Erste Hilfe für Ersthelfer - Rettung in Bamberg

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Dietmar Willert, stellvertretender Leiter, zeigt in der Integrierten Leitstelle in Bamberg, wie die "T-CPR" (Telefonisch angeleitete Cardio-Pulmonale Reanimation) funktioniert. Foto: Stephanie Schirken-Gerster/Stadt Bamberg
Dietmar Willert, stellvertretender Leiter, zeigt in der Integrierten Leitstelle in Bamberg, wie die "T-CPR" (Telefonisch angeleitete Cardio-Pulmonale Reanimation) funktioniert.  Foto: Stephanie Schirken-Gerster/Stadt Bamberg

Die Geschäftsführerin der Rettungszentrale erklärt die telefonisch angeleitete Reanimation - und was der Klimawandel für den Rettungsdienst bedeutet.

Eine junge Frau kommt ins Zimmer und sieht ihren Vater regungslos auf dem Sofa liegen. "Papa? Wach auf!", wiederholt sie mehrfach, immer verzweifelter. Dann ruft sie nach ihrer Schwester. Nach kurzer Überlegung kommen die beiden auf die europaweit einheitliche Notrufnummer 112. Die Schwester ruft an. Videoschnitt zur Integrierten Leitstelle (ILS). Der Mitarbeiter am Telefon klärt zunächst die wichtigen "W-Fragen": Wo? Was ist passiert? Wie viele Personen sind verletzt? Welche Verletzungen? Warten auf Rückfragen. Als der Mitarbeiter den Ort angegeben hat, schickt er die Information schon an den Notarzt, während er weiterspricht. Er koordiniert den Einsatz an sechs Bildschirmern. Er bittet die Frauen, ihren Vater vom Sofa auf den Boden zu legen und leitet sie bei der Wiederbelebung an. Weiche Untergründe geben nach, deshalb der Boden. An einem Bildschirm tickt der Takt, den er an die Ersthelferin übermittelt.

Mitarbeiter leiden mit

"Zum Merken: Die Melodie vom Bee-Gees-Song ,Stayin Alive' passt zur Reanimation - auch textlich", erklärt Matthias Böhmer, Leiter der Integrierten Leitstelle Bamberg-Forchheim. Dann wird er ernster: "Pro Minute kann man zehn Prozent Gehirnmasse verlieren. Zeit ist wichtig." Deshalb wurde die T-CPR (telefonisch angeleitete Cardio-Pulmonale Reanimation) 2013 bayernweit eingeführt.

Reanimation from Dennis Banemann on Vimeo.

Auch wenn der Notarzt eingetroffen ist, unterstützen die Ersthelfer weiter, um möglichst wenig Zeit zu verlieren. Was in dem Erklärvideo, das Böhmer zeigt, nicht zu sehen ist: "Die Mitarbeiter leiden am Telefon mit." In der Bamberger ILS arbeiten 22 Angestellte am Telefon. Sie sind gut ausgebildet: "Alle haben neben der Ausbildung sowohl einen Sanitäter- als auch einen Feuerwehr-Hintergrund", erklärt Böhmer. Die meisten würden gerne ins Auto steigen und selbst anpacken, wenn der Ersthelfer am Telefon zu unsicher oder nervös ist.

"Jeder kann und sollte helfen. Es ist besser, nicht richtig zu reanimieren als gar nicht. Aber die Helfenden brauchen auch moralische Unterstützung. Deshalb ist die T-CPR so wichtig", sagt Christine Feldbauer, die neue Geschäftsführerin des Zweckverbandes für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Bamberg-Forchheim (ZRF). Unterstützung brauchen auch ihre Mitarbeiter am Telefon, die häufig schlimme Situationen miterleben. "Meistens bekommen sie nur Rückmeldung, wenn es schlecht ausgeht", sagt ILS-Leiter Böhmer. "Umso schöner, wenn sich Menschen bei uns bedanken." Schon oft seien Angehörige zur Zentrale im Bamberger Berggebiet gekommen, die sich mit einem Blumenstraus bei den Helfern bedankten, weil der Rettungseinsatz erfolgreich war.

Die Struktur aus Krankenhäusern, Ärzten und Helfern in der Region sei laut Feldbauer ausreichend - noch: "Die Herausforderungen steigen. Die Personalknappheit nimmt immer mehr zu." Drei bis vier Mitarbeiter sitzen in der Regel an den Bildschirmen und Hörern der Leitstelle, bei besonderen Anlässen wie der Bamberger Sandkerwa oder dem Forchheimer Annafest sind es zwei Leute mehr. "Das kann man planen", erzählt Feldbauer.

Klimawandel erschwert Planung

Viel schwieriger sei es bei unplanbaren Ereignissen. "Beim Sturmtief Fabienne hatten wir über 400 Anrufe an einem Tag. Da hab ich mir gewünscht, wir hätten 100 Mitarbeiter." Durch den Klimawandel würden solche Naturgefahren immer häufiger auftreten, erzählt Feldbauer. Deshalb gibt es auch keine gleichmäßigen Einsatzzahlen. "Bei der Rettung sind alle Klimaschützer", betont sie.

Um trotzdem so gut es geht vorbereitet zu sein, arbeitet der ZRF eng mit dem Deutschen Wetterdienstzusammen. "Wir profitieren von jeder technischen Entwicklung", sagt Feldbauer. Nicht nur bei Unwetterprognosen: Bessere Leitungen, Computersysteme und Telemedizin erleichtern die Arbeit der Rettungszentrale. Für die telefonisch angeleitete Reanimation haben die Mitarbeiter einen Algorithmus auf dem Bildschirm. Der Mitarbeiter klickt sich durch Antworten auf Fragen wie "Sind Sie alleine?" und "Ist die verletzte Person ansprechbar?" Schritt für Schritt weiter, um das Problem möglichst schnell zu erfassen und möglichst wenig Zeit zu verlieren.

So wird täglich vielen Menschen in der Region geholfen. Manchmal geht es aber auch schief. Im März 2018 kamen Rettungsdienst und Notarzt zu spät zu einem Mann nach Wingersdorf, der beim Eintreffen der Retter bereits gestorben war. Laut dem Sohn des Verstorbenen wurde der erste Notruf drei Stunden zuvor abgegeben. Es folgte ein Prozess, bei dem kein Schuldiger festgestellt werden konnte. "Wir haben den Fall sehr intensiv aufgearbeitet", beteuert Dietmar Willert, stellvertretender ILS-Leiter. Was damals passiert ist, ist sehr schlimm für die Angehörigen. Aber auch für den Mitarbeiter am Telefon, der im Anschluss betreut wurde, und die Notärztin, die in dieser Nacht von 21 Uhr bis 7 Uhr in der gesamten Region Bamberg-Forchheim unterwegs war.

Infos zur Leitstelle

Der ZRF (Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung) Bamberg Forchheim ist ein Zusammenschluss von Stadt und Landkreis Bamberg sowie dem Landkreis Forchheim. 340 000 Einwohner (mit Pendlern) gehören zur regionalen ILS. 124 000 Notrufe gehen pro Jahr in der örtlichen ILS ein. 120 Mal wird dabei die T-CPR angewandt. 57 000 Rettungseinsätze werden jährlich durch die ILS koordiniert. 3 5000 Feuerwehreinsätze werden von der ILS gesteuert.

112 - Die Notrufnummer von Rettungsdienst und Feuerwehr kennt die Hälfte der Europäer nicht.