"Bitte setzen Sie Ihren Mund-Nasen-Schutz richtig auf." Freundlich, aber bestimmt macht Selina Gron einen Patienten im Klinikum Bamberg auf das geltende Hygienekonzept aufmerksam. Aber das ist nur eine ihrer Tätigkeiten. Gron arbeitet an der Rezeption im dritten Geschoß des Klinikums Bamberg. Dort lotst sie Patienten und Besucher zu den richtigen Fachstellen und übernimmt verschiedene Ablage- und Büroarbeiten.

Außergewöhnlich ist nicht nur, dass Gron über Integra Mensch, einen Bereich der Lebenshilfe Bamberg, im Klinikum beschäftigt ist, sondern auch, dass es für sie eine eigene Empfangstheke gibt. Von sich selbst sagt sie: "Ich habe keine Wünsche mehr, weil mein größter Wunsch bereits in Erfüllung gegangen ist: Mein perfekter Traum-Arbeitsplatz." Gron hat ihre Berufung gefunden. Und sie ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie selbstverständlich Inklusion gelingen kann.

Eichner: Verantwortung verteilen

"Inklusion bedeutet Begegnungen am Wohnort", sagt Kuno Eichner, Leiter von Integra Mensch. Richtunggebend zeigen seine Inklusionsbegleiter, wo sie bei der Arbeit ansetzen: Welche Interessen, Vorlieben und Vorstellungen hat der betreffende Mensch? Welche Möglichkeiten bieten sich vor Ort? Gibt es Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen, die unterstützen können? "Wir wollen ein Klima für Inklusion schaffen, die Betriebe und Einrichtungen in Stadt und Landkreis Bamberg einbinden und die Verantwortung auf möglichst viele Schultern verteilen", fasst Eichner zusammen.

Viele Bamberger Betriebe haben bereits erkannt, wie bereichernd die Mitarbeit von Menschen mit Behinderung sein kann. Integra Mensch vermittelt seine Mitarbeiter in unterschiedlichste Unternehmen: In kleine familiengeführte Betriebe genauso wie in große Unternehmen, in Betriebe der öffentlichen Verwaltung oder in Einrichtungen wie Seniorenheime oder Kindergärten. Selbst in Großbetrieben wie im Klinikum Bamberg, in dem eine Vielzahl von Prozessen und Abläufen ineinandergreifen, ist die Mitarbeit von Menschen mit Handicap möglich.

"Ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor ist das Patensystem von Integra Mensch. Jeder Mitarbeiter hat am Arbeitsplatz einen persönlichen Ansprechpartner. Das bietet Sicherheit sowohl für die Beschäftigten als auch für die Unternehmer bzw. die Einrichtungen", ist Melanie Huml überzeugt. Die bayerische Gesundheitsministerin hat Integra Mensch von Anfang an begleitet und weiß, wovon es abhängt, ob die Integra-Mitarbeiter in einem Betrieb erfolgreich sind und gute Arbeit leisten: "Alle Arbeitskollegen müssen voll dahinterstehen und dies klar zeigen. Besonders wichtig ist ein Pate, der für seinen Kollegen mit Behinderung ein Stück Verantwortung übernimmt und ihm im betrieblichen Alltag zur Seite steht."

Eine Patin mit viel Herzblut ist Monika Lachmann. Sie fühlt sich für Selina Gron verantwortlich, leitet sie an, sorgt auch für Schutz vor Überforderung und vor der Übertragung von unangemessenen Tätigkeiten und ist Mittlerin für die Einbindung in die Betriebsgemeinschaft. Für Lachmann geht es bei der Patenschaft um etwas Höherwertiges, etwas Menschliches und sie hat damit Erfolg: "Auf Selina kann ich mich 100-prozentig verlassen. Sie weiß, was zu tun ist. Und jeder sieht: Es macht ihr Spaß. Sie ist für uns eine echte Bereicherung."

Freude an der Arbeit

Auch für Patin Pia Ehrsam in der Sterilisationsabteilung ist die Freundschaft zu Mareike Gottschalk etwas Wertvolles. Beide Frauen verstanden sich auf Anhieb. Sie verbindet nicht nur der gemeinsame Geburtstag, sondern auch ein herzliches Verhältnis. "Mein Bestreben ist es, Mareike Freude an der Arbeit zu ermöglichen", sagt Ehrsam. Ein Satz, den viele Arbeitnehmer gewiss auch gerne von ihrem Chef hören würden.

Ehrsam erinnert sich noch gut an die Einarbeitungszeit: "Das ging ganz schnell. Zuerst lernte Frau Gottschalk das Ausräumen der großen Reinigungsmaschine und das Zuarbeiten beim Einschweißen und Eintüten, später auch das Verpacken und die Sichtprüfung von OP-Zubehör. Wir waren von ihrer starken Motivation und Begeisterung von Anfang an beeindruckt". Gottschalk gibt das Lob an ihre Patin zurück: "Ich habe so viel von Pia gelernt. Sie hat mir viel geholfen. Sie war immer für mich da und war für mich eine gute Ansprechpartnerin in allen Lebenslagen."

Ehrsam wechselt nun in den Ruhestand. Sylvia Lehmann und Felix Heinle treten als Nachfolger in ihre Fußstapfen. Sie werden unterstützt durch Marion Weissmann, eine Inklusionsbegleiterin von integra Mensch. Gemeinsam wählen sie Arbeiten aus, geben Hilfestellung, stabilisieren und reflektieren den Inklusionsprozess. Weissmann: "Nach meinen Erfahrungen liegen Schwierigkeiten bei der Vermittlung in den allgemeinen Arbeitsmarkt weniger in der Behinderung einer Person, sondern in der Haltung des Betriebes und der Motivation des Menschen mit Handicap. Es ist entscheidend, ob jemand wirklich arbeiten will und im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Bestes gibt. Das wird dann auch von den Kollegen und Vorgesetzten im Betrieb gesehen. Es kommt in der Regel nicht auf die Geschwindigkeit an, mit der jemand eine Aufgabe bewältigt, sondern auf seine Zuverlässigkeit."