Der Grünkohl steht da wie eine Eins, von den Stauden im Gewächshaus leuchten den Besuchern die Tomaten rot entgegen - und auch Gärtner Mathieu Lubiato lächelt, obwohl ihm anders zumute ist. Denn die Flächen der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) in der Bamberger Südflur, die Lubiato bewirtschaftet, werden wohl dem neuen Technologiezentrum der Handwerkskammer weichen müssen. Damit ist auch sein Job in Gefahr. Wie Anna-Sophie Braun und Christian Luplow vom Solawi-Orgateam wusste er nicht, dass es am Mittwoch im Stadtrat auch um die Zukunft ihres Projekts ging.

"Wir waren schockiert, als wir davon erfahren haben. Bis heute hat sich von der Stadt noch keiner bei uns gemeldet", sagt Braun. Eine Fläche von 1,5 Hektar hat Solawi von der Stadt gepachtet und dort auch einen Selbsterntegarten angelegt (siehe Infokasten unten). So genannte Ernteteiler zahlen entweder 35 oder 70 Euro - und bekommen dafür dann Gemüse satt.

"Wieder wird die Zerstörung wertvoller Flächen dem Bürger als alternativlos, überaus wichtig und notwendig für die Entwicklung Bambergs verkauft", sagt Luplow. Die Solidarische Landwirtschaft Bamberg habe es dank überaus engagierter Menschen geschafft, ohne Eigenkapital einen Biobetrieb aufzubauen, "der mehr als hundert Bamberger das ganze Jahr über einmal die Woche mit hochwertigstem Gemüse versorgt".

Stolz sei man zudem auf ein Bildungsprogramm in Kooperation mit dem Bund Naturschutz, an dem in den vergangenen zwei Jahren weit über 1500 interessierte Bürger aller Altersklassen teilgenommen hätten. "Gedankt wird es den Projektverantwortlichen damit, dass sie aus der Zeitung erfahren müssen, dass ihre Fläche überplant wird." Ein stärkeres Zeichen der Geringschätzung seitens der Stadt ist für Luplow kaum vorstellbar.

Besonders ärgere ihn, dass mit dem Bürgerbegehren zum Muna-Gelände argumentiert wird, wo ja nun keine Flächen für die Handwerkskammer zur Verfügung stünden: "So wie es aussieht, müssen wir uns zukünftig entscheiden, ob wir entweder wertvolle Wälder oder wertvolle innerstädtische Ackerflächen opfern."

Dass er hier einen guten, lehmigen Boden habe, in dem es nur so vor Regenwürmern wimmelt, weiß Gärtner Lubiato. Sein Gemüse entwickelt sich derzeit prächtig, aber bis Dezember muss er wissen, wie es weitergeht. "Spätestens Anfang des Jahres muss ich die Jungpflanzen für das nächste Jahr bestellen." Zumindest fürs kommende Jahr ist Braun aus dem Orga-Team noch einigermaßen zuversichtlich. Denn der Pachtvertrag läuft kalenderjährlich - mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten. "Wie es allerdings wird, wenn das Grundstück verkauft ist, müssen wir sehen." In jedem Fall wird ihr Verein Kontakt mit den neuen Besitzern aufnehmen, aber auch mit Verwaltung, Stadtratsfraktionen und Oberbürgermeisterkandidaten.

"Das hier ist kein Hobby von uns, das ist so viel mehr", sagt Luplow. Die Solidarische Landwirtschaft sei ein zertifizierter Betrieb und in der Lage, das Bamberger Gärtnererbe innovativ weiterzuentwickeln. "Den städtischen Entscheidungsträgern sollte tunlichst daran gelegen sein, solche Projekte nach Kräften zu fördern, anstatt ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen", sagt Luplow.

Wirtschaftsreferent Stefan Goller, der für die Stadt die Verhandlungen führte, bittet um Verständnis dafür, "dass bisher noch keine Informationen über das Projekt nach außen getragen wurden". Der Bamberger Stadtrates habe lediglich darüber entschieden, dass die Flächen an der Forchheimer Straße der Handwerkskammer (HWK) angeboten werden sollen. Ob an dieser Stelle tatsächlich ein Berufsbildungs- und Technologiezentrum gebaut wird, entscheide sich jedoch erst in der Vollversammlung der HWK am 2. Dezember.

Einem positiven Beschluss folge eine Planungsphase mit umfangreichen und entsprechend langwierigen Verfahren von der Erstellung eines Raumprogramms über einen Architektenwettbewerb bis zum Bebauungsplanverfahren. Vor dem Jahr 2023 sei daher nicht mit der konkreten baulichen Umsetzung des Projekts zu rechnen. "Im Falle eines positiven Beschlusses der HWK im Dezember werden wir selbstverständlich möglichst schnell das Gespräch mit den Pächtern der betreffenden Fläche suchen, um das weitere Vorgehen zu besprechen, auch im Hinblick auf Alternativen für dieses wichtige Projekt", verspricht der Wirtschaftsreferent.

Gärtner Lubiato wird jedenfalls als Nächstes Knoblauch am derzeitigen Standort in der Südflur pflanzen - und hoffen, dass es nicht die letzte Ernte bleibt.

KOMMENTAR von Stefan Fößel

Ohne Worte

Das Technologiezentrum der Handwerkskammer ist wichtig für die Zukunft Bambergs, entsprechend eindeutig fiel der Stadtratsentschluss zum Standort aus.

Kein Wunder, denn eine Alternativfläche stand in der Sitzungsvorlage der Verwaltung auch nicht zur Debatte.

Es ist die oftmals schwierige Aufgabe der Politik, Güter abzuwägen, wie auch in diesem Fall geschehen.

Es wäre aber das Mindeste gewesen, zumindest mit den unmittelbar Betroffenen noch vor der Abstimmung zu sprechen. Denn mehr Bürgerbeteiligung, wie sie die Verwaltung seit dem Muna-Entscheid auf ihre Fahnen schreibt, funktioniert halt nicht ohne Worte. So kommt für die Solawi-Verantwortlichen zur ungewissen Zukunft noch das Gefühl, von der Stadt nicht einmal ernstgenommen zu werden.