Wie geht es mit dem sogenannten Herold-Haus an der Ottostraße weiter? Droht tatsächlich ein mehrjähriger Leerstand, wie ihn Eigentümer Horst-Peter Müller an die Wand malt, weil er seine Hotelpläne dort nicht verwirklichen darf?



Düstere Perspektive

Käme es dazu, dass sich das Haus leert und größere Teile unbewohnt bleiben, würde das wohl der nah-und-gut-Markt auf der anderen Straßenseite zu spüren bekommen. Das befürchtet Brigitte Döll, die Betreiberin. Sie hofft, dass das Szenario nicht eintritt, mit dem sie nach Auskunft ihres Vermieters rechnen muss. Ihr Vermieter ist auch der Besitzer des "Herold-Hauses".



Als Schandfleck

Der Stegauracher Unternehmer möchte in dem sechsstöckigen Mietshaus an der Ottostraße ein Hotel und Stadtappartements schaffen, die für bis zu zwölf Monate Dauer vermietet werden. Der Stadtrat hat diesen Plänen vorerst einen Riegel vorgeschoben. Erstens, weil dort normale Mietwohnungen verloren gingen, die in Bamberg dringend gebraucht werden, und zweitens, weil das Gebäude als Schandfleck im Hain gilt und man jetzt die Chance sieht, einen städtebaulichen Missstand wenn nicht zu tilgen, so doch, ihn zu lindern.


Am 6. Dezember im Bausenat

Am 6. Dezember bringt der Stadtrat aller Voraussicht nach einen Bebauungsplan für das ganze Viertel auf den Weg, zu dem der Komplex gehört. Parallel soll eine Veränderungssperre für das Gebiet erlassen werden, das von der Ottostraße im Süden, der Amalienstraße im Norden, der Schützenstraße im Westen und von der Herzog-Max-Straße im Osten begrenzt wird.

Wie lange das Verfahren dauern wird, lässt sich laut Baureferent Thomas Beese nicht vorhersagen. Das hänge vom Fortgang der Gespräche zwischen Bauherr und Verwaltung ab. Es spricht laut Beese jedenfalls nichts dagegen, dass die Immobilie während des Verfahrens genutzt wird. Einer Vermietung schon frei gewordener oder leer werdender Einheiten stehe nichts im Weg.



Gesetzeswidrig

Eigentümer Horst-Peter Müller hält dagegen, dass befristete Mietverträge gesetzeswidrig seien: "Ich kann die Wohnungen entweder leer stehen lassen oder möbliert vermieten." Das wäre die Variante Stadtappartements, von der die Kommunalpolitik bislang nichts wissen will.

Die Tendenz des Hausbesitzers in der momentanen Situation ist klar: "Wird eine Wohnung frei, bleibt sie bis auf Weiteres leer." Mit Kündigung muss angeblich kein Mieter rechnen.


Neubau an der Ottostraße?

Im anstehenden Verfahren wird die Frage der Nahversorgung im Hain keine oder nur eine kleine Rolle spielen. Das sei ein Aspekt von vielen, gaben von der Lokalredaktion befragte Stadträte zu verstehen. Vorrang hat für die Politik ganz klar der Erhalt dringend benötigter Mietwohnungen und das Stadtbild.

In der Bauverwaltung gibt es ziemlich konkrete Vorstellungen, wie ein auch optisch guter Kompromiss mit dem Investor in der Ottostraße aussehen könnte: Beese spricht von einem möglichen Neubau als Lückenschluss in der Baulinie. Damit das neue Gebäude nicht vom "Herold-Haus" überragt wird, müsste dieses zurückgebaut, also niedriger werden. Die Idee ist nach Angaben des Baureferenten aber nicht neu, sondern entspreche dem Hain-Rahmenplan.


"Verantwortung beim Vermieter"

Die Verantwortung für ein Überleben des Nahversorgers in der aktuellen Situation sieht Beese weder bei der Stadtverwaltung noch bei der Politik, sondern bei Müller. Gerade weil er auch Dölls Vermieter ist, habe er es in der Hand, dem Markt eine Zukunft zu ermöglichen.

Müller betont zwar sein ureigenes Interesse am Erhalt des Geschäfts, glaubt aber nicht, dass es mit einer "subventionierten Pacht" getan ist: "Der Markt braucht Kaufkraft, um eine gewisse Mindestumsatzgröße zu schaffen und einen Warenumschlag zu erreichen, der die Frische in der Metzgerei und Gemüsetheke garantiert, sonst bleiben die Kunden weg."



Potenzielle Kunden

Er ist sicher, dass seine Pläne mit dem "Herold-Haus" gut für den Nahversorger wären. Langfristig würden 45 Haushalte entstehen, die Mieter seien potenzielle Kunden. Außerdem hätte er "Frau Döll angeboten, den Wareneinkauf für das Hotel ausschließlich über ihr Geschäft zu tätigen". Alles zusammen wäre nach Müllers Überzeugung geeignet, den Laden so zu stabilisieren, dass sich auch Nachfolger finden lassen dürften.

Was sagt Brigitte Döll dazu? Für die 62-Jährige spielt es letztlich keine Rolle, ob ganz normale Mieter oder Bewohner auf Zeit aus dem "Herold-Haus" bei ihr einkaufen. Hauptsache, sie verliere keine größere Zahl von Kunden.



Hilferuf in der Zeitung

Die Geschäftsfrau hofft, nie mehr in eine Situation zu kommen, wie vor zehn Jahren. Ende 2006, Anfang 2007 war sie drauf und dran gewesen, zu schließen: Obwohl Döll all ihr Erspartes investiert und Kredite aufgenommen hatte, die sie bis heute abzahlt, lief der Laden immer schlechter. Erst ein öffentlicher Hilferuf in der Zeitung brachte die Kehrtwende und bei vielen ihrer Kunden die Erkenntnis, dass es an ihnen liegt, ob der Markt überlebt oder nicht.


Nachfolger braucht gute Zahlen

Heute ist es das erklärte Ziel der 62-Jährigen, in einigen Jahren an Jüngere zu übergeben, damit die Nahversorgung im Hain - nicht zuletzt wegen der vielen dort lebenden Senioren - langfristig gewährleistet ist. Doch ihr ist bewusst: Sinkt der Umsatz - aus welchen Gründen auch immer -, sinkt die Aussicht, Nachfolger zu finden. Schon jetzt bleibt nach ihren Worten nicht viel übrig: "Für mich reicht's, aber eine Familie könnte nicht davon leben."