Ab einem gewissen Alter dienen runde Geburtstage immer auch der Selbstvergewisserung, der Rückschau und Standortbestimmug. Darin unterscheiden sich Menschen grundsätzlich nicht von Vereinen oder auch Parteien. Als die Bamberger FDP am Donnerstag ihren 70. Geburtstag feierte, begaben sich Kreisvorsitzender Jobst Giehler und Wolfgang Kubicki deshalb auch mit entsprechend großer Sorgfalt auf die Suche nach den Wurzeln und Werten der Partei.

Sie landeten bei diesem Unterfangen immer wieder bei einer charismatischen Jahrhundertgestalt: "Den Ruf der FDP als Rechtsstaatspartei hat Thomas Dehler in Bamberg begründet", sagte in den gut besuchten Bamberger Harmoniesälen der stellvertretende Bundesvorsitzende Kubicki.

Es war Thomas Dehler, der die Bamberger FDP im Frühjahr 1946 ins Leben gerufen hat. Jener 1897 in Lichtenfels geborene Mann also, der das von Hitler äußerlich wie innerlich verheerte Deutschland mit Leidenschaft und Ausdauer wieder auf die Gleise eines demokratischen Rechtsstaats setzte.
Jener Präsident des Oberlandesgerichts Bamberg, der als überzeugter Demokrat, Freimaurer und Ehemann einer Jüdin all das verkörperte, was die Nationalsozialisten als undeutsch und entartet auszumerzen versucht hatten. Jener spätere Justizminister, der in einer von Wachstumsschmerzen geplagten jungen Bundesrepublik die Wiedereinführung der Todesstrafe beinahe im Alleingang verhindert hat.
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Dehler ist eine Ausnahmefigur", sagt der ehemalige Schatzmeister der FDP Bamberg, Wolfgang Jans. "Natürlich bin auch wegen Thomas Dehler in die FDP eingetreten", sagt Helmut Metzner, der die Bamberger FDP Anfang des Jahrtausends geführt hat und inzwischen in Berlin als Politikberater tätig ist.


Produktiver Umgang

Wer sich von einer historischen Figur wie Dehler allerdings einschüchtern lässt, ist in der Bamberger FDP am falschen Platz. Ob Franz Hundt, Richard Schneider, Ulrich Witschel, Helmut Metzner oder Martin Pöhner, der gegenwärtig als einziger FDPler im Bamberger Stadtrat sitzt: Alle denken, handeln und entscheiden im langen Schatten, den die Statue Thomas Dehlers unverändert auf die Freien Demokraten wirft. Sich an Dehler aber messen zu wollen, wäre anmaßend und verwegen.

Deshalb haben sich die Bamberger FDPler mit den Jahren einen produktiven Umgang mit ihrem Gründervater angewöhnt: Sie eint der Stolz, einer besonderen, weil von Dehler gegründeten Partei anzugehören. Eine unabhängige Bestätigung dieser liberalen Binnenperspektive ist allerdings kaum zu bekommen.
Der Bamberger Historiker Andreas Dornheim zum Beispiel beruft sich in Sachen Bamberger FDP auf eine unverändert klaffende Forschungslücke: "Wie die Partei die Entwicklung der Stadt Bamberg nach dem Krieg tatsächlich beeinflusst hat, ist meines Wissens nach noch nicht systematisch herausgearbeitet worden."


Augenmerk auf gute Bildung

Die Bamberger FDP müsse ihr Licht sicherlich nicht unter den Scheffel stellen, sagt dagegen Pöhner und schließt darin seine eigene Arbeit im Bamberger Stadtrat gleich ausdrücklich mit ein. Das neue Existenzgründerzentrum, die solide Haushaltspolitik oder auch die Bemühungen um gut ausgestattete Schulen, das alles trage die Handschrift der Bamberger FDP.

Wer Pöhner dagegen einmal kurz aus der Haut fahren sehen möchte, konfrontiert ihn mit einem Vorurteil, das der FDP seit ihren Gründungstagen wie eine Zecke im Fell sitzt: die FDP als Sammelbecken von Karrieristen.
Nach seinem Parteiaustritt hat selbst der ehemalige FDP-Kreisvorsitzende Matthias Kremer diesen Vorwurf einmal gegen die Bamberger Liberalen formuliert. Das Gegenteil sei doch wahr, empört sich Pöhner: "Für FDPler gibt es doch kaum eine Aussicht, mit Politik einmal den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Man muss deshalb ein Idealist sein, um sich in der FDP zu engagieren."

Ein von liberalen Grundüberzeugungen durchzuckter Idealist wie Thomas Dehler also. Gemeinsam mit 25 Gleichgesinnten hatte dieser am 25. März 1946 bei der amerikanischen Militärverwaltung die Gründung der FDP Bamberg beantragt. "Dehler und die anderen Gründungsmitglieder verkörperten das feine und wirtschaftlich erfolgreiche Bamberg. Es waren Ärzte, Anwälte, Fabrikanten und Unternehmen", sagt Jans.

Mit dem Begriff der feinen Leute fremdeln jüngere Liberale wie Pöhner heute erkennbar, weshalb der Stadtrat auch lieber von den "vielen Studenten und Auszubildenden" spricht, die heute die derzeit 73 Mitglieder starke FDP Bamberg bevölkern. Wenn man die älteren und jüngeren Liberalen nicht missverstanden hat, dann verhält es sich mit der Bamberger FDP wie folgt: Liberal sein hat nichts mit einem heroischen Lebenslauf, Ministerämtern oder auch nur Stadtratssitzen zu tun.

Stattdessen ist liberal sein eine Frage der Haltung zum Leben und zu den Menschen: "Wir glauben an die Freiheit, an die Talente und die Selbstverantwortung eines jeden Einzelnen", sagt Jobst Giehler. Das sei vor 70 Jahren unter Thomas Dehler so gewesen und sei noch heute so.