Weit zurück ins Halbdunkel der Geschichte reicht die Besiedelung des Bamberger Raumes durch unsere Vorfahren. Doch wann kamen sie ins Land, nachdem die Kelten im ersten vorchristlichen Jahrhundert die Kontrolle verloren?

Genau weiß es niemand. "Die Geschichte Bambergs beginnt jedenfalls nicht erst mit dem Jahr 1007" ist sich der Bamberger Historiker Joachim Andraschke sicher. Schon lange zuvor und vermutlich nicht lange nach dem Ende der Kelten muss es eine germanische Besiedelung des Bamberger Landes gegeben haben. Das belegen zahlreiche Funde. Doch woher kamen diese Leute?

Von seinem Spezialgebiet, der Namensforschung her, hält Joachim Andraschke den Raum zwischen Weser und Elbe für das Herkunftsgebiet unserer frühesten Vorfahren. Eine Schande wäre das nicht, waren die doch immerhin bei der Schlacht im Teutoburger Wald maßgeblich beteiligt.
Und mussten dann vielleicht vor den Römern ausweichen?

Fest steht, dass Papo oder Popo ein beliebter Name bei Sueben, Juthungen oder anderen Wesergermanen war. Papenburg etwa hat davon seinen Namen, und die älteste Schreibweise Bambergs ist bekanntlich "papenberc".

Eine Wüstung Papenheim gibt es bei Tiefenstürmig. Auch der Ort Leesten hat seine Entsprechung in Lesten im Emsland, und bei Leesten hat Andraschke selbst ein Stück "fingerkerbverzierte" Keramik gefunden, wesergermanische Arbeit aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert.

Doch die suebisch-juthungische Herrlichkeit währte nicht ewig. Belegt ist ein gemeinsamer Beutezug ins römische Imperium, der im Jahr 260 mit einer katastrophalen Niederlage endete. Diese Gelegenheit nutzten die Burgunder, deren Siedlungsräume damals in der Lausitz lagen, zur Annäherung an das römische Imperium.

Die Reste von Sueben oder Juthungen dürften sich ihnen angeschlossen haben, meint Joachim Andraschke, als sie sich im Maintal niederließen, unter der Bedingung der Gefolgschaft. Jedenfalls errichteten die Burgunder im gesamten Maingebiet - zunächst am Obermain - damit ein starkes Reich, das später einmal von Worms aus regiert werden sollte und im Nibelungenlied eine literarische Würdigung fand.

Burgunder in Frensdorf

"Wer im Raum Bamberg dominant und damit sprachprägend war, lässt sich heute nicht mit Bestimmtheit sagen", macht Andraschke gar nicht den Versuch einer Deutung. Der Namensforscher verweist aber darauf, dass es eine Reihe von Ortsnamen wie Stübig (Stub-vik), Roschlaub oder Pauster (Wüstung bei Doschendorf) gibt, die sehr nach Burgundern klingen. Sicher ist er sich im Falle Frensdorf: "Der burgundische Name Freian ist antik bezeugt. Bei Worms gibt es Freinsheim und auch Frensdorf geht auf diesen Burgunder-Namen zurück."

Aus Norwegens Fjorden

Die Burgunder kamen - da ist sich die Forschung heute weitgehend einig - aus Nordeuropa. Betrachtete man zunächst die Insel Bornholm, im Mittelalter noch "Burgundarholm", also Burgunderinsel, als ihre ursprüngliche Heimat, kam man in neuerer Zeit davon wieder ab. "Burgundarholm" war für die stolzen Nordleute wohl nur eine Zwischenstation nach Mitteleuropa - die Heimat muss weiter im Norden gewesen sein. Viel weiter.

An der norwegischen Westküste, nördlich der zweitgrößten norwegischen Stadt Bergen, findet man, ganz hinten im tiefen Sogne-Fjord, heute noch die Stadt Borgund. Von dort, vermuten die Forscher heute, machten sich die ersten Burgunder vermutlich auf einen langen Weg.

Es müssen gar nicht viele gewesen sein, die sich zunächst auf einer Ostsee-Insel niederließen, eben auf Bornholm. Auch von den Goten, dem mächtigsten germanischen Volk, wird gesagt, dass sie dereinst mit nur drei Schiffen von Gotland aus an der Weichselmündung landeten.

Ist Tronje Trondheim?

Jedenfalls wäre diese völlig andere Herkunft weit weg von den Ostsee-Anliegern ein Grund dafür, dass die Burgunder ein eigenes ethnisches Gebilde darstellen. Sie sollen selbst anderen germanischenVölkern nicht nur körperlich, sondern auch mental überlegen gewesen sein - Eigenschaften, die nicht zuletzt im Nibelungenlied eindrucksvoll beschrieben werden.

Noch in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, als auf beiden Seiten Burgunder kämpften, wollte sich keiner der anderen Beteiligten mit ihnen anlegen. Beide Feldherren - der Hunnenkönig Attila auf der einen und der Römer Aetius auf der anderen Seite - wussten es deshalb einzurichten, dass die Burgunder gegeneinander gerieten. Es soll da einiges los gewesen sein.

Denn kamen die Burgunder von der Westküste Norwegens, dürfen sie mit Fug und Recht als Vorfahren der Wikinger bezeichnet werden.Und die Wahrscheinlichkeit wird noch größer, wenn man einen anderen Namen unbekannter Herkunft hinzu nimmt: Hagen von Tronje. Wo findet man Tronje? Es ist der einzige Name unter den burgundischen Höflingen am Königshof, der nicht wie Ortwin von Metz oder Volker von Alzey eine Entsprechung in der neuen Heimat der Burgunder hat.

Im Nibelungenlied heißt es dazu, Tronje sei "ein Land weit im Norden, noch weiter im Norden als Burgund". Im Norden von Burgund aber liegt immerhin das namensverwandte heutige Trondheim. Ist es das Tronje der Sage? Dann wären die Tronjer/Trondheimer vielleicht so etwas wie ein Teilvolk der Burgunder gewesen, deren Vorfahren sich dereinst gemeinsam mit den Burgundern auf den Weg machten. Eine solche Konstruktion würde jedenfalls die starke Stellung erklären, die Hagen von Tronje am Burgunderhof innehatte.

Doch gibt es heute noch nordische Namen am Main? Neben den Vik-Namen im Bamberger Land verweist der Namensforscher Joachim Andraschke vor allem auf Knetzgau. Die früheren Schreibweisen "Knetzigau" und "Chnezzigouwe" seien nicht slawisch, wie auch schon der Hassfurter Walter Radl in den 1960er-Jahren in seiner Beschreibung der Ortsnamen im Landkreis Haßberge nachgewiesen hat.

Namensgebend ist vielmehr das altnordische Wort "knatti", das für Bergkuppe steht. "Damit befindet man sich eindeutig im nordgermanischen Bereich, der für die Burgunder denkbar ist", so Andraschke. Im übrigen sei eine Durchwirkung von burgundischen sowie elb- und wesergermanischen Ortsnamen hierzulande nur natürlich, weil die Burgunder die Altsiedelgebiete lediglich überlagern.

Königshaus ausgelöscht

Das Ende der Burgunder im heutigen Oberfranken ist hinlänglich bekannt. Sie unterlagen irgendwo am oberen Main einer Übermacht von Goten und Thüringern; Hunnen waren wohl nicht dabei. Ostgoten und Thüringer sicherten die Westgrenze des Hunnenreiches.

Das romtreue burgundische Königshaus wurde ausgelöscht, die Gebiete östlich des Steigerwaldes gingen an Thüringer und Goten verloren, die sich zum Beispiel in Trunstadt, Pettstadt, Hallstadt, Theuerstadt und Amlingstadt neue Siedlungsplätze sicherten. "Der Reisberg war in einer solchen Konstellation als Befestigung nicht mehr nötig und wurde aufgegeben", ist sich Andraschke sicher.

Signale von den Grenzen

Zu Ende war damit auch die Zeit einer burgengestützten Informationskette von Unterfranken vermutlich bis zum Reisberg. "Von der Wallburg bei Eltmann über die Bamberger Altenburg hat man einen sehr guten Blick zum Staffelberg und zum Reisberg, wo sich die burgundischen Grenzfestungen befanden", erläutert Andraschke.

Das Wort "Rinsburg", von dem sich der Reisberg ableitet, bedeutet nichts anderes als Grenzburg. Ein letzter Rest dieser Verbindung ist vielleicht der Feuerkorb hoch auf dem Turm der Altenburg, der seine Vorgänger überdauert hat. Auch wenn er lange nicht mehr gebraucht wird.