Er glaubt, sein Essen werde vergiftet und er ist fest davon überzeugt, dass die Kirchenglocken in Unterleiterbach 300 Mal am Tag läuten, um ihn auf die Probe zu stellen. Sein Sperma sei gestohlen worden, um Frauen zu befruchten, "Organisationen" wollten ihn steuern, zum Beispiel durch den Einsatz von Roboter-Insekten und -vögeln. Die Drahtzieherin der gegen ihn gerichteten Verschwörung sei seine Deutschlehrerin, die er heiraten werde . . .


Aggressiv und gewalttätig

Diese Geschichten, die der 27-jährige irakische Asylbewerber H.S. nicht nur dem Gericht, sondern auch der Polizei, Ärzten und Gutachtern immer wieder erzählt, sind leider keine harmlose Spinnerei: Seine Persönlichkeit ist von aggressivem Verhalten gekennzeichnet. Er leidet an paranoider Schizophrenie und ist wegen seiner Gewaltbereitschaft nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft und der Dritten Strafkammer des Landgerichts Bamberg "gefährlich für die Allgemeinheit".

Am 14. Dezember 2016 hat der Mann in der Asylbewerberunterkunft in Unterleiterbach, einem Ortsteil von Zapfendorf, mehrere Stühle auf einen Tisch im Aufenthaltsraum gestellt und sie angezündet. Zwei junge Mitbewohner aus Äthiopien und Afghanistan erkannten die Gefahr, riefen die Polizei und hielten den Brand mit drei Feuerlöschern in Schach. Sie verhinderten durch ihre Geistesgegenwart und ihren Einsatz, dass der Schaden auf Reparaturkosten in Höhe von 2500 Euro beschränkt bliebt. Verletzt wurde niemand.

Als H.S. in der Bamberger Justizvollzugsanstalt in Einzelhaft saß, rastete er am 30. Dezember 2016 ein zweites Mal aus. Er beschädigte eine Notrufanlage und zertrümmerte einen Spiegel. Danach wehrte er sich mit aller Kraft gegen zwei Vollstreckungsbeamte, die ihn und seine Kleidung durchsuchen wollten, weil er es fertiggebracht hatte, eine an sich zerstörungssichere Matratze kaputt zu machen. Wie H. S. das geschafft hat, weiß der Sicherheitsbeamte bis heute nicht.

Die Brandstiftung und den Angriff im Gefängnis hat er nach Überzeugung der Gutachter und des Gerichts im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen. Deshalb lautete das Urteil: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. "Eine andere Entscheidung ist überhaupt nicht denkbar", betonte Vorsitzender Richter Manfred Schmidt in der Urteilsbegründung. Wie es mit H.S. später weitergehen werde - vor allem auch ausländerrechtlich - habe das Gericht nicht zu entscheiden.

Der heute 27-Jährige kam Anfang 2016 nach Deutschland. Aufgewachsen ist er mit vier Geschwistern in einem Dorf nahe Sulaimaniyya, eine der größten Städte der Autonomen Region Kurdistan. Seine Angaben zu Geschwistern, Schulbesuch und Beruf unterscheiden sich von Mal zu Mal und sind zum Teil völlig unlogisch, wie die Leitende Oberärztin des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, Ines Bahlig-Schmidt, schilderte. H.S. will als Bäcker gearbeitet und drei Jahre lang bei den Peschmerga gedient haben. Vor Gericht gab der Beschuldigte an, im Wesentlichen aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen zu sein.


Bizarre Wahnideen

Über die Türkei und eine griechische Insel gelangte er nach Eisenhüttenstadt und dann nach Medlitz, einem Ortsteil von Rattelsdorf im Landkreis Bamberg. In der dortigen Unterkunft ist er "schon am ersten Tag aufgefallen", sagte der Betreiber im Zeugenstand. "Wo ist mein Swimmingpool?" habe der Asylbewerber als Erstes wissen wollen. Einige Zeit sei es gut gegangen, dann aber immer schlimmer geworden. H.S. sei isoliert und ein Eigenbrötler gewesen, habe Tee geraucht und viele Tage vor Monatsende kein Geld mehr für Essen gehabt. Am Tag habe er geschlafen und in der Nacht die Mitbewohner gestört. Auf Bitten des Betreibers sei er nach Unterleiterbach verlegt worden. Der Hausmeister der dortigen Unterkunft wusste Ähnliches über H.S. zu berichten. "Er hat immer einen unzufriedenen Eindruck gemacht."

Der Mann war wohl schon krank bevor er sich auf die Reise nach Deutschland machte: Bereits im Irak hatte er dieselben Psvchopharmaka verschrieben bekommen wie jetzt in der Fachklinik in Bayreuth.
Ob und wann sich der Zustand von H.S. bessern werde, vermochte Walter Bogner vom gerichtsärztlichen Dienst des Oberlandesgerichts nicht voraussagen. Zur Abkehr von seinen bizarren Wahnideen und zu einer baldigen Genesung fehle ihm vor allem Eines: die Einsicht, dass er krank ist.