt werden", erklärt Bürgermeister und Kulturreferent Christian Lange (CSU), der als Initiator dieses Vorhabens gilt. Schon 2013 hatte er als Mitglied der CSU-Stadtratsfraktion den Antrag an die Verwaltung gestellt, Vorschläge für die Einrichtung eines Rundwegs auf dem Hauptfriedhof zu erarbeiten. "Ich freue mich, diesen Plan nun als Bürgermeister umsetzen zu können", so Lange gegenüber unserer Zeitung.
Er spricht von "Kultursicherung und Wissenstransfer", die mit einem solchen Rundweg verknüpft sind. So wünscht sich Lange vor allem, dass Lehrer ihre Schulklassen auf diesen Friedhof führen, "um junge Leute zu sensibilisieren". Auch auswärtige Gäste würden immer wieder nach den Gräbern bekannter Personen suchen. Einen unangemessenen Sightseeing-Rummel auf dem Totenacker befürchtet der Bürgermeister jedenfalls nicht: "Touristen wissen sich auf Friedhöfen zu benehmen", weiß Lange von prominenten Beispielen etwa in Wien oder Salzburg.
Stadtarchivar Horst Gehringer hat die Liste der 72 Grabstätten von 81 Personen beziehungsweise Personengruppen erarbeitet, die auf dem Rundweg aufgesucht werden können. Dabei ließ sich Gehringer davon leiten, welche Namen von Personen und ihre auf dem Friedhof lokalisierbaren Grabstätten rechtlich festlegbar sind, etwa wenn nach ihnen eine Straße im Stadtgebiet benannt wurde. Darüber hinaus schlug der Leiter des Stadtarchivs - ohne wertende Reihenfolge - Personen vor, die entweder als Ehrenbürger, als politische Mandatsträger auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene eine Rolle spielten oder sich als Künstler, Wissenschaftler, Professoren, Geistliche, Mediziner oder Sportler zu Lebzeiten einen Namen machten. Vertreter des Widerstandes oder Personengruppen wie die Opfer von Gewaltherrschaft, Zwangsarbeit und Krieg sollen ebenfalls auf dem Rundweg gewürdigt werden.
Tatsächlich liest sich die Namensliste wie eine Bamberger Ausgabe des "Who is who". Der Flugzeugkonstrukteur Professor Willy Messerschmitt ist beispielsweise darunter, der Stifter der Sternwarte Villa Remeis, Karl Remeis, der Kunsthistoriker Heinrich Mayer, der erste US-Kommandeur in Bamberg, Nathan Preston, der bedeutende Arzt Johann Lukas Schönlein, der von den Nazis hingerichtete Rechtsanwalt Hans Wölfel, der Gründer des Bamberger Naturalienkabinetts, Benediktinerpater Dionysius Linder, das Künstlerehepaar Robert und Ida Bauer-Haderlein, der Direktor des einstigen städtischen Krankenhauses, Professor Wilhelm Lobenhoffer, Bundestagsabgeordneter und Landrat Emil Kemmer oder Fußball-Nationalspieler Dieter Zettelmeier.
"Die Memoria, das Totengedenken, gehört zum Christentum", nennt Bürgermeister Lange eine weitere Begründung für den Rundweg. Auch auf den drei weiteren städtischen Friedhöfen in Bug, Gaustadt und Wildensorg möchte er solche Erinnerungswege einrichten lassen. Angedacht sind ferner ein Faltblatt mit Kurzbiografien der verstorbenen Persönlichkeiten und ein Friedhofsplan mit Nummern der Gräber sowie eine ausführliche Publikation.
Der Israelitische Friedhof untersteht der Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde und kann nur nach vorheriger Anmeldung besucht werden. Deshalb sollen die Pläne der städtischen Friedhöfe einen Ansprechpartner und entsprechende Kontaktdaten enthalten.
Kehren wir noch einmal an das Grab von Maria Lerch zurück. In der Abenddämmerung. Im schwindenden Tageslicht bleibt die Frage: Gibt es unter den verstorbenen Bambergerinnen wirklich nur diese eine Frau, die als singuläre Persönlichkeit Zugang auf die Gedenkliste finden konnte? Ist Bambergs Zeitgeschichte sonst ausschließlich von Männern geprägt?




Führung

Am 1. November um 10 Uhr bietet Thomas Steger, Leiter des Hauptfriedhofs, eine Führung zu Grabstätten bekannter Bamberger Persönlichkeiten, zum Ehrenfriedhof und zum muslimischen Gräberfeld an. Treffpunkt ist der Haupteingang.