Sie würden es wieder tun, versichern Birgit und Peter Fröhlich. Momentan gebe es nur kein anderes zu sanierendes Einzeldenkmal, das sie so fordern würde, wie es die Tocklergasse 1 getan hat.

Das ehemalige Gärtnerhaus war schon windschief und ein scheinbar hoffnungsloser Fall, als das Baunacher Ehepaar es Ende 2010 erwarb.

2011 begann die Rettung des Anwesens, im Sommer 2012 war es bezugsfertig. Mit der Tocklergasse 1 bewahrten die Fröhlichs dem Welterbe Bamberg ein einmaliges Objekt mitten in der Gärtnerstadt. Dafür erhielten sie jetzt die bayerische Denkmalschutzmedaille.

Viele Zaungäste

Die Nachricht von der Auszeichnung dürfte noch ein paar Zaungäste mehr ins Viertel locken.
An Spaziergängern, von denen sich manche angeblich sogar ungeniert die Nase am Küchenfenster platt drücken, mangelt es jetzt schon nicht, berichten die Bewohner des Häuschens. Nur deshalb hätten sie sich für einen blickdichten Vorhang entschieden. . .

Das ist allem Anschein nach jedoch der einzige Wermutstropfen für Marc Brab und seine Lebensgefährtin, seit sie vor zwei Jahren mit ihren beiden Kindern das Anwesen bezogen haben.

Dass es kaum rechte Winkel gibt, keinen Stellplatz für einen Kleiderschrank in den heute üblichen Ausmaßen und auch sonst wenig "von der Stange" ist - das nehmen sie nach eigenen Angaben nicht nur gern in Kauf, sondern das ist genau das, wonach sie gesucht haben. Brabs Lebensgefährtin zitiert, was eine Freundin bei ihrem ersten Besuch befand: "Das Haus hat einfach Seele." Treffender, so findet die zweifache Mutter, könne man nicht ausdrücken, was das Wohnen in diesem Einzeldenkmal ausmacht.

Brab selbst hat, wie er versichert, nie woanders leben wollen, seit er 1998 nach Bamberg kam. Das damals schon ruinöse Häuschen am Zusammentreffen von Mittelstraße und Tocklergasse lernte der Rechtsanwalt bei Spaziergängen mit einem Freund kennen. Gemeinsam hätten sie "immer 'rumgesponnen", wie es wohl wäre, darin zu wohnen, erzählt der Jurist. Er hätte die frühere Besitzerin auch einmal angesprochen, doch die habe nicht verkaufen wollen.

Das muss sich später geändert haben, denn 2010 erwarb das Ehepaar Fröhlich das Grundstück. Als selbstständiger Steinmetz brachte Peter Fröhlich neben Fachwissen auch den Mut und die nötige Fantasie mit, um sich vorstellen zu können, wie schön sein "Hexenhäuschen" eines Tages werden könnte.

Noch in der Anfangsphase der Instandsetzung nahm Brab Verbindung zu den neuen Eigentümern seines Traumhauses auf. Man wurde sich schnell einig, so dass die künftigen Mieter die einzelnen Sanierungs-Etappen schon miterlebt haben.

"Daraus lernen wir: Die Häuser suchen sich nicht nur ihre Käufer, sondern auch ihre Mieter aus", konstatiert Baureferent Thomas Beese, der die Verwandlung des "alten Gerutsch'" zu einem viel bestaunten schmucken Fachwerkhaus als damaliger Leiter der Abteilung Stadtsanierung im Baureferat betreut und unterstützt hat. Die Kommune war es auch, die das Ehepaar Fröhlich für die bayerische Denkmalschutzmedaille 2014 vorgeschlagen hatte. 27 Mal wurde sie heuer verliehen; nur eine ging in den Raum Bamberg.

Das Haupthaus stand schon 1602

So unscheinbar und wertlos das Häuschen vor seiner Rettung vielen Bambergern erschienen sein mag, so bedeutsam ist es aus Sicht der Denkmalpflege.

"Das Haus hat im Laufe der Zeit kaum Veränderungen erfahren - seine kleinteilige Struktur hat sich vollständig erhalten. Eine Balken-Bohlen-Decke aus der Bauzeit ist heute wieder wie damals farbig gefasst, ebenso das Fachwerk, das im Inneren des Hauses sichtbar ist. Zwei Fenster aus der Entstehungszeit des Hauses sowie Innentüren und die originale Treppe haben Birgit und Peter Fröhlich sorgsam restaurieren lassen. Die Bauherren stellten den Erhalt der charakteristischen Gegebenheiten ihres Denkmals immer an die erste Stelle und nahmen die teilweise schwierigen Ausgangsbedingungen - kleinteilige Raumstrukturen, niedrige, teils auch fensterlose Räume - als Ansporn, etwas Besonderes aus diesem Haus zu machen", lobte Staatsminister Ludwig Spaenle in seiner Laudatio auf die Baunacher Preisträger. Er attestierte ihnen "großes Gespür für die Besonderheiten des Gebäudes" . Sie hätten sich "um den authentischen Erhalt dieses wichtigen Zeugnisses der Bamberger Stadtgeschichte verdient gemacht".

Das Hauptgebäude ist gut 400 Jahre alt. Es stand schon anno 1602 an dieser markanten Stelle, als Petrus Zweid-ler den nach ihm benannten ersten Stadtplan von Bamberg anfertigte. Das Haus wurde nie wirklich modernisiert, weshalb neben alter Substanz auch die historische Raumaufteilung alle Zeiten überdauert hat.

Die gute Stube mit ihrer alten Balken-Bohlen-Decke ist heute Familienküche, der frühere Stall ein großzügig dimensioniertes Wohnzimmer mit Blick in den Garten und Zugang zu einem winzigen, nach Norden liegender Innenhof. Selbst an heißen Sommertagen bleibe es dort herrlich kühl, schwärmt die Mieterin.

Wenn die Bewohner die Sonne suchen, steht ihnen ein erstaunlich großer Garten zur Verfügung. Er trennt das frei stehende Wohnhaus vom Nachbaranwesen und ist so breit wie das ganze Grundstück. Im zweiten Jahr gedeihen die neu angepflanzten Stauden und Rosenstöcke prächtig.

Apropos Klima: Die Lehmwände und die mit Holzpellets gespeiste Wand- und Fußbodenheizung schaffen eine ausgesprochen angenehme Raumluft, die selbst dem Gast positiv auffällt. Sie tut nicht nur den Menschen gut. In der alten Wohnung hätten sie ihr Klavier ständig stimmen müssen, berichtet Marc Brab; jetzt sei die Luftfeuchtigkeit optimal auch für das sensible Instrument.
Nebenbei erwähnt der Familienvater, dass die monatlichen Nebenkosten durch den Umzug in das alte Haus nicht etwa gestiegen, sondern deutlich gesunken seien.

Alle zogen an einem Strang

Bei der städtischen Denkmalpflege bewertet man die Auszeichnung für Familie Fröhlich auch als Anerkennung für die vertrauensvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit aller: Bauherrn, Untere Denkmalschutzbehörde, Stadtsanierung und Landesamt für Denkmalpflege.