Tatort Neue Residenz. Es ist der 1. Juni 1815. Napoleons Marschall Louis Alexandre Berthier beobachtet vom Fenster des obersten Stockwerks aus die herannahenden russischen Truppen. Was dann geschieht, geht als "Bamberger Fenstersturz" in die Geschichte ein: Berthier stürzt kopfüber zwanzig Meter in die Tiefe.

Unfall? Selbstmord? Mord? Die Todesursache bleibt letztlich ungeklärt. Doch künstlerische Hände haben diesen dramatischen Fall für die Nachwelt verewigt: Mit viel dunkelrotem, spritzendem Blut rings um den armen Berthier überzeugt die Lithografie als authentisches Zeugnis.

Objekte faszinieren

Dieses Werk ist eines von dreißig Objekten, die auch alteingesessene Bamberger faszinieren, die meinen, ihre Stadt wie ihre Westentasche zu kennen. "Bamberg im Wandel der Zeiten" titelt die Ausstellung von historischen Grafiken, Drucken, Aquarellen, Fotografien und Postkarten, die Gerald Raab kuratiert hat.

Der Fotografenmeister, der in der Staatsbibliothek Bamberg seine berufliche Heimat hat, wählte aus dem umfangreichen Bestand von über 3000 Bamberger Ansichten höchst qualitätsvolle und verblüffende Stücke für die Präsentation aus: "Ich will einen Aha-Effekt bei den Bambergern erreichen", begründet Gerald Raab seine getroffene Auswahl.

Die 30 Exponate sind als großformatige Reproduktionen im Foyer der Volkshochschule zu sehen. In der Staatsbibliothek können sie während zweier Führungen im Original bewundert werden. Als Generalthema steht ungeschrieben die Umnutzung von Gebäuden und Flächen in Bamberg im Fokus. Die Ausstellungsobjekte dokumentieren die tiefgreifenden Veränderungen, denen das Bamberger Stadtbild im 19. und 20. Jahrhundert ausgesetzt war.

Da ist zum Beispiel der ehemalige "Bamberger Hof" am Grünen Markt, jetzt Karstadt, zu sehen. Oder die Bamberger Kirchenlandschaft vom nicht mehr existierenden Böttingers-Keller aus am Stephansberg. Oder die flächenmäßige Brache, die der heutige Schönleinsplatz einst war.

Oder die Altenburg - umgeben von bewirtschafteten Flächen und Weinreben. Oder das Sträßchen "Hölle" mit dem nunmehr abgerissenen Beinhaus. Oder die "Promenade" mit Teilen der alten Stadtmauer.

Passende "Geschichtla"

Während Kurator Raab die Ansichten aufblättert, erzählt er zu jeder ein passendes "Geschichtla". Dazu regen die pfiffigen Details an, die sich beim genauen Betrachten der Bilder eröffnen. Hier sitzt etwa der Jurist und Astronom Karl Remeis am Fenster seines Wohnhauses, die "Villa Remeis". Am Wilhelmsplatz - einst Exerzierplatz der nahen Langgaß-Kaserne - weiden an Viehmarkttagen Rinder.

Und im Theresienhain lädt die Kurhalle der "Bayerlein'schen Milchkuranstalt" zur Einkehr ein. Während ein Bub vor der Wagen- und Hufschmiede in der Oberen Königstraße die Pferdeäpfel zusammenfegt, und im Hof des als Kaserne genutzten ehemaligen Dominikanerklosters eine lange Unterhose zum Trocknen aufgehängt ist.

Gutes Miteinander

Gerald Raab freut sich über das "gute Miteinander der Institutionen Staatsbibliothek und Volkshochschule" für diese Ausstellung. Auch das Stadtarchiv habe dankenswerter Weise bereitwillig zugearbeitet.

Nicht zuletzt die Beschriftung der einzelnen Exponate mit Jahreszahlen, Namen des Fotografen oder Künstlers, Ortsangaben und mehr seien durch diese Kooperation möglich geworden. Darüber hinaus organisiert Raab ein weiteres ehrgeiziges Projekt: Bis Mitte 2019 will er so viele der rund 20.000 Franken-Ansichten in der Staatsbibliothek digitalisiert haben, dass erste Ergebnisse online präsentiert werden können.