Otto Heyder hat die Anklageschrift gegen den Mörder der elfjährigen Janina verlesen, im Sandstraßenprozess hat er vier Zeugen verhaften lassen, und im Gleusdorf-Verfahren musste der Oberstaatsanwalt am Ende auf Freispruch plädieren. Seit Mai leitet Heyder die Aschaffenburger Staatsanwaltschaft - doch einige Bamberger Verbrechen sind für ihn noch überaus präsent.

Frage: Was macht für Sie die Rolle des Staatsanwalts aus, worin liegt der Reiz, vor Gericht die Anklage zu vertreten?

Heyder: Der besondere Reiz liegt für mich darin, die Weichen zu stellen, in welche Richtung ein Verfahren geht, und das häufig sehr weitreichende Ermessen sowohl zugunsten als auch zu Lasten eines Angeklagten so auszuschöpfen, dass am Ende eine jedenfalls subjektiv als gerecht empfundene Strafe herauskommt. Wenn diese dann auch noch vom Angeklagten selbst als richtig und fair wahrgenommen wird, was gar nicht so selten ist, verschafft einem das durchaus ein gutes Gefühl. Als Staatsanwalt muss man aber natürlich auch aushalten können, dass ein Angeklagter mit der gegen ihn beantragten Strafe unzufrieden ist oder das Gericht vom gestellten Antrag abweicht.

Sind Sie enttäuscht, wenn ein Urteil milder ausfällt, als Sie es beantragt haben?

Staatsanwälte sind keine anderen oder gar besseren Menschen als alle anderen. Es ist zutiefst menschlich, enttäuscht zu sein, wenn man ein Ziel nicht erreicht. Insofern wäre es nicht ehrlich, die Frage zu verneinen. Ich beantrage grundsätzlich das, was ich selbst für tat- und schuldangemessen erachte. Bewusst aus taktischen Gründen einen überhöhten Antrag zu stellen, halte ich nicht für sachgerecht.

Ein milderes Urteil führt deshalb natürlich zu einer gewissen Enttäuschung. Nur: Im Laufe seines Berufslebens lernt man bald, dies nicht als persönliche Niederlage zu begreifen. Und man lernt zu verstehen, dass genau dieses System der beste Weg ist, am Ende zu einer "richtigen" Entscheidung zu kommen, auch wenn das Ergebnis von der eigenen Beurteilung abweicht. Es ist genau das Prinzip, das einen funktionierenden Rechtsstaat in diesem Bereich ausmacht.

Im Gleusdorf-Prozess gab es am Ende Freisprüche. Schmerzt das nach der langen Vorgeschichte?

Nein. Gerade in dem aufwendigen Gleusdorf-Verfahren mit jahrelanger Ermittlungsarbeit und vielfachen Herausforderungen für Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht und auch Verteidiger, habe ich den Ausgang als absolut sachgerecht empfunden. Sämtliche Verfahrensbeteiligte haben sich redlich bemüht, die äußerst komplexen Sachverhalte gründlich und umfassend aufzuklären. Wenn man dann am Ende zu dem Ergebnis kommt, dass sich der anfangs bestehende Tatverdacht, der die Staatsanwaltschaft zum Einschreiten gezwungen und sogar zu Haftbefehlen geführt hatte, nicht in einer für eine Verurteilung ausreichenden Weise feststellen lässt, so ist der Freispruch die einzig logische Konsequenz.

Soweit die vollständige Aufklärung in Teilbereichen auch aufgrund unzureichender Dokumentation oder mangelhafter Todesbescheinigungen nicht möglich war, ist das natürlich ein Wermutstropfen, der aber nichts an der Richtigkeit der Freisprüche ändert. Und in dem Umstand, dass der Ausgang des Verfahrens möglicherweise Entschädigungsansprüche der Angeklagten wegen der durchgeführten Strafverfolgungsmaßnahmen nach sich zieht, zeigt sich wiederum das Funktionieren des Rechtsstaats.

Für großes Medienecho sorgte im sogenannten Sandstraßen-Prozess Ihre Strategie, reihenweise Zeugen wegen des Verdachts der Falschaussage zu verhaften. Würden Sie wieder so handeln?

Die "reihenweise" Verhaftung von Zeugen waren konkret vier vorläufige Festnahmen von Zeugen in der Hauptverhandlung, von denen zwei bereits am darauffolgenden Tag wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Dies bei insgesamt 14 Zeugen, gegen die wegen Aussagedelikten und versuchter Strafvereitelung Verfahren eingeleitet werden mussten, von denen am Ende elf in einer Anklage mündeten.

Ob man zu solchen prozessual zulässigen, aber einschneidenden Mitteln greift, hängt natürlich von einer Vielzahl von Faktoren ab. Vorliegend war die "Mauer des Schweigens" einerseits, und das Aufklärungsinteresse im Hinblick auf die vom Geschädigten erlittenen schwersten Verletzungen und Folgeschäden war andererseits so hoch, dass es mir verhältnismäßig schien, derart drastische Maßnahmen zu ergreifen.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war die anschließende Berichterstattung in den Boulevardmedien und vor allem auch in einer namhaften Wochenzeitung, mit der unter dem Deckmantel "investigativ" eine Vielzahl schlicht falscher Tatsachenbehauptungen verbreitet wurden, obwohl der zuständige Redakteur nur an einem Tag kurz in der Hauptverhandlung anwesend war. Für das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Justiz kann eine solche Berichterstattung natürlich verheerend sein. Umso erfreulicher war es, dass die Redakteure der lokalen Medien, die die Hauptverhandlung über den gesamten Zeitraum täglich verfolgt hatten, zwar durchaus kritisch, aber gleichwohl ausgewogen berichtet haben. Handlungsleitend darf die Medienberichterstattung für einen Staatsanwalt aber ohnehin nicht sein.

Ich würde in einer vergleichbaren Situation in gleicher Weise vorgehen, zumal die vorläufige Festnahme eines Zeugen, der schon vor dem Ermittlungsrichter gelogen hatte, den entscheidenden Durchbruch brachte, um den Täter überhaupt ermitteln zu können.

Stimmt für Sie der Rahmen des Strafgesetzbuchs, würden Sie sich für manche Taten härtere oder mildere Strafen wünschen?

Die im Strafgesetzbuch enthalten Strafrahmen mögen im Einzelfall immer wieder einmal als nicht optimal abgestimmt erscheinen. Sie bieten aber in aller Regel einen derart weiten Spielraum, dass bei Berücksichtigung sämtlicher Strafzumessungsgesichtspunkte die angemessene Strafe gefunden werden kann.

Wie sollte sich ein Angeklagter, der weiß, dass er schuldig ist, am besten vor Gericht verhalten?

Im Einzelfall mag es richtig sein, auf seinen Verteidiger zu hören und zu schweigen. Ich habe allerdings noch nicht einmal erlebt, dass es einem Angeklagten geschadet hat, vor Gericht möglichst frühzeitig und uneingeschränkt die Wahrheit zu sagen. Im Gegenteil: Ehrlichkeit wird immer belohnt; und sei es auch "nur" in der Weise, dass man sein Gewissen erleichtern, noch einmal von vorne beginnen und ein Leben ohne Straftaten führen kann.

Welchen Strafprozess werden Sie nie vergessen - und warum?

Da gibt es zwei: Der Mord an der elfjährigen Janina in Unterschleichach in der Silvesternacht 2015/16 und der Mord an einem syrischen Asylbewerber in der Asylbewerberunterkunft in Unterleiterbach im Januar 2017.

Beide Verbrechen waren deshalb besonders tragisch, da das jeweilige Opfer schuld- und ahnungslos nur deshalb sein Leben lassen musste, weil es zufällig "zur falschen Zeit am falschen Ort" war. Im Fall des jungen Mädchens kam hinzu, dass auch der Täter aufgrund von Krankheit und Vereinsamung ein Dasein führte, durch das die völlig sinnlose Tat zwar nicht verständlich wurde, das aber doch zumindest erahnen ließ, was in seinem Kopf vorgegangen sein könnte. In diesem Verfahren gab es wohl keinen Verfahrensbeteiligten, der nicht auch emotional berührt gewesen wäre.

Die Fragen stellte Stefan Fößel.