Da sage noch einer, der Große Saal sei für Kammermusik nicht geeignet oder zumindest viel zu groß. Was Grigory Sokolov in den letzten 15 Jahren nicht geschafft hat - er war allerdings der erste, dessen Klavierabende wegen der Kartennachfrage aus dem Rossini-Saal verlegt werden mussten - das schafften die "Neuen Trio-freunde" aus dem Stand. Das Publikumsinteresse war so groß, dass für Kammermusik erstmals auch der Balkon geöffnet werden musste - und auch der war noch gut besetzt.


Verlockender Titel

Man kann die Nachfrage verstehen. Denn hinter dem nicht allzu verlockenden Titel "Neue Triofreunde" standen drei Namen, wegen derer sich auch einzeln das Kommen gelohnt hätte. Und es waren ja auch keine Unbekannten. Der Pianist Herbert Schuch und der Cellist kommen mehr oder weniger regelmäßig zum Kissinger Sommer, seit ihre Karriere international wurde - bei Herbert Schuch war das 2005, als er neben drei wichtigen europäischen Wettbewerben auch die Kissinger KlavierOlympiade gewann; Daniel Müller-Schott war schon eher in die Schlagzeilen geraten, als er in Moskau den Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen hatte.
Die Pianistin Julia Fischer war allerdings erst einmal da. 1999 spielte sie als 16-Jährige mit Lorin Maazel und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks das Violinkonzert von Jean Sibelius. Auf jeden Fall drei gestandene Musikerpersönlichkeiten, von denen man einiges erwarten konnte. Die zwei Werke in ihr Programm genommen hatten, die beim Publikum verhältnismäßig leicht den Kartenkaufreflex auslösen: Ludwig van Beethovens letztes Klaviertrio B-dur op. 97, das unter dem Beinamen "Erzherzogtrio" berühmt und beliebt geworden ist; und Peter Tschaikowskys einziges Klaviertrio a-moll op. 50, ein "Tombeau" für seinen Förderer Nikolai Rubinstein. Und so wie das Programm bestand auch das Konzert aus zwei Teilen.
Wenn es nicht so abwertend klingen würde, könnte man sagen, dass das Erzherzogtrio solide musiziert war. Besser vielleicht: Es blieb auf höchstem Niveau ohne Überraschungen. Es wurde zu einem ins Sinfonische geweiteten "Klavierkonzert mit Streichern". Herbert Schuch steuerte vom Klavier aus die Musik, gab die Impulse für einen wunderbaren melodischen Fluss, wahrte seinen Führungsanspruch, auch wenn sich die drei Stimmen in ihrer Gemeinsamkeit sehr gut abgrenzten und ausbalancierten.


Behutsamer Umgang miteinander

Das führte zu einem relativ behutsamen Umgang miteinander und mit der Musik, zu kontrollierten Ausbrüchen, zu einer Ausstellung nicht so sehr der emotionalen Entwicklungen - Spannungen sind in dem Werk ohnehin nicht das große Thema - sondern der melodischen Verläufe. Es machte ganz einfach Spaß, den drei "neuen Trio-freunden" zuschauend zuzuhören.
Wenn man bedenkt, wie heftig sich Tschaikowsky immer gegen Klaviertrios gesträubt hat, weil er die Verbindung von Klavier und Streichern - in der Kammermusik - für unpassend hielt, dann ist sein a-moll-Trio erstaunlich lang geworden. Julia Fischer, Daniel Müller-Schott und Herbert Schuch hatten sich diesem zweisätzigen, rund 50 Minuten dauernden Werk gestellt und ihm spannende interpretatorische Alleinstellungsmerkmale verpasst. Sie hatten sich dem Denkmalcharakter, mit dem er erste Satz gerne schon aus Ehrfurcht vor der Riesenaufgabe musiziert wird, verweigert und waren in die Tiefe der persönlichen Emotionen vorgedrungen und spiegelten die Trauer mit ganz spannenden, dunklen Klangfarben und Phrasierungen, die Tschaikowskys Trauer und Betroffenheit wirklich fassbar machten.
Besonders eindrucksvoll war allerdings der zweite Satz mit seinen Variationen, die außerordentlich differenziert gestaltet waren, allen voran die Variation VIII mit ihrer kraftvoll und doch höchst traparenten Fuge. Aber der emotionale Höhepunkt nicht nur des Satzes, sondern des gesamten Trios tauchte unerwartet in der Variation X auf: einer Mazurka, mit der in dieser Interpretation Tschaikowsky versucht, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Aber die aufgesetzte Heiterkeit zerbröckelt. Das war einfach großartige Musik. Man hatte bei den "neuen Triofreunden" erstmals nicht das Gefühl, dass sich Tschaikowsky hätte kürzer fassen können, dass er eher hätte Schluss machen können, dass er seine Trauer unnötig in die Länge zog, weil hier die Konzeption bis zum Schluss tragfähig und plausibel blieb - bis die Musik in einem fantastischen, gespenstischen Moriendo einfach verschwand.