"Müssen wir alles machen, was die Religionsfreiheit hergibt?" Mit dieser Frage begann Wolfgang Buck auf seiner Facebook-Seite jüngst ein längeres Statement, das die Notwendigkeit während des zweiten Lockdowns, gemeinsam Gottesdienst zu feiern, in Frage stellte. Für einen - wenn auch beurlaubten - Pfarrer, der als Liedermacher weithin bekannt und beliebt ist, war das eine bemerkenswerte Aussage. Das Echo fiel dann auch enorm aus, sein Beitrag ging viral, wobei es neben Zustimmung auch Kritik daran gab.

Wir setzen nun die Debatte fort und beleuchten die Frage "Sollen Gottesdienste im Lockdown light gefeiert werden?" mit entgegengesetzten Beiträgen von zwei evangelischen Pfarrern. Während der in Trabelsdorf lebende Buck für ein Gottesdienst-Fasten plädiert, betont der Bamberger Dekan Hans-Martin Lechner, wie wichtig es gerade jetzt für Christen ist, gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Auch wenn Buck und Lechner hier unterschiedlicher Ansicht sind, betonen beide ihr generell sehr gutes Verhältnis.

Sicht der katholischen Kirche

Freilich setzt sich auch die katholische Kirche mit dieser Frage auseinander. Die Ordinariatsdirektorin Jutta Schmitt äußert sich im Auftrag des Corona-Krisenstabs im Erzbistum Bamberg eindeutig: "Kirchen zu schließen und keine Gottesdienste zu feiern, weil auch Kulturbetriebe geschlossen sind, ist vom Infektionsgeschehen her nicht nötig, vom Schutzkonzept nicht gefordert und für die Bevölkerung abträglich. Kirchen sind Orte des Glaubens und der Hoffnung; in den Gottesdiensten erfahren die Menschen Zuversicht und Trost, die in diesen Zeiten besonders wichtig sind."

Nicht einheitlich gehandhabt wird die Maskenpflicht. Während im Bistum Würzburg diese auch am Platz gilt und Gemeindegesang untersagt ist, erklärt Schmitt mit Hinweis auf das mit der Staatsregierung abgestimmte Hygienekonzept, dass nur beim Betreten und Verlassen der Kirche ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden müsse und Gemeindegesang reduziert möglich sei.

Pro Gottesdienste: Miteinander ist notwendig

von Hans-Martin Lechner

Ich habe Verständnis für diese Frage, weil es auch eine Frage nach der Solidarität der Kirche mit den vielen Kunst- und Kulturschaffenden ist, die auch Hygiene- und Schutzkonzepte für ihre Veranstaltungen erarbeitet haben. Wieso können also Gottesdienste im Lockdown stattfinden, Konzerte aber nicht?

In der Bamberger Stephansgemeinde haben der Hygieneausschuss und der gesamte Kirchenvorstand hoch verantwortungsbewusst das im Grundgesetz gegebene Recht freier Religionsausübung genau zu dieser Frage lange und auch kontrovers diskutiert. So kam schließlich die große Mehrheit zur Überzeugung, dass Gottesdienste gerade jetzt gefeiert werden sollen und müssen.

Der Gottesdienst ist Grund und wesentliches Profil der Kirche, er ist die geistliche Mitte und Quelle allen gemeindlichen Lebens. Wir feiern Gottesdienste mit dem Anspruch, dass hier Erfahrungen der Transzendenz, der Begegnung mit Gott, gemacht und erlebt werden. So ist der Gottesdienst im besten Sinn Dienst am Menschen, der in dieser Zeit besonders wichtig ist. Es geht nicht um Kultur an sich, sondern um Religion, deren Ausübung Gott sei Dank den Schutz des Staates genießt im Sinne von Menschlichkeit, Gemeinschaft und Frieden. Freilich können wir als ChristInnen auch zuhause, alleine und im Kreis der Familie beten, und wir tun es auch. Wir können Online-Gottesdienste feiern, und das ist gut so. Von besonderer religiöser Bedeutung ist die reale Gemeinschaft im Präsenz-Gottesdienst. In ihm wird die Verheißung Jesu noch tiefer erlebbar: "Wo zwei oder drei (oder 70) in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Matthäus 18,20). Damit führt der Gottesdienst in die Einübung eines solidarischen Miteinanders, das in schwerer Zeit überaus notwendig ist.

Solidarisch sein heißt dann auch, dass der Schutz jeder und jedes Einzelnen höchstes Gut ist. Während des gesamten Gottesdienstes wird Mund-Nasen-Schutz getragen und sich an das vom Sicherheitsteam vertretene Schutz- und Abstandskonzept gehalten. Alle TeilnehmerInnen lassen sich registrieren. Zudem sind die Gottesdienste aktuell möglichst auf eine Dauer von 30 Minuten begrenzt. Es gibt wenig und allenfalls verhaltenen Gemeindegesang. Auch der sonst oft übliche Kirchenkaffee ist abgesagt. Kein geplantes Konzert wird mit ein paar geistlichen Worten zu einem Gottesdienst gemacht. Diese Klarheit ist mir sehr wichtig.

Außerdem erleichterten dem Kirchenvorstand die Entscheidung für den Gottesdienst Stimmen, die uns aus dem Bereich der Kunst- und Kulturschaffenden eben auch erreichten: "Bitte gebt euer Recht nicht auf. Feiert Gottesdienst. Dann haben auch wir die Hoffnung, dass wir bald wieder unsere Veranstaltungen durchführen dürfen." - Der Gottesdienst ist ein Statement der Liebe Gottes zu den Menschen, für Solidarität und Hoffnung gerade jetzt. Ich bin der festen Überzeugung, dass in allen Gemeinden des Dekanatsbezirkes in dieser Verantwortung Gottesdienste gefeiert werden.

Hans-Martin Lechner (58) ist Dekan des 39 500 Gemeindeglieder umfassenden evangelischen Dekanats Bamberg.

Contra Gottesdienste: Für Gemeinwohl verzichten

von Wolfgang Buck

Ich bin mit den Chorälen von Paul Gerhard und mit der Sonntagspredigt aufgewachsen. Das hat mich geprägt und ich liebe den Gottesdienst bis heute.

Die Kirchengemeinden haben im Frühjahr für ihre Gottesdienste funktionierende Hygienekonzepte entwickelt, ähnlich wie die Theater. Aber seit Kurzem schießen die Zahlen rasant nach oben, auch die der schweren Verläufe. Mit etwas Abstand geht nun auch die Zahl der Toten steil nach oben. Die zweite Welle der Pandemie ist mit Wucht da. Die Gesundheitsämter können Ketten nicht mehr nachverfolgen. Infektionen verbreiten sich nun wieder auch bei den besonders Gefährdeten. Die Politik hat gehandelt und seit Anfang November einen Lockdown light beschlossen und will so die drohende Überlastung der medizinischen Versorgung verhindern. Dabei hat sie uns Kirchen nicht die gleichen Lasten auferlegt wie etwa den Kulturbetrieben, weil sie aus gutem Grund das Verfassungsrecht der Religionsfreiheit sehr hoch hält.

Ich sage: Wir Kirchen sollten in dieser zeitlich begrenzten Situation solidarisch sein mit den anderen gesellschaftlichen Gruppen. Wir sollten als eine Art Fasten nicht darauf pochen, Gottesdienst zu feiern, wenn andere sich nicht versammeln dürfen. Trotz meiner Liebe zum Gottesdienst sehe ich nicht, dass wir evangelischen Christen unsere spirituellen Bedürfnisse höher bewerten sollten als die anderer Menschen, die ihren Trost bei den Symphonikern oder im Theater haben. Wir Kirchen sollten uns hier an die Seite derer stellen, die für das Gemeinwohl auf Wesentliches verzichten, und sollten nicht alles tun, was uns nicht verboten ist.

Im Frühjahr wurden mit viel Herzblut kreative Konzepte entwickelt, analoge und digitale, um Seelsorge am Leben zu erhalten. Der Bamberger Schnipselgottesdienst oder der Hallstadter Kindergottesdienst in der Brotzeittüte und viele andere. Es gab wie immer Fernseh- und Radiogottesdienste. Oder man nahm das gute alte Telefon, um einander stimmlich nahe zu sein. All dies ist genauso viel wert wie der traditionelle Gottesdienst. Nirgends steht geschrieben, dass nur die analoge Versammlung in physischer Anwesenheit die einzig wahre Form des Gottesdienstes ist. Vor allem nicht in Ausnahmesituationen, in denen alle BürgerInnen an einem Strang ziehen. Und die PfarrerInnen, KirchenvorsteherInnen und Gemeindeglieder, die das so sehen wie ich, sollten nicht als weniger fromm und als zu lax im Bezug auf den Gottesdienst abgestempelt werden.

Ich kann damit umgehen, wenn Mitchristen diese Sache anders sehen als ich und sogar im Lockdown Gottesdienste unter Hygieneregeln für verantwortbar halten. Was aber dann nicht sein darf: Auf Anwesenheitslisten zu verzichten, weil wir es ja nicht müssen. Kirchenkaffee zu feiern, weil wir es ja dürfen. Ensembles singen zu lassen, weil es ja erlaubt ist, andere Gemeindeveranstaltungen durch liturgische Kniffs zum Gottesdienst umzuwidmen. Nicht alles, was erlaubt ist, ist gut.

Liedermacher Wolfgang Buck (62) war 14 Jahre Pfarrer in Trabelsdorf. Auch nach seiner Beurlaubung 1999 hält er noch gelegentlich Gottesdienste.