Sonntag, 10 Uhr. Am Osterbrunnen im Bamberger Stadtteil Gereuth radelt ein älterer Mann im schwarzen Schlabberlook vorbei. Würdigt das schmucke Objekt keines Blickes. Der Korb auf dem Gepäckträger ist gestopft voll mit neuen Bierdosen. Ein Prost auf Ostern und auf das Leben! Oder doch eher auf das immer noch existierende Elend in dieser Welt? Nur auszuhalten im Alkoholrausch?

Fern der Altstadt, in der sich die Ostertouristen tummeln, ist es nahezu leer auf Bambergs Straßen. Die einzigen Fußgänger, die irgendwie ziellos etwa in der Pfarrfeldstraße, Neuerbstraße und Umgebung unterwegs sind, sind Afrikaner und andere als Ausländer erkennbare Männer. Auf der Suche nach vom Osterhasen versteckten bunten Eiern dürften sie kaum sein. Und "wie neugeboren" an diesem Ostersonntag nach einer 40-tägigen Fastenzeit fühlen sie sich gewiss auch nicht. Das christliche Fest Ostern? Was bedeutet das, bitte?

Unter den wenigen Autos, die an diesem Morgen rollen, fallen die vergleichsweise vielen der diversen ambulanten Pflegedienste auf. Ostern meint zwar den Sieg des Lebens über den Tod. Leben endet nicht mit dem Sterben. Doch tragen all die Kranken, Sterbenskranken, die in ihrem Zuhause versorgt werden wollen, diese Gewissheit in sich? Wie viel Angst vor dem Sensenmann, welche Schmerzen, Todesqualen hinter verdunkelten Fensterscheiben! Welcher Nachbar kommt wenigstens zu Ostern der urchristlichen Aufforderung nach "einer trage des anderen Last"?

Im Bahnhof haben die Geschäfte samt Bäckerei-Café geöffnet. Reges Treiben herrscht, Menschen eilen zu den Gleisen. Und mitten in diesem Trubel hocken Leute einfach da, ohne Taschen oder anderes Gepäck. Warten auf den Zug nach Nirgendwo. Lauschen dem Klang des Stimmengewirrs, um nicht von der lärmenden Stille im einsamen Zuhause übermannt zu werden. Stille, die an Feiertagen wie diesen das Trommelfell zerreißt.

Vor dem Tor der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken an der Pödeldorfer Straße lungern zwei Jugendliche, vielleicht 17, 18 Jahre alt. Sie sprechen arabisch miteinander, wirken verloren. Nach einer Weile schlendern sie zu den umzäunten Häuserblocks zurück. Die Wachleute vom Sicherheitsdienst schauen ihnen nach. Es sei alles ruhig auf dem Gelände, keine besonderen Vorkommnisse, versichern die beiden. Ist Ostern dort angekommen? Drückt das schmachvolle Kreuz, bloß geduldeter Flüchtling zu sein, weniger?

Ostern zum Anfassen, zum Hören, Riechen, Schmecken: Ja, das gibt es auch in der heilen Bamberger Welt. Die Kirchen sind voll in der Osternacht. Das Feuer prasselt, die Osterkerze wird daran entzündet, der Priester singt das "Lumen Christi" (Christus, das Licht), der Diakon das "Exsultet": "Frohlocket, ihr Chöre der Engel, frohlocket, ihr himmlischen Scharen, lasset die Posaune erschallen...". Der Sound von Ostern steigert sich noch: Zum Gloria die Schellen, die Glocken, die Orgel - und die Gemeinde schmettert das Halleluja! Osterjubel: Jesus ist auferstanden! Jesus lebt!"

Ostermontag ist dann eher wie Weihnachten. Schnee wie am Geburtstag des Herrn. Ein Emmausgang mehr zur Krippe denn zum leeren Grab. Beides gehört ohnehin zusammen. Bamberg erlebt dieses winterliche Ereignis im Frühling entschleunigt. Schließlich müssen sich wohl die meisten auch an den Auferstehungsglauben herantasten. Langsam und zweifelnd. "Wir dürfen wahrnehmen, dass Gott sein Volk auch weiter führt und leitet", versprach Erzbischof Ludwig Schick in seiner Osterpredigt.

Ob er mit diesen Worten wohl dem älteren Mann in der Gereuth die Bierdosen aus der Hand nehmen könnte?