• Bamberg: "Hofstadt-Gärtnerei" steht vor dem Aus
  • Betreiber wollen Traditionsbetrieb nicht weiterführen
  • "Alle reden zwar von Nachhaltigkeit": Chefin resigniert 
  • "Bedrückende" Lage: Gärtner-Sprecher warnt vor Massensterben

Wer an einem Sommertag um die Beete, Stauden, Sträucher und Pflanztöpfe in Bamberg geht, ahnt, dass enorm viel Arbeit in diesem Betrieb steckt. Mehr als 4400 Quadratmeter voller Pflanzen aus reiner Handarbeit stehen dort. "Hier ist jeder Topf mit den Händen bepflanzt und bewässert", sagt Carmen Dechant, Inhaberin der Hofstadt-Gärtnerei im Bamberger Gärtnerviertel. "Wir benutzen keine einzige Maschine."

"Trotz aller Schufterei": Bamberger "Hofgärtnerei" soll verkauft werden - aber nicht an einen Investor

Von der Anbaufläche bietet sich ein malerischer Ausblick auf den Dom, die Altenburg und den Michaelsberg. Gewächshäuser sucht man auf dem Areal vergeblich. Carmen Dechant sagt: "Wir sind eine Freilandgärtnerei, also völlig dem Wetter ausgeliefert." Sie und ihr Mann Michael, beide 60 Jahre alt, setzen auf althergebrachtes Wissen und die Kraft der Natur: Sie pflanzen ihre Gewächse nach dem Mondkalender an, gießen sie mit sauerstoffaktiviertem Wasser und benutzen gegen Schädlinge keine chemischen, sondern homöopathische Mittel.

Ihr Sortiment ist äußerst vielfältig: Neben Blumen baut das Ehepaar unterschiedlichste Kräuter, Obst- und Gemüsesorten sowie Stauden an. Ihre Gärtnerei sei "die weltweit größte innerstädtisch an einem Stück zusammenhängende, gärtnerisch genutzte Fläche", zitiert Carmen Dechant die Unesco. Denn Bambergs Gärtnerstadt ist Weltkulturerbe. Etwa zwölf Stunden pro Tag arbeite sie, schätzt die Inhaberin - ihr Mann Michael sogar 14 bis 16 Stunden: "Das ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Entweder du lebst es, oder du lässt es."

Seit Jahren ist das Ehepaar nicht verreist, arbeitet die Wochenenden durch. Carmen Dechant sagt: "Trotz aller Schufterei war es an jedem Tag ein Geschenk, in dieser wunderschönen Gärtnerei mit der Natur und für unsere wertschätzenden Kunden und Geschäftspartner zu arbeiten." Doch in ein paar Monaten soll Schluss sein: Nach rund 30 Jahren geben Carmen und Michael Dechant den jahrhundertealten Familienbetrieb auf. An wen sie Haus und Hof verkaufen, wissen sie noch nicht - auf keinen Fall an einen Investor, sondern lieber an Privatpersonen, die diesen Ort zu schätzen wissen, sagt Carmen Dechant.

Chefin glaubt nicht an Nachfolger - riesiger Frust über Konsumverhalten der Einwohner

Dass jemand die Gärtnerei weiterführt, glaubt sie nicht. Sie spricht von einer Entscheidung voller Tränen und Wehmut: "Aber es fehlt einfach die Wertschätzung. Die Leute kaufen vorwiegend im Supermarkt." Die Hofstadt-Gärtnerei beliefert einige Lebensmittelmärkte in Bamberg und Umgebung, zudem ist ihr Hofladen ein wichtiges Standbein. Doch zu wenige Leute kämen ins Viertel, um einzukaufen. Und nicht alle, die vorbeigehen, wissen, dass man hier hochwertige Lebensmittel kaufen kann. "Alle reden zwar von Nachhaltigkeit, aber setzen sie nicht um", beklagt das Ehepaar. 

Seit 1993 ist Bamberg Unesco-Weltkulturerbestadt - unter anderem wegen des Gärtnerviertels. Seit dem 17. Jahrhundert wird hier Gemüse angebaut und weit über die Stadtgrenzen hinaus verkauft. Seiner Tallage, umgeben von sieben Hügeln, verdankt Bamberg ein besonders günstiges Klima. Einige Kartoffel- und Zwiebelsorten oder auch Süßholz gelten als typisch für die oberfränkische Stadt, manches wird nirgendwo sonst angebaut. «Die mittelalterlichen Strukturen der Hausgärten sind sichtbar erhalten», heißt es bei der Stadt Bamberg zum Gärtnerviertel. «Bundesweit sind solche Anbauflächen inmitten einer Stadt einmalig.»

Dennoch würden die Betriebe von der Stadt manchmal stiefmütterlich behandelt, kritisieren die Dechants: Die Kommune werbe zu wenig für die gärtnerische Vielfalt und mache den Betrieben oft das Leben schwer. Vor etwa sechs Jahren hätten sie sich als letzter Betrieb aus der Gärtnerstadt vom Wochenmarkt zurückgezogen, erzählt Carmen Dechant. Die Standgebühren seien sehr hoch gewesen, immer öfter sei der Markt wegen Veranstaltungen abgesagt worden.

"Mit jedem Betrieb der stirbt": Bamberger Gärtnereien laut Sprecher akut bedroht

"Bedrückend" sei die Lage der Betriebe, bestätigt Thomas Schmidt, Sprecher der Interessengemeinschaft Bamberger Gärtner. «Beim nächsten Generationswechsel werden viele aufhören», prognostiziert er. "Mit jedem Betrieb, der stirbt, stirbt ein Teil der Kultur." Ende des Zweiten Weltkriegs habe es in Bamberg über 100 Gärtnereien gegeben, heute seien es noch knapp über 20.

Die Probleme seien vielschichtig, sagt er: Durch ihre innenstadtnahe Lage seien die Gärtnereien stärker vom Klimawandel betroffen als Betriebe auf dem Land, weil sich die Stadtflächen stärker aufheizten. Dadurch sei mehr Wasser und mehr Personal nötig. "Und die hohen Energiekosten werden bald durchschlagen."

Auch er würde sich mehr Unterstützung durch die Stadt wünschen: Vor den Betrieben im Gärtnerviertel gebe es kaum Parkplätze für Kunden, die in den Hofläden einkaufen wollen - das sei ein Nachteil gegenüber Discountern und Gartenmärkten. Auch beim Bahnausbau, der einige Gärtnereien betreffe, habe sich die Stadt zu wenig für deren Belange eingesetzt. 

Nach Kritik: Stadt wehrt sich gegen Vorwurf - Gärtnereien kaum unterstützt?

Die Stadt Bamberg verweist dagegen auf umfangreiche Werbemaßnahmen für das Gärtnerviertel, zum Beispiel in einer touristischen Imagebroschüre sowie im Internet. Außerdem biete man zahlreiche Touristenführungen durch die Gärtnerstadt an. Dabei werde auch stets auf lokale Spezialitäten wie die Kartoffelsorte "Bamberger Hörnla" verwiesen.

Beim Ausbau der Bahnstrecke Richtung Nürnberg habe die Stadt von der Deutschen Bahn gefordert, "Eingriffe in die Anbauflächen der Bamberger Gärtner außerhalb des Welterbes unbedingt zu minimieren". Der Konzern habe dies zugesagt. Außerdem gebe es im Viertel Kurzzeitparkplätze für Kunden der Hofläden. Weil die Gärtnerstadt in einem dicht bebauten Gebiet mit Wohnungen, Gewerbe und sozialen Einrichtungen liege, sei der Parkraum naturgemäß knapper als bei einem Gartencenter «auf der grünen Wiese», teilt die Stadt mit.

Für Carmen und Michael Dechant ist das Gärtnergewerbe bald Geschichte. Ungefähr zum Jahresende - wann genau, wissen sie noch nicht - wollen sie ihren Betrieb weitgehend einstellen. Ihr Plan ist, Anfang 2023 einmal pro Woche ihren Hofladen zu öffnen und übriggebliebene Pflanzen abzuverkaufen. Und dann? "Erstmal ausruhen, Freunde treffen, vielleicht in den Urlaub fahren", sagt Carmen Dechant. "Also das, was andere in den letzten 30 Jahren gemacht haben."  

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