Aufgeschreckt wurde die Weltöffentlichkeit vor einigen Wochen, als muslimische Taliban-Kämpfer in Pakistan zehn Bergsteiger erschossen, die den Karakorum-Gipfel des Nanga Parbat besteigen wollten. Als Harry Nikol aus dem Scheßlitzer Stadtteil Wiesengiech davon erfuhr, war das tragische Ereignis schon mehrere Tage her und in Deutschland längst bekannt. Nikol aber war zu diesem Zeitpunkt nur etwa 200 Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt und Mitglied einer anderen Bergsteigergruppe, die gerade einen anderen 8000-er besteigen wollte. Es hätte nicht viel gefehlt, und der einzige Extrembergsteiger aus dem Bamberger Land wäre den Taliban zum Opfer gefallen.

Ungewissheit herrschte derweil daheim in Wiesengiech bei Ehefrau Christine und den drei Töchtern, bei Freunden und Bekannten. Man wusste ja, wo Harry Nikol sich aufhielt, und die Nachrichten bezeichneten den Ort des Geschehens nur ungefähr. "Deshalb habe ich über das Satellitentelefon schnell daheim angerufen und meine Tochter war total erleichtert. Die Freude war natürlich beiderseits groß", erzählt Harry Nikol, der damals gerade am 8051 Meter hohen Broad Peak, dem 12.-höchsten Berg der Erde, mit dem Einrichten der Lagerkette beschäftigt war. Als einziger Deutscher hatte er sich einer österreichischen Gruppe unter Führung seines langjährigen Bergkameraden Sepp Inhöger aus Bad Gastein angeschlossen. Und Harry Nikol berichtet von schönen wie von grausamen Erlebnissen, von einer Herausforderung auf Leben und Tod im fernen und lebensfeindlichen Karakorum-Gebirge.

Schon einmal, 1997, hat Harry Nikol mit seinem langjährig Freund Sepp Inhöger einen Gipfel im Himalaya bestiegen, den 8201 Meter hohen Cho Oyu, immerhin sechsthöchster Gipfel der Erde. "Doch der Broad Peak ist ein wesentlich härterer Brocken", sagt Harry Nikol. Und außerdem herrschte damals noch kein Krieg in Afghanistan, der die Expedition beeinträchtigt hätte.

Den Krieg bekam die Gruppe gleich nach der Landung in Islamabad zu spüren. "Bevor wir bei mehr als 40 Grad im Schatten die Fahrt nach Chilas und weiter nach Skardu antreten konnten, wurde uns ein Begleitoffizier der pakistanischen Armee zugeteilt. Er hatte ein Begleitschreiben samt Gipfelgenehmigung dabei, mit dem er uns durch die zahlreichen Militärposten lotste", erzählt Harry Nikol. Für diese etwa 900 Kilometer war man 36 Stunden unterwegs.

In Skardu, auf etwa 2400 Meter Meereshöhe, bei recht angenehmen klimatischen Bedingungen, stellte die Bergsteigergruppe aus Österreich und Deutschland ihre Ausrüstung für den Gipfelsturm zusammen. Zelte, Gaskocher, Iso-Matten, Schlafsäcke und andere Dinge wurden in Rucksäcke und Tonnen gepackt, pro Mann etwa 20 Kilo Ausrüstung.

Dann ging es mit Jeeps weiter nach Ascole. Für die 120 Kilometer benötigte der kleine Konvoi sieben Stunden. Ein besonderes Erlebnis war für Harry Nikol die Überquerung des Indus auf schwankenden Hängebrücken. "Es konnte immer nur ein Fahrzeug auf die Brücke, musste dann warten, bis die Pendelbewegungen aufhörten, und fuhr dann rüber". In Ascole, auf 3300 Meter, endete die Fahrt, es begann ein Fußmarsch, und sechs Tage nach dem Aufbruch erreichte man schließlich das Basislager in 4800 Metern Höhe unterhalb des Broad Peak. "Nachts hat es hier schon einmal minus zehn, 15 Grad gehabt, tagsüber war es aber noch angenehm warm." Bis hierher hatten heimische Träger den Mitteleuropäern ihre Lasten noch abgenommen, vom Basislager aus sollte der Aufstieg "by fair means" erfolgen - alle hatten ihre Ausrüstung selber zu tragen. Zunächst war aber das Basislager selber einzurichten. Gebäude oder Baracken gibt es hier nicht, sie würden über kurz oder lang in Gletscherspalten versinken oder dem Sturm zu Opfer fallen. Zelte wurden aufgebaut.

Die mehr als 3000 Meter Höhenunterschied zum Gipfel sind nicht in einem Zug zu bewältigen. Die dünne Luft und die oft extremen Wetterverhältnisse verhindern ein zügiges Vorankommen. Deshalb werden vor dem eigentlichen Aufstieg zunächst Depots angelegt: eines in 5300 Meter, dann Camps bei 5700 Meter und bei 6200 sowie das oberste bei 7000 Meter. Von hier aus sollte später der Gipfelsturm erfolgen. Sauerstoff, ein Rettungssack, Notfall-Apotheken, zum Beispiel wegen der Höhenkrankheit, waren die wichtigsten Attribute. Neun Tage dauerte es, bis die Lagerkette angelegt war. Dann wartete man auf das richtige Wetter.

Und die günstige Prognose kam schnell. Drei Tage später sollten auf dem Gipfel des Broad Peak für zwei Tage annehmbare Bedingungen herrschen: In diesem Zeitfenster waren tagsüber minus 15 Grad, dazu leichter Wind angesagt, aber kein Schnee. Doch bis dahin sollte es ein weiter Weg sein. Gleich am ersten Marschtag bewältigte die Gruppe das doppelte Pensum und schaffte es bis zum Camp 2 in 6200 Meter Höhe.

Wind bläst die Zelte weg

Hier herrschten noch ganz andere Bedingungen: Schneesturm, minus 25 Grad und Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern. "Als eine Art Fundamente für die Zelte haben wir aus Steinen eine Mauer gebaut, aber sogar die hat der Wind weggeblasen", erzählt Nikol. So hatten die meisten kaum ein Auge zugetan, als es am nächsten Tag ins Lager 3 auf 7000 Meter Höhe ging. In der dünnen Luft und durch die Schnee- und Eisfelder war der Aufstieg - wenngleich bergsteigerisch nicht besonders anspruchsvoll - eine Tortur. "Jede Bewegung ist mit Anstrengung verbunden. Und nach der Ankunft: Wasser kochen, rasten, essen, sich auf den Gipfeltag vorbereiten".

Dann war es soweit: Um 4.30 Uhr nachts ein Weckruf, in den Zelten gehen die Stirnlampen an, langsam kriechen die Gestalten heraus, bereit für den Gipfelgang. Die Wetterprognose scheint sich zu bewahrheiten: Mäßiger Wind, sternenklarer Himmel und moderate Kälte begleiten den Aufstieg. Die Stirnlampen setzen sich in Bewegung. "Jeder sucht seinen Rhythmus und kämpft irgendwann mit der Versuchung, wieder umzukehren", erinnert sich Harry Nikol. Der Weg führt entlang von Spalten, über steilere Abschnitte bis zu knietiefen Hängen, wo der vordere Trupp der Gruppe auch noch anstrengende Spurenarbeit leisten muss, weil die dafür eigentlich verantwortlichen Pakistani weder gespurt noch die Verlegung von Fixseilen geleistet haben.

Dazu kommt ein schlimmes Berg-Erlebnis. An einer Scharte auf 7800 Meter geht es im kombinierten Gelände hoch zum Gipfel, kein anderer Weg führt hier weiter. Seit einer Winterbegehung 2013 wurden zwei Polen vermisst. Einer davon hing tot am Seil in der Felswand. "Wir konnten nicht an ihm vorbei, mussten beim Auf- und beim Abstieg über ihn drüber klettern", schildert Harry Nikol die Tragik im Himalaya.

Dennoch: Nach acht Stunden ist die Scharte des Broad Peak erreicht, von wo aus es im kombinierten Gelände (Steilhänge und Kletterei im dritten Grad) noch drei Stunden bis zum Rocky Summit sind, dem 8035 Meter hohe Vorgipfel. Die meisten der Gruppe haben die 8000-er "Schallmauer" durchbrochen. Um 15.20 Uhr kommen Sepp Inhöger, Sepp Rieser, Alexander Holleis und Expeditionsleiter Robert Hochreiter am Vorgipfel an. Man ist völlig erschöpft, die dünne und sauerstoffarme Luft saugt die Kraft aus den Knochen. Nur Sepp Inhöger hat noch die Substanz, im Alleingang die noch 16 Höhenmeter zum 8051 Meter hohen Hauptgipfel zu gehen. Harry Nikol, Paul Gürtler und die anderen genießen derweil den Rundblick über das Karakorum. Man wollte nicht das Schicksal des Polen teilen: an Erschöpfung zu sterben, und teilte lieber seine Kräfte ein. Die höchsten Berge Chinas und die hier einzigen beiden noch höheren Gipfel von K2 und Gasherbrum 1 sind tatsächlich "atemberaubend".

Doch erst die halbe Arbeit ist getan. Der Abstieg über die Steilhänge und entlang der Spalten fordert von den ausgepumpten Bergsteigern noch einmal die volle Konzentration. Aber man hat Glück und alles geht gut. Die Lager drei und zwei werden auf dem Rückweg geräumt, die Ausrüstung wieder mitgenommen. Eine letzte Herausforderung bildete schließlich das Basislager in knapp 5000 Meter Höhe. "Da war noch ein leichter Anstieg von vielleicht 50 Meter. Wir haben gedacht, wir schaffen das nicht mehr, so platt waren wir". Nicht so viel Glück hat eine 39-jährige Frau aus Berlin ganz in der Nähe. Dort führte eine Bambusbrücke über einen Gletscherbach und die Frau wollte diese Brücke überqueren, erzählt Harry Nikol. "Dabei stürzte sie ab und wurde offenbar unter einen Felsen gespült, wo sie ertrunken ist". Sie konnte von den Bergsteigern nur noch tot geborgen werden. "Wegen der Toten konnten wir uns über unseren Gipfelsturm gar nicht mehr freuen", bringt Harry Nikol seine Gefühle zum Ausdruck.

Höhentourismus "schlimm"

"Der Höhentourismus ist einfach schlimm. 90 Prozent der Leute, die in den Himalaya gehen, haben dort eigentlich nichts verloren. Die meisten können kaum einen Klettergurt anziehen, geschweige denn mit Steigeisen gehen". Hinzu kommt, dass wegen der Drohnen-Angriffe und der damit verbundenen Opfer in der Zivilbevölkerung mit Racheakten der Taliban gerechnet werden müsse.

Wie gewagt die österreichisch-deutsche Expedition war zeigt der Umstand, dass seit 20 Jahren niemand mehr so früh im Jahr auf dem Broad Peak war. Der Rückweg verlief dann - ohne Begleitoffizier - unspektakulär. "Wir hatten wieder Militärschutz bis Islamabad und sind am 16. Juli zurück nach München geflogen", so Nikol. Am Flughafen trank die Gruppe noch ein Bier, bevor die letzte Etappe einer langen Reise angetreten wurde.