Sicherheit ist etwas, auf das in Werken der Metall- und Elektroindustrie (M+E-Industrie) großer Wert gelegt wird. Der Arbeitsschutz setzt alles daran, dass sich möglichst niemand bei seiner Arbeit verletzt. Die Sicherheit der Arbeitsplätze, also genauer gesagt der Jobs, ist damit nicht gemeint.

Als die Schaeffler-Gruppe am Mittwoch mit der Ankündigung an die Öffentlichkeit ging, 4400 Stellen abzubauen, war wieder so ein Moment der Angst. Die Branche, die besonders in Franken stark vertreten ist, ist sensibel geworden. Wie wird das noch weitergehen?

"Sicherheit gibt es in der heutigen Zeit nicht - in keiner Firma", sagt Mario Gutmann, Betriebsratsvorsitzender bei Bosch in Bamberg und für die IG Metall auf Bundesebene aktiv. Niemand könne sicher sagen, was in zwei Jahren sei. "Wir werden mit den Problemen jahrelang zu tun haben."

Mehr als Corona

Dabei geht es in erster Linie gar nicht um die coronakrisenbedingte Flaute auf den Märkten. "Die Strukturthemen waren schon vorher da. Sie rücken jetzt nur mehr in den Fokus", meint Gutmann.

Die rund 7000 Beschäftigten, die Gutmann in seinem Betrieb in Bamberg vertritt, haben es noch vergleichsweise komfortabel. Infolge einer Betriebsvereinbarung vom vergangenen November gilt in den nächsten sechs Jahren nicht nur eine Standortsicherung. Auch betriebsbedingte Kündigungen sind in dieser Zeit ausgeschlossen. Ähnliches hat der Autozulieferer Bosch auch den Beschäftigten im deutlich kleineren Werk in Nürnberg per Betriebsvereinbarung zugesichert. "Sechs Jahre Sicherheit, das stellt sich im Nachgang als unbezahlbar heraus", meint Gutmann.

Von solcher Sicherheit konnten die Schaeffler-Mitarbeiter in Eltmann (Landkreis Haßberge) bis diese Woche nur träumen. Inzwischen ist klar, dass der Standort mit seinen 450 Beschäftigten auf der Kippe steht. Schaeffler will alle Arbeitsplätze nach Schweinfurt verlagern. Wie das genau funktionieren soll und ob der Standort Schweinfurt dann 400 neue Stellen dazu gewinnt, ist bis jetzt unklar.

An den Schaeffler-Standorten Herzogenaurach und Höchstadt geht man jedenfalls davon aus, dass aufgrund des konzernweit angekündigten Stellenab- und umbaus auch hier unter dem Strich Arbeitsplätze verloren gehen. Dass die Industriesparte von Höchstadt nach Schweinfurt umsiedeln soll, steht schon fest. "Die Werke bis 500 Mitarbeiter sind die ersten, die dran glauben müssen", sagt Gutmann aufgrund seiner IG-Metall-Erfahrung. In der Branche versuche zurzeit jeder, möglichst zu zentralisieren und Niedrigkostenstandorte auszunutzen.

Der Autozulieferer Brose hatte bereits im vergangenen Herbst angekündigt, in Deutschland 2000 Stellen streichen zu wollen. Betroffen sind dabei auch Produktion und Verwaltung in den Werken Coburg, Würzburg, Hallstadt/Bamberg. Dieser Stellenabbau ist mittelfristig vorgesehen, und zwar bis Ende 2022 - zumindest hieß es das noch im Oktober 2019.

Weniger Kurzarbeit

In Coburg wird dem Vernehmen nach aktuell schon über den Wegfall von 73 Stellen verhandelt, nach Möglichkeit über ein "freiwilliges Abfindungsprogramm". In Hallstadt treffen sich Brose-Geschäftsführung und Belegschaftsvertreter Anfang nächster Woche zur nächsten Verhandlungsrunde. Geht es nach dem Willen des Arbeitgebers, sollen in Hallstadt und Bamberg 290 Stellen wegfallen.

An der Corona-Flaute allein kann es nicht liegen. Bei Brose wird aktuell noch zehn Prozent weniger gearbeitet. Ein deutlicher Rückgang der Kurzarbeit im Vergleich zum Frühjahr. Bei Bosch in Bamberg beträgt die Kurzarbeitsquote derzeit auch nur noch zehn Prozent. Aktuell seien etwa noch 20 Prozent der Belegschaft in Kurzarbeit, berichtete Gutmann.

Derweil hat zumindest die bayerische Staatsregierung den Ernst der Lage erkannt. "Es bewahrheitet sich jetzt das, was ich seit langer Zeit befürchtet habe: Es wird zu massivem Stellenabbau kommen im gesamten Bereich der Automobilindustrie, auch bei den Zulieferern ganz massiv", sagte Ministerpräsident Markus Söder gestern in Nürnberg. "Ich kann nur dringend appellieren, noch einmal genau zu überlegen, wie wir an dieser Stelle ein Hilfsprogramm machen können." Mit seiner Forderung nach einer Kaufprämie für Autos mit modernisierten Verbrennungsmotoren konnte sich Söder bisher auf Bundesebene nicht durchsetzen.

Mario Gutmann meint, dass die Probleme nach dem Ende von Kurzarbeit und Insolvenzverschiebung erst so richtig zu Tage treten werden: "Es wird noch zu einigen Pleiten in der Zuliefererkette kommen. Wir schieben da eine riesige Welle vor uns her."

KOMMENTAR

Das große Dilemma

Bekanntlich ist man in Deutschland äußerst vorsichtig, wenn es darum geht, dass der Staat in den Wirtschaftskreislauf eingreifen soll. Und wenn es um Subventionen für eine Vorzeigeindustrie wie die Autobranche geht, treffen Für und Wider deutlich aufeinander. Da sind zum einen die großen Konzerne, die in den vergangenen Jahren beträchtliche Gewinne gemacht haben, zuletzt aber zu wenig gewillt waren, Innovationen schneller voranzutreiben. Da stehen auf der anderen Seite unzählige Arbeitsplätze, die, wenn sie einmal verloren gegangen sind, so schnell auch nicht wiederkommen. Ganz zu schweigen von den Existenzen, die damit verknüpft sind. An einem Hilfsprogramm führt kein Weg vorbei. In einem Jahr finden Wahlen statt. Und da kann es sich in nächster Zeit keine Partei leisten, dem Niedergang der Autobranche tatenlos zuzusehen.