Die Befehle kamen aus München. Dort hatten sich Partei-, SA-Führer und Gauleiter der Nationalsozialisten am Abend des 9. November 1938 zu einem Essen im Alten Rathaus versammelt. Schließlich gab es für sie etwas zu feiern: den 9. November 1923, als Adolf Hitler mit Erich Ludendorff und anderen Putschisten in München zur Feldherrnhalle maschiert war, um die Regierungsmacht an sich zu reißen - damals ohne Erfolg.


Drei fränkische Gauleiter

Die aktuelle Nachricht vom Tod eines eher unbekannten deutschen Diplomaten in Paris, der als NSDAP-Mitglied zwei Tage zuvor von einem 17-jährigen polnischen Juden mit einem Revolver niedergeschossen worden war, machte Propagandaminister Joseph Goebbels gegen 22 Uhr vor der Versammlung bekannt. Die anwesenden Gauleiter und SA-Führer verstanden seine antisemitischen Worte als Aufforderung, gegen jüdische Häuser, Läden und Synagogen vorzugehen. Sie telefonierten mit ihren örtlichen Dienststellen. Für das Gebiet Mittelfranken (Sitz Nürnberg) war Gauleiter Julius Streicher zuständig, als Gauleiter Mainfranken (Sitz Würzburg) agierte damals Otto Hellmuth, Fritz Wächtler verantwortete das große Gebiet "Bayerische Ostmark" (Sitz Bayreuth), das neben Oberfranken die Oberpfalz, Niederbayern und Böhmerwald umfasste.


Keine Synagoge blieb verschont

Die brutale Gewalt und wütenden Angriffe auf Juden begannen noch in der Nacht, zumeist von SA-Leuten (Nazi-Kürzel für Sturmabteilung) in Zivilkleidung begangen. Auch in der Region. "Es gibt kein Gebiet in Franken, das davongekommen ist. Alles war flächendeckend organisiert, im ganzen Reich", sagt Axel Töllner vom Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuen dettelsau.
Töllner hat teilweise am Synagogen-Gedenkband Bayern mitgearbeitet. Wie viele Synagogen in Franken von den Novemberpogromen betroffen waren, kann auch er nicht genau sagen. Knapp 180 seien im Jahr 1933 noch in Gebrauch gewesen. "Man muss vorsichtig geschätzt mit mehr als 150 Synagogen oder Betsälen in Franken rechnen, die geschändet, beschädigt oder zerstört wurden, meistens am 10. November, mitunter auch noch am 11. November", berichtet der evangelische Pfarrer und Historiker. Synagogen brannten zum Beispiel in Bamberg (siehe Foto rechts aus dem Staatsarchiv Bamberg), Würzburg, Fürth, Nürnberg oder Kitzingen.
"Unbehelligt vor Beschädigungen blieb keine Synagoge. Wenn, dann hatten die Gebäude vorher ihre Funktion verloren", sagt Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger für Oberfranken. Kronach ist so ein Beispiel. Der dortige Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde hatte im Februar 1938 die Synagoge zu einem symbolischen Preis an die Stadt Kronach verkauft und dadurch in der Pogromnacht vor einer Zerstörung gerettet.


Opernhaus als Retter

Dass sich in Bayreuth die älteste noch genutzte Synagoge Deutschlands befindet, sei dem Umstand zu verdanken, dass in direkter Nachbarschaft zu diesem Barockgebäude das Markgräfliche Opernhaus steht. Ein mögliches Übergreifen von Flammen hätten die Nazis 1938 dort lieber nicht riskiert, sagt Dippold. Dorfsynagogen seien ebenfalls oft so in den Bestand eingebaut gewesen, dass die Gefahr eines Brandes von Nebengebäuden die SA-Männer abhielt, Feuer zu legen. Verwüstungen im Inneren blieben freilich nicht aus.