Mächtig Wind hat die Staatsregierung in den letzten Monaten um den neuen Windatlas gemacht. Die Planungsgrundlage für die Energiewende stellte Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch im Kabinett vor - mit gut zwei Jahren Verspätung und doch zu früh. Denn die von Bayern durchgeboxten Neuerungen bei der Windenergie (Abstände) sind in dem Planungswerk noch gar nicht enthalten.

Der Windatlas zeigt farbig, wo der Wind in Bayern wie stark weht, sprich welche Flächen für den Bau von Windkraftwerken am besten geeignet sind. Wenig überraschend ist, dass der Wind auch im Freistaat auf den Bergen (gelb) stärker als in den Tälern (blau) bläst. Schon eher überrascht die Tatsache, dass die Neuauflage bei weitem mehr Wind-Flächen zeigt, als Bayern bräuchte, um sein selbst gestecktes Ziel bei der Energiewende zu erreichen.
Wäre, wie Skeptiker unken, der Windatlas ein mehr politisches als physikalisches Instrument, dann hätten die Planer die Flächen ja wohl eher klein rechnen lassen.

Windpark per Mausklick

So aber: Viel Wind im Freistaat. Oder nicht?. Ein fränkischer Windkraftexperte hat sich für diese Zeitung das Planungsinstrument angeschaut und schüttelt den Kopf ob der bunten Karte und der technischen "Spielzeuge", die es jedem Nutzer erlauben, sich einen eigenen Windpark per Mausklick in 3D vor die Haustür zu setzen.

"Das sieht erst einmal gut aus, aber viel Substanz ist nicht dahinter", sagt der Energiefachmann, der ungenannt bleiben möchte, weil er er eigene Windkraftpläne schon "x-mal" umgeschrieben hat und immer noch auf klare Vorgaben wartet. Und die liefert Aigners neuer Windatlas auch nicht? Nein. Obwohl das aus dem Mund der Wirtschaftsministerin erst einmal so klingt: "Im Windatlas wird festgelegt, wo Investitionen erfolgreich möglich sind", erklärte Aigner am Mittwoch. Die Wahrheit liegt zwischen den Zeilen: Wo Investitionen möglich sind, müssen sie noch lange nicht genehmigt werden.

Und genau das macht aus dem Energieatlas ein Buch mit sieben Siegeln. Auf den ersten Blick könnten Wind-Freunde in Franken frohlocken und die Wind-Gegner Sturm laufen: Ein Großteil der Flächen, die nach Meinung der Gutachter für Windkraftwerke am besten geeignet sind, liegt im Norden und Westen des Freistaates.

Es bleibt nichts übrig

Legt man aber die neue Abstandsregel über das Raster, die Bayern im Baugesetz festlegen will, bleibt von den allermeisten Windflächen nichts mehr übrig. In Unterfranken etwa gäbe es laut Windatlas ein Potenzial für gut 1500 Windräder. Greift jedoch die Regel, dass das Windrad zehnmal so weit von der Wohnbebauung entfernt sein muss, wie es hoch ist, schrumpft die Zahl der Flächen auf Null.

Zwar soll das neue bayerische Baurecht Ausnahmen zulassen, aber ob die genügen, um die Ziele des Freistaates bei der Energiewende zu erreichen, ist auch mit dem neuen Windatlas eine völlig offene Frage. Derzeit decken die erneuerbaren Energien 25 Prozent des Strombedarfs in Bayern, bis 2021 sollen es 50 Prozent sein. Und der Anteil der Windenergie soll von 0,6 auf sechs bis zehn Prozent steigen.

Derzeit sind in Bayern knapp 600 Windenergieanlagen in Betrieb. Es fehlen tausende Windräder. Derlei selbst fabrizierte Widersprüche in der Energiepolitik machen sogar Ministerpräsident Horst Seehofer fuchtig. Er wollte Ilse Aigner kurzfristig zurückpfeifen und den Windatlas unter Verschluss halten. Es wird also weiter Wind gemacht.