Zärtlich greift Elmar Wendenburg nach der Hand seiner Frau Dorothea. Sie blicken sich tief in die Augen. Viel sagen müssen die beiden auf der Bank im heimischen Garten nicht mehr: Nach 70 gemeinsamen Ehejahren wissen sie umeinander: "Über allem steht die Liebe!", sagt der 93-jährige Senior verschmitzt lächelnd und erntet zustimmendes Kopfnicken seiner 94-jährigen Ehefrau. "Die Liebe hat uns 70 Jahre lang zusammengeschweißt, durch alle Höhen und Tiefen", fügt Elmar Wendenburg hinzu.

Am Mittwoch feiert das geistig rege Ehepaar in ihrem Haus am Stephansberg das seltene Fest der Gnadenhochzeit - zusammen mit ihren Töchtern Sylvia und Isolde, vier Enkeln und vier Urenkeln. Der ein oder andere Ehrengast wird vorbeischauen. Auch Oberbürgermeister Andreas Starke hat sein Kommen zugesagt. Es war dem Jubelpaar wichtig, den Tag der katholisch-kirchlichen Trauung zu begehen: Am 29. Juli 1950 haben sie in der Ritterkapelle zu Haßfurt geheiratet. Zum Standesamt waren sie einen Tag zuvor gegangen.

Beim Tanzen nähergekommen

Der gebürtige Haßfurter Elmar Wendenburg und das Flüchtlingsmädchen Dorothea Nafe aus Breslau lernten sich auf Vereinsbällen kennen. Beim Tanzen und Plaudern kamen sie sich näher. Die gemeinsame Zukunft wurde besiegelt und erhielt auch das notwendige Rüstzeug durch die in Haßfurt wiederbegründete ehemalige Breslauer Firma der Schwiegereltern von Elmar Wendenburg. "Eisenkaufmann" nennt dieser schlicht seinen Beruf, in dem er den Betrieb 1953 nach Bamberg verlegte und nach eigenen Worten zu einem der führenden Fachgeschäfte in Nordbayern machte.

Mangels Nachfolger ist die Firma längst verkauft. Doch langweilig wurde es dem Ehepaar Wendenburg nie ohne Erwerbsarbeit: "Wir haben viele Gesellschaften gegeben", erinnert sich Dorothea Wendenburg gern an die Gäste in ihrem Haus zurück. Auch ihr ehrenamtliches Engagement für Menschen in Bamberger Altenheimen hielt sie fit, bis sie selbst im hohen Alter war. Jahrzehntelang hatte das Ehepaar Abonnements der Bamberger Symphoniker und des E.T.A.-Hoffmann-Theaters. Als leidenschaftliche und begabte Musikfreunde haben sie in den Stimmlagen Tenor und Alt im Oratorienchor gesungen. "Ich war sogar Ehrenmitglied", erzählt Elmar Wendenburg. Und: "Wir haben die ganze Welt gesehen!", fasst er die gemeinsame Reiselust zusammen.

Treue FT-Leser

Das hohe Alter fordert nun von beiden seinen körperlichen Tribut. Zwei "gute Geister" kümmern sich um den Haushalt und das Kochen, was früher Dorothea Wendenburg mit Bravour allein erledigte. Auch die beiden Töchter, die in Bamberg wohnen, tragen Mitsorge für die alten Eltern und machen ihnen zum Beispiel mit regelmäßigen Sonntagsausflügen in die Umgebung sowie Restaurantbesuchen eine Freude. Im ruhigeren Alltag lesen die Wendenburgs weiterhin viel, Bücher wie etwa Klassiker der Weltliteratur und natürlich den Fränkischen Tag: "Das, was am Ort passiert, interessiert ja!", sagen sie wie aus einem Munde.

Sie wissen, dass es Gnade und Geschenk ist, ein langes Leben zusammen in Liebe verbringen zu können. Was haben sie in diesen 70 Jahren alles erlebt und sicher auch erlitten! Doch wir verkneifen uns die obligatorische Frage nach dem Rezept für eine glückliche Ehe, sondern hören mit Staunen zu, wie Elmar und Dorothea Wendenburg den 75. Hochzeitstag ins Visier nehmen ...