Wenn es blöd gelaufen ist, haben Sie gestern Abend, mit dem Anschalten der Heizung, ihr Ölkontingent und das ihrer Kinder gleich mit aufgebraucht. 32 000 Liter, im Schnitt innerhalb von nur elf Jahren, verheizt, verkocht oder in Form von Kleidung am Leib getragen.

Ausgangspunkt dieser Rechnung ist die derzeit geschätzte, weltweit noch vorhandene, Ölreserve von 1,2 Milliarden Barrel.
Geteilt durch die Weltbevölkerung, bleiben 200 Barrel pro Kopf, was wiederum 32 000 Litern entspricht.


Ein Energiekonzept für die Region

Aufgestellt hat die Rechnung Steffen Haase, vom Architekturbüro Werner Haase. "Ändere die Welt; sie braucht es", ein Bethold Brecht Bonmont, ist der Leitspruch des Büros. Und da man die Welt bekanntlich erstmal im kleinen ändern muss, beginnt Haase am Dienstagabend in Bad Bocklet.

Gemeinsam mit Nüdlingen, Oberthulba und Burkardroth ist die Gemeinde Teil der "Allianz Kissinger Bogen e.V.", die es sich zum Ziel gesetzt hat, gemeinsam ein energetisches Konzept für die Region auszuarbeiten. Darunter fallen Schulen genauso wie Rathäuser, Industriegebäude und Privathäuser.

Was nun nötig ist, um ein solches Konzept ausarbeiten zu können, das wollte die Allianz, gemeinsam mit dem dafür beauftragten Planungsbüro Haase am Dienstagabend den Bürgern von Bad Bocklet erstmals vorstellen.
Die Informationsveranstaltung wird auch in den anderen zur Allianz gehörenden Gemeinden stattfinden: am 30. November in Burkardroth, am 3. Dezember in Oberthulba und am 15. Dezember in Nüdlingen. Denn, wie Allianzmanagerin Ganna Kravchenko sagt: "Jeder Bürger zählt." Drei waren es, die zur Infoveranstaltung in Bad Bocklet gekommen waren.


Eine Karte mit Ampelsystem

Erarbeitet werden soll im ersten Schritt der besondere Energiebedarf der jeweiligen Gemeinden, dazu wertet Haase momentan die Daten von Kaminkehrern und Energieversorgern aus. Es wird auch eine Bürgerumfrage geben, schriftlich, mit Fragen wie: "Wurde an ihrem Haus in den letzten Jahren die Fenster ausgetauscht, die Fassade oder der Keller gedämmt?" Alle Daten werden anonymisiert behandelt, verspricht Haase. Er wird am Ende alles in eine Karte eintragen, die in einem Art Ampelsystem anzeigen wird, wo besonders viel oder besonders wenig Energie verbraucht wird.

Wichtig dabei ist: "Es geht nicht nur ums Stromsparen, sondern auch um eine effizientere Nutzung und darum, voneinander zu lernen", sagt Haase.


Die richtige Mischung macht's

Genauso wie Stromsparen nicht die einzige Lösung zur Senkung des Energieverbrauchs sein kann, kann der Energiebedarf auf Dauer nicht nur durch eine Quelle gedeckt werden: Egal ob Raps, der mittlerweile häufig als Ölquelle dient, Windräder, Solaranlagen oder Hackschnitzelanlagen - die Lösung, sie liegt in einer Mischung. Einer Mischung aus erneuerbaren Energieträgern, Maßnahmen zur Energieeffizienz und zur Energieeinsparung.
Was sich kompliziert anhört, kann am Ende ganz einfach aussehen. Ein Beispiel.

In Binsfeld, einer 490-Einwohner-Gemeinde in der Nähe von Würzburg, haben die Bürger erst eine Dorf-Service-GmbH gegründet, dann ein Nahwärmenetz installiert - mit viel Eigenarbeit - und schließlich durch das eingesparte Geld ein Mehrgenerationenhaus eingerichtet und so am Ende sogar insgesamt 20 Arbeitsplätze geschaffen.


Mehr Geld in der Gemeinde lassen

Ein Musterbeispiel, zugegeben, aber es zeigt, was nicht nur theoretisch alles möglich ist. Ein Energiekonzept, darum hat Haase das Beispiel erzählt, als Anfang: für eine bessere Dorfgemeinschaft, für ein attraktiveres Dorf, und im Fall der Allianz möglicherweise für eine attraktivere Region.

Regionale Ressourcen nutzen, dass sei auch ein Ziel, sagt Haase. Das Geld in der Gemeinde belassen, beispielsweise eigenes Holz als Energieträger nutzen, statt Öl aus Russland zu kaufen.

Es wird Arbeitsgruppen geben, die sich im besten Fall aus den Bürgern der Gemeinden zusammensetzen, und die Möglichkeiten erarbeiten, welche Gebäude in welchem Umfang, mit welchen Mitteln saniert werden können: "Vereinsgebäude beispielsweise", sagt Haase, "können auch viel in ehrenamtlicher Arbeit gemacht werden." Oder Möglichkeiten, wie sich Privathaushalte eventuell auch ortsübergreifend durch Abwärmenutzung oder Nahwärmekonzepte unterstützen können. Entsprechende Fördergelder gibt es von Bund oder Land.


Ergebnis im nächsten Jahr

Im August 2016 sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. Thomas Beck, Kurdirektor von Bad Bocklet und in Vertretung für Bürgermeister Wolfgang Back bei der Versammlung, hätte auch schon ein paar Ideen.

Zum Beispiel das Grüngut, das nicht zu Hackschnitzel verarbeitet wird, als Energielieferanten nutzen, noch bevor es auf die Felder kommt. In Schulen Lüftungskonzepte erstellen oder aus Abwässern Energie gewinnen.
Gewinnen müssen die Mitglieder der Allianz Kissinger Bogen allem Anschein nach noch was anderes: die Bürger.


Einige Ideen mitgenommen

Die Infoveranstaltung war ein erster Versuch, und wer dort war, hat auch durchaus etwas mitnehmen können. Stefan Etzkorn zum Beispiel, 65 Jahre alt, sagt: "Das war schon interessant zu sehen, was man in Zukunft machen kann."

Die Idee findet er gut, schließlich müsse man auch mal an seine Nachfahren denken.

Berthold Hümpfer, 58 Jahre alt, ebenfalls Zuhörer, findet vor allem gut, das Ganze im Verbund umzusetzen. "Allein ist das für keine Gemeinde zu stemmen."

Für seinen ganz privaten Energieverbrauch nimmt er auch was mit: "Ich darf nicht so viel Stoßlüften", sagt er und nimmt sich vor, das Schlafzimmerfenster auch tagsüber mal zuzumachen. Energiewende im Kleinen. Aber immerhin.