In diesen Tagen ist, gar nicht weit weg von Schonungen, viel von Halbwertszeiten die Rede. Das Atomkraftwerk im unterfränkischen Grafenrheinfeld produziert Müll, der noch viele tausend Jahre gefährlich strahlen wird und für den es derzeit kein sicheres Endlager gibt. Eine Altlast für viele tausend Jahre. Was das bedeutet, zeigt das riesige Loch, das in Schonungen klafft. Hier wird eine andere Altlast entsorgt. Weit weniger gefährlich und nicht einmal 200 Jahre alt.

Trotzdem sah es eine Zeitlang so aus, als würde das, was der Fabrikant Wilhelm Sattler Anfang des 19. Jahrhunderts in dem Dorf vor den Toren Schweinfurts hinterlassen hat, allen über den Kopf wachsen. Die größte bewohnte Altlast Bayerns. Mehrere zehntausend Tonnen Boden, der mit Arsen und Blei vergiftet ist, an vielen Stellen so stark, dass er buchstäblich giftgrün leuchtet. Millionen Liter Grundwasser, die gewaschen werden müssen. Schweinfurter Grün. Der Farbenhersteller und soziale Wohltäter ist schon lange tot, seine Firma existiert nicht mehr.


Zustandsstörer

Damit fällt das Stichwort "Zustandsstörer", mit dem die deutschen Umweltgesetze den beschreiben, der eine Suppe auslöffeln muss, die er selber vielleicht gar nicht eingebrockt hat. "Im Fall Schonungen sind das die Eigentümer der Grundstücke mit den Altlasten", sagt Thomas Benz, der für das Landratsamt in Schweinfurt den Sanierungsfall abwickelt.

Der fällt nicht nur wegen der räumlichen Dimensionen aus dem Rahmen, sondern auch wegen der Kosten: 40 Millionen Euro werden wohl ausgegeben worden sein, wenn die Fläche, auf der jetzt Bagger und Bohrer wüten, Ende 2015 ungefähr wieder genauso aussieht wie vorher.

Die 50 betroffenen Grundstückseigentümer, die, nichts Böses ahnend, am Ortsrand von Schonungen Häuser gebaut oder gekauft hatten, wären bei Anwendung des Buchstabens der Gesetze ruiniert worden. Auch deshalb vergingen mehr als zehn Jahre zwischen der Entdeckung der Altlast und dem ersten Spatenstich. Die vom Landtag beschlossene "Lex Sattler" begrenzt die Folgen für die Anwohner, die 13,33 Euro pro Quadratmeter Grundstücksfläche beisteuern müssen. Den Löwenanteil zahlt der Staat.


Glücksfall im Unglück

Für die Gemeinde Schonungen wird das Unglück zum Glücksfall. Zumal Bürgermeister Stefan Rottmann (SPD) mit 27 noch so jung ist, dass ihm über das bürokratische Monstrum hinter den Baumaschinen noch keine grauen Haare wachsen. "Zusammen mit der städtebaulichen Neugestaltung des Areals bewegt die Gemeinde hier gut und gerne 50 Millionen Euro.

Das zu stemmen grenzt an ein Wunder", sagt Rottmann, der zuversichtlich in die Zukunft blickt: Bauplätze, ein Seniorenheim und viel Grün werden aus dem "Zwischenlager" für Sattlers giftiges Erbe einen neuen Ortsteil machen. Der wird buchstäblich auf Sand gebaut. Thomas Benz schildert, dass es auch auf der Baustelle die "Lex Sattler" gibt. "Wir haben es hier mit einer Baumaßnahme zu tun, für die wir nur zum Teil auf Erfahrungswerte zurückgreifen konnten." Bis hin zur Notwendigkeit, das Grundwasser zu sammeln und zu waschen ...


Drohende Flut

Die 110.000 Tonnen kontaminierter Boden sollten ursprünglich im "Tagebau" abgetragen werden, in einer 15 Meter tiefen Grube. "Das Risiko ist, dass die Baustelle vom Grundwasser geflutet wird", sagt Benz.

Also arbeitet sich ein Bohrer Loch für Loch in den giftigen Untergrund. Die Erde wird zwischengelagert, analysiert und in hoch und weniger stark belastete Chargen getrennt. 209 Tonnen Arsen, 155 Tonnen Blei, 77 Tonnen Kupfer und 29 Tonnen Chrom wandern in einen Salzstock. In die Löcher stopfen die Bauleute verdichteten Sand.


Klirrende Gläser

Bis die letzte Fuhre weg ist, müssen sich die Anwohner in Geduld üben. Norbert und Dagmer Rottmann blicken aus ihrem Esszimmer direkt in die Baugrube. Die Erschütterungen lassen die Gläser im Schrank klirren und im Bad die Fugen zwischen den Fliesen bröckeln, berichten sie. "Zustandsstörer" hier also anders herum. Immerhin: Die Halbwertszeit dieses Zustandes ist wenigstens überschaubar.