Wenn man es genau nimmt, hat Michael Müller jetzt 28 Augen. 14 Paar, die in seiner Firma versuchen, für ihn zu sehen. Seit 1982 trägt er als Geschäftsführer Verantwortung für die Stickerei Benno Müller in Breitengüßbach. Vor rund zehn Jahren verlor er nach einer Operation zunächst auf einem Auge die Sehkraft. Seit fünf Jahren ist er vollständig erblindet. Vorausgegangen war eine Operation am zweiten Auge.

In dem 1964 gegründeten Unternehmen wird Inklusion gelebt. Inklusion für den Chef. Vorbei sind die Zeiten, in denen er selbst durch ganz Deutschland reiste, um Waren einzukaufen, Stickerei-Kollektionen vorzustellen und Aufträge einzuholen. Das übernehmen nun Alexandra Mahr und Bettina Helm, die fast immer vorher schon mit dabei waren.


Alles erfahrene Mitarbeiter

Der 60-Jährige arbeitet ausschließlich im Büro. "Ich telefoniere mit Kunden und Lieferanten, mache die Kalkulation. Meine Mitarbeiterinnen übernehmen alle Schreibarbeiten und lesen mir Mails und Briefe vor." Sprachausgaben am Computer nutzt er nicht. "In unsere Branche enthält die Korrespondenz sehr viele visuelle Elemente. Keine Software kann mir die beschreiben. Da bin ich auf mein Team angewiesen."

Dieses besteht aus 15 Personen; seit vielen Jahren in nahezu unveränderter Besetzung. "Fast alles Mitarbeiter, die zwischen 20 und 30 Jahren in der Firma sind" , sagt Bettina Helm. Auch sie hat in der Stickerei Müller gelernt.

"Es stand für alle außer Zweifel, dass wir zusammenstehen und weitermachen", erinnert sich Alexandra Mahr an die Zeit, in der klar wurde, dass der Geschäftsführer in Zukunft nur noch einen kleinen Teil seiner Aufgaben ohne Unterstützung würde wahrnehmen können.


Textilindustrie wanderte ab

Als sich die persönliche Situation von Michael Müller zu verändern begann, steckte das Unternehmen mitten in einem Anpassungsprozess, der durch die Krise in der deutschen Bekleidungsindustrie vorgegeben war. Die "Großen " in der Branche verlagerten ihre Produktion mehr und mehr ins Ausland, viele kleine mussten aufgeben. Folglich wurden auch die Stickaufträge weniger.

Die Stickerei Benno Müller hat ihrem Standort die Treue gehalten. Dazu war es für sie notwendig, sich zum großen Teil neu auszurichten.


"Wiege" stand in einer Gastwirtschaft

Die Großeltern des jetzigen Firmenchefs hatten eine Stickerei in Aschberg/Sachsen. Als sich abzeichnete, dass die innerdeutsche Grenze bald zugehen würden, beauftragten sie ihren Sohn, einen geeigneten Platz für das Unternehmen zu suchen. In Diespeck (Kreis Neustadt/Aisch) wurde er gefunden. Kurz vor dem Mauerbau zog die Firma nach Mittelfranken um.

Michaels Müllers Eltern (ein Lehrer und eine bei Quelle beschäftigte Sekretärin) beschlossen 1964, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und ebenfalls eine Stickerei zu gründen. In der Brauerei-Gastwirtschaft Hümmer in Breitengüßbach stand die "Wiege" der Firma. "Der Tanzsaal war für ein Jahr gemietet und aus zwei Fremdenzimmern wurden Büros", erzählt Michael Müller.

"1965 war der Produktionsstandort fertig, fast genau dort, wo wir jetzt sind. Eine Woche, nachdem die ersten Maschinen angelaufen sind, starb mein Vater. Meine Mutter - mit vier kleinen Kindern - hat den Betrieb weitergeführt." Die erste Kundschaft bestand vorwiegend aus Miederwarenfirmen.

"Kitteltaschen wurden zu hunderttausenden bestickt. Es gab 15 Meter-Maschinen, in die Stoffbahnen eingehängt wurden. Bis zu 1000 Nadeln stickten hier gleichzeitig. Danach ging es mit der Mode los: Hausschuh-Stoffe, Spitze für Blusen und vieles andere."

Schnell erarbeitete sich die Stickerei unter den großen Modefirmen im In- und Ausland Stammkunden: Bogner, Escada, Gerry Weber, Mondi oder Carlo Colucci zum Beispiel. "Auch für heimische Firmen wie Mantel Müller oder Schmutzler und Finke waren wir tätig", sagt Michael Müller.


Tag und Nacht an Aufträgen gearbeitet

Der Niedergang der deutschen Textilindustrie ist alles andere als spurlos an der Stickerei vorbeigegangen. In Hochzeiten bis zu 100 Mitarbeiter stark, darunter rund 30 Heimarbeiter, sind seit rund zehn Jahren noch 15 Personen in der Sportplatzstraße in Breitengüßbach aktiv.

Michael Müller: "Bei Carlo Colucci zum Beispiel hatten wir am Anfang oft fünfstellige Stückzahlen. Allein für den Inspektor-Carlumbo-Pullover dieser Marke wurden 12 000 Teile bestickt. Daran haben wir buchstäblich Tag und Nacht gearbeitet. Am Schluss konnten wir froh sein, wenn ein Auftrag noch 100 Stück umfasst hat.

Da ist ein ganzer Industriezweig verschwunden. Obwohl fast zwei Millionen Arbeitsplätze betroffen waren, war das ein Sterben in Stille - während die Schließung jeder einzelnen Kohlezeche mit großem medialem Aufwand begleitet wurde."


Aufgeben kam nicht in Frage

Aufgeben kam für das Unternehmen nicht in Frage. Umstellung war der Weg in die Zukunft. "Dazu gehörte unter anderem die Veränderung der Prozesse und der technischen Ausstattung", so Michael Müller. Eine Design-Abteilung gibt es nach wie vor, die nach Kundenwünschen Motive entwirft oder Vorschläge umsetzt.

"Früher wurden uns Rohlinge geliefert, wie Blusen-Vorderteile oder Mantel-Passen. Heute sind es komplette Teile wie Westen oder Polohemden, die aus dem Ausland kommen." Vereine, Unternehmen, Schulen oder soziale Dienste zählen zu den Auftraggebern.

Mit hochmodernen, computergesteuerten Stickmaschinen werden Schriftzüge und Logos angebracht, oder auch mit Nadel und Faden ganze Bilder "gemalt".


"Verpackung" für eine Fernseh-Leiche

Für die Serie "Der König" mit Günter Strack wurde einst ein Altartuch mit einem bestimmten Spruch angefertigt, in das dann die Krimi-Leiche eingewickelt wurde. Im Film "Die drei Musketiere" war ein Taschentuch zu sehen, das in Breitengüßbach veredelt wurde.

Eine Mitarbeiterin gibt es noch im Betrieb, die die handgeführte Maschinenstickerei beherrscht. Für alle anderen Motive werden Computer mit Daten gefüttert. Bei den großen Stickmaschinen bewegen sich die Nadelköpfe ausschließlich nach oben und unten. Alle anderen Bewegungen werden von den Stickrahmen, in die der zu bestickende Stoff eingespannt ist, ausgeführt.

Früher wurde auf karierten Papier in mehrfacher Vergrößerung die Stiche eingezeichnet und auf Lochkarten übertragen. Heute geschieht das sogenannten Punchen am PC. Auch dort muss jeder einzelne Stich erfasst werden.


Investion in die Zukunft

Vor vier Jahren ist die Firma umgezogen. Allerdings nicht sehr weit. "Das alte Gebäude war viel zu groß geworden und stand zur Hälfte leer. Wir haben auf dem damaligen Parkplatz neu gebaut und die alte Halle abgerissen. Aus dem Gelände wurde Baugrund", schildert Michael Müller. "Mit unserem modernen Maschinenpark sind wir dort für die Zukunft gut gerüstet."