Vitamin B soll das Wohlbefinden steigern, Vitamin D ein Multitalent für die Gesundheit sein und Vitamin C ist gut gegen Erkältungen: Solche Werbesprüche animieren Verbraucher zum Kauf von Vitaminpräparaten. Doch die meisten Menschen in Deutschland sind gut mit Vitaminen versorgt, wie die Nationale Verzehrstudie zeigt.

Eugen Chrebtow, staatlich zertifizierter Ernährungsberater aus Bad Kissingen, hat zu Vitaminpräparaten eine klare Meinung: "Das Geld lässt sich besser investieren." Er erzählt, dass es Menschen gebe, die über hundert Euro monatlich für Vitamin-Tabletten bezahlen. 

Nimmt man wasserlösliche Vitamine zu sich, werden diese nicht vom Körper gespeichert. "Man bezahlt dann für einen sehr teuren Urin", meint der Experte. Bei fettlöslichen Vitaminen, die der Körper speichert, könne eine Überdosierung schaden. Stattdessen reiche es, etwa einen Salat mit Gurke und Paprika zu essen. "Das ist eine Vitaminbombe", sagt der 33-Jährige.

Auch die Stiftung Warentest und die Verbraucherzentrale Bayern empfehlen einstimmig: "Lassen Sie sich nicht durch die Werbung verunsichern." Der Tagesbedarf an Vitaminen lasse sich durch eine ausgewogene und bunte Ernährung decken. Grundsätzlich helfe zudem tägliche Bewegung an frischer Luft, die auch die körpereigene Produktion von Vitamin D fördert.

Extraportion nicht nötig

Vitaminmangel und dadurch bedingte Krankheiten kommen den Experten zufolge in Deutschland äußerst selten vor. Es gebe keine Studien, die belegen würden, dass eine "Extraportion Vitamine" in Form von Nahrungsergänzungsmitteln die Folgen eines ungünstigen Ernährungsverhaltens ausgleichen und vor Krankheiten schützen kann. Eine unnatürlich hohe Gabe isolierter Vitamine ist den Verbraucherschützern zufolge meist nicht nötig und könne zu Gesundheitsschäden führen.

Eine Einschränkung macht Eugen Chrebtow nur beim Vitamin D. "Wer einen Vitamin-D-Mangel fürchtet, sollte sich beim Arzt testen lassen." Sei tatsächlich ein Mangel vorhanden, könne man das supplementieren.

Test: Zu hoch dosiert

Die Stiftung Warentest hat zuletzt 2017 Vitaminpräparate getestet. Gesetzliche Grenzen für die Vitamindosierung von Nahrungsergänzungsmitteln gibt es in Deutschland nicht. Deshalb verglichen die Tester die Tagesdosierungen auf den Packungen mit den sicheren Höchstmengen, die das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt.

Exemplarisch wurden 35 Präparate gekauft, von denen 26 laut Packungsangaben die empfohlenen Höchstdosierungen überschritten, zehn davon drastisch. Dies betraf vor allem Präparate, die im Internet bestellt wurden und meist aus dem Ausland kommen.

"Die meisten Menschen wissen gar nicht, was das für Substanzen sind, die auf den Verpackungen draufstehen", sagt Eugen Chrebtow. "Aber es ist bequem, einfach eine Tablette zu schlucken."

Ernährungstagebuch führen

Sinnvoller sei es, aufzuschreiben, was man jeden Tag esse. Ernährungsanamnese nennt sich das. Protokollartig wird die Art und die Menge erfasst, die eine Person an Nahrung aufnimmt. In manchen Nahrungsmitteln sind Vitamine, bei denen es der Laie nicht erwarten würde. "Auch in Wurst ist Vitamin C", sagt Eugen Chrebtow.

Manche Hersteller nutzen die Sorge der Menschen vor Corona aus, meint er. "Es gibt Unternehmen, die damit werben. Man soll jetzt Nahrungsergänzungsmittel kaufen, da es sonst Engpässe gebe." Aber: Es gibt keinen Mangel an Lebensmitteln, sagt der Ernährungsberater. "Ich würde jedem davon abraten, solche Produkte zu kaufen. Es geht nur um Umsatz."

Entdecken Verbraucher irreführende Werbung, können sie dies bei den bayerischen Gesundheitsbehörden melden.

"Es kann sein, dass sich Menschen besser fühlen, wenn sie Vitaminpräparate nehmen", sagt Eugen Chrebtow. Das sei dann aber der Placebo-Effekt. "Der Glaube versetzt Berge", meint er.

Wer weiß, in welchen Nahrungsmitteln besonders viele Vitamine stecken, kann sein Essverhalten ganz leicht danach ausrichten. Folgender Überblick zeigt, wofür welche Vitamine gut sind - und wann sie schaden.

Vitamine im Überblick

Vitamin A Der Körper kann Vitamin A aus manchen Pflanzeninhaltsstoffen wie Betakarotin selbst bilden. Es ist wichtig für den Sehvorgang, Haut- und Schleimhäute, Immunsystem, Fortpflanzung und schützt vor aggressiven Sauerstoffmolekülen (freien Radikalen). Die Deutschen sind ausreichend mit Vitamin A versorgt. Vitamin A kommt in Fleisch- und Wurstwaren vor, in Leber, Milchprodukten, Eiern, Möhren und Grünkohl. Durch zu viel Vitamin A kann sich die Haut verändern, können Haarausfall, Kopfschmerzen und Leberprobleme auftreten. Studien zufolge kann ein Übermaß an Vitamin A Lungenkrebs hervorrufen. Mittel mit den Vitaminen A und E könnten die Lebenserwartung verkürzen.

Vitamin B B-Vitamine sind an diversen Stoffwechselprozessen beteiligt und wichtig für die Zellteilung. Die Deutschen sind ausreichend mit B-Vitaminen versorgt. B-Vitamine kommen in Hülsenfrüchten, Fleisch, Fisch und Vollkornprodukten vor. B-Vitamine gelten als harmlos, da sie wasserlöslich sind und sich nicht im Körper anreichern. Bei sehr hohen Dosen von B6 in Kombination mit Fol- und Nikotinsäure können Nervenschäden auftreten.

Vitamin C Dieses Vitamin ist wichtig für den Halt von Zähnen, die Bildung von Bindegewebe und wirkt gegen freie Radikale. Natürliche Quellen sind Brokkoli, grüne Paprika, Zitrusfrüchte, Sanddorn und schwarze Johannisbeeren. Vitamin C nimmt man ausreichend über die Nahrung auf. Studien liefern keinen Beleg für die Schutzwirkungen von Vitamin C durch Zusatzpräparate. Überdosiert kann Vitamin C die Verdauung stören und fördert vor allem bei Männern das Risiko für Nierensteine. 

Vitamin D Es wird als einziges vom Körper selbst gebildet - durch Sonnenlicht. Bei Kindern ist Vitamin D wichtig für den Aufbau der Knochen, bei Erwachsenen hält es die Knochen hart und dient zur Vorbeugung gegen Stürze. Die Zufuhr aus der Nahrung - fetter Seefisch, Eigelb, Margarine - ist eher gering. Vitamin D bildet sich im Tageslicht selbst. Eine Überdosis an Vitamin D kann laut Verbraucherzentrale Bayern zu Vergiftungserscheinungen führen oder die Verkalkung von Herz oder Lunge fördern. Die Stiftung Warentest führt als Nebenwirkungen Nierensteine und -schäden an.

Vitamin E ist gut für den Zellschutz. Die meisten Menschen sind gut mit Vitamin E versorgt. Natürliche Quellen sind pflanzliche Öle. In zu hohen Dosen kann Vitamin E die Blutgerinnung stören. Studien zufolge erhöht die künstliche Zufuhr möglicherweise die Sterberate und begünstigt bei Männern Prostatakrebs.

Vitamin K Dieses Vitamin ist wichtig für die Blutgerinnung und trägt zur Festigkeit von Knochen bei. In der Nahrung kommt Vitamin K vor allem in grünem Gemüse vor sowie in Milchprodukten, Fleisch und Eiern. Vitamin K gilt als gut verträglich, kann aber möglicherweise die Wirkung von gerinnungshemmenden Medikamenten stören.

 

Artikel von Charlotte Wittnebel-Schmitz und Irmtraud Fenn-Nebel