Bamberg
Gesundheit

Hygiene in Krankenhäusern: Wie ein Bamberger Institut die Keime bekämpfen will

Hygiene in Krankenhäusern - das Thema brennt vielen Menschen den Nägeln. Im Medical Valley Bamberg forschen Spezialisten genau auf diesem Gebiet. Sie mahnen: Die Begriffe Sauberkeit und Hygiene werden oft verwechselt.
Unsichtbare Keime wachsen in der Petrischale  zu großen Bakterienstämmen heran: Im Bamberger Kompetenzzentrum für Hygiene-Technologie (HTK)  zeigt ein Wissenschaftler eine herangereifte Probe. Foto: Konstanze Wutschig
Unsichtbare Keime wachsen in der Petrischale zu großen Bakterienstämmen heran: Im Bamberger Kompetenzzentrum für Hygiene-Technologie (HTK) zeigt ein Wissenschaftler eine herangereifte Probe. Foto: Konstanze Wutschig

Zum Abschied schüttelt Susan Lindner ihrem Gast die Hand, wie es üblich ist. Doch ein Desinfektionsgel für die Hände steht in Griffweite - und nach dem Gespräch mit der Leiterin des Bamberger Kompetenzzentrums für Hygiene-Technologie (HTK) erscheint es nur logisch, es auch zu benutzen.

Verhinderung von Infektionen das Ziel

Das liegt nicht an ihr und ihren zehn Mitarbeitern, sondern am wissenschaftlichen Themengebiet. "Wir fokussieren uns nicht auf die Behandlung des Menschen, sondern auf die Verhinderung von Infektionen durch innovative Produkte und Technologien", erklärt der promovierte Mikrobiologe Frank Wolschendorf kurz und knapp die Arbeit im HTK.

Von der Lebensmittelindustrie bis zum Autohandel: Hygiene spielt hier wie dort eine zunehmend größere Rolle. Auch und gerade in medizinischen Einrichtungen. "Erhebungen haben gezeigt, dass es bei der Hygiene bisher kein Institut gab, das sich praxisorientiert mit dem Thema beschäftigt. Wir füllen diese Lücke", sagt HTK-Leiterin Lindner. Praxisorientierte Forschung - was bedeutet das konkret? "Können verschiedene Lappenfarben dazu beitragen, die Hygiene zu verbessern?", erklärt Wolschendorf auf einem möglichst verständlichen Niveau.

Ein roter Lappen für das WC, ein grüner Lappen für den Esstisch, ein blauer Lappen für den Boden: Selbst solche einfachen Abgrenzungen können bei der Reinigung Fortschritte in Sachen Hygiene erzielen, auch dazu erstellt das HTK Studien. Doch natürlich dreht sich der wissenschaftliche Diskurs viel weiter, um bakterienabweisende Stoffe, Nano-Materialien, Oberflächen mit Lotuseffekt, neuartige Desinfektionskonzepte mit Hilfe von Licht oder auch Visualisierungsmöglichkeiten von Keimbefall.

Hygienische deutsche Kliniken

Apropos Keime: In der Bevölkerung stoßen die Fachleute nicht selten auf Missverständnisse und Vorurteile bei dem Thema. Sauberkeit und Hygiene: "Man muss genau unterscheiden. Ist etwas ein Ekelempfinden, oder kann es als gesundheitliche Gefahr gesehen werden?", erklärt Pflegeexperte Thomas Hilgart. "Wie dreckig ist Dreck? Das ist eine wichtige Frage", sagt Lindner. "Das Haarknäuel oder die Wollmaus können hygienisch unbedenklich sein. Andererseits kann man die gefährlichen Bakterien nicht sehen."

Viele Leute empfänden Spuren von Reinigungsmitteln als dreckige Schlieren, "aber eigentlich könnte ein Patient froh sein, wenn Schlieren zu sehen sind. Sie sind ein Indiz, dass gereinigt wurde", sagt Wolschendorf. Wie also steht es aus Sicht des Hygiene-Kompetenzzentrums um die Sauberkeit in den medizinischen Einrichtungen der Bundesrepublik?

"Die Hygiene ist in den deutschen Krankenhäusern allgemein auf einem guten Niveau. Deutschland ist einer der Spitzenreiter im Vergleich zu anderen Staaten", antwortet Wolschendorf. "Schlechte Nachrichten kommen meist von Bevölkerungsseite, die Hygiene mit Sauberkeit gleichsetzt." Bei dem Thema Hygiene wäre es aus Sicht des Mikrobiologen wichtig, die Diskussion zu versachlichen und Emotionen rauszunehmen.

Versachlichen, das ist das selbst gesteckte Ziel des Bamberger Kompetenzzentrums für Hygiene-Technologie. Vergleichbar mit der Stiftung Warentest - nur mit einem Spezialgebiet. "Unser Ziel ist es, uns nach dem Förderzeitraum durch ein unabhängiges Prüfsiegel und durch anwendungsorientierte Forschung im Bereich Hygienetechnologie selbst zu finanzieren", sagt die Leiterin. 3,19 Millionen Euro: So groß ist die Finanzspritze des Bayerischen Wirtschaftsministeriums für den Anschub des HTK. Getragen wird das Institut zu 51 Prozent von der Bamberger Sozialstiftung und zu 49 Prozent von einer Tochter der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden.

Wichtige Gesundheitsbranche

Was Lindner wichtig ist: "Wir sind unabhängig, können also auch Negativergebnisse veröffentlichen." So will das HTK sich nach und nach einen Namen machen in der Medizinbranche.

Als Domizil dient dabei das Medical Valley Bamberg, wo das Hygiene-Kompetenzzentrum zusammen mit dem Fraunhofer Medical Valley Digital Health Application Center, dem Mobile Health Lab des Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen und dem Skills Lab Pflege und Patientenversorgung der Bamberger Akademie für Gesundheitsberufe eines von vier Gründungsinstituten ist.

Nicht nur Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) hofft, dass diese Keimzelle im Auftrag der Medizin als "Magnet für Unternehmen der Branche" wirkt, um den mitarbeiterträchtigen Gesundheitsbereich in Bamberg aktiv voranzubringen. Bis es so weit ist, müssen noch viele Hände geschüttelt werden.

Über das Medical Valley

Cluster Das Medical Valley Europäische Metropolregion Nürnberg ist ein Zusammenschluss hochspezialisierter Forschungseinrichtungen, international führender Unternehmen sowie Start-Ups aus dem Großraum Nürnberg aus den Bereichen Gesundheitsforschung, E-Health und Medizintechnik. Den Anfang in Bamberg machen vier Institute, weitere sollen folgen. Knotenpunkt soll die Lagarde-Kaserne werden.

Fraunhofer Mobile Health Lab, Bamberg: Es widmet sich der Frage: Wie kann ich schon heute von der digitalen Medizin profitieren?

Fraunhofer "Medical Valley Digital Health Application CenterGmbH": Entwicklung von Anwendungen, zum Beispiel von digitalen Lauf-Sensoren, die Parkinson-Patienten helfen sollen.

Skills Lab Pflege und PatientenversorgungBamberg der Akademie für Gesundheitsberufe, die von der Sozialstiftung gefördert wird: Hier geht es um Fragen der Pflege und Patientenversorgung.

Hygiene-Technologie-Kompetenzzentrum (HTK): Das Institut begleitet die Anwendung innovativer Produkte, etabliert praxisorientierte Bewertungsverfahren und bündelt regionales Know-How in einem Kompetenzcluster für Hygiene und Technologie.