Wenn Eberhard Gräf über die frühere Bäder OHG spricht, schwingt viel Wehmut in seiner Stimme mit: "Die Bäderverwaltung, wie sie überall hieß, hatte in Spitzenzeiten über hundert Beschäftigte", berichtet der frühere Rechtsdirektor der Stadt Bad Kissingen. Gesellschafter waren zu gleichen Teilen die Stadt und die Augsburger von-Hessing-Stiftung. "Wir haben jedes Jahr viel Geld dorthin überwiesen", erinnert sich Gräf an die Glanzzeiten. 1999 ging die OHG dann in der heutigen Staatsbad GmbH auf.

Im Jahr 1983 übernahm Gräf das Ruder, seine Vorgänger waren Emil Ruppert und Georg Streng. Die Bäder OHG bewirtschaftete die staatlichen Quellen und die Badehäuser. Dutzende Masseure und Badefrauen empfingen die Gäste der Hotels. Mit dem Einbau hauseigener Schwimmbäder und Wellness-Abteilungen schwand die Bedeutung.


Händler in vielen Städten

Weggebrochen ist auch der Wasserversand: "Wir hatten in allen größeren Städten Getränke-Großhändler, die wir regelmäßig belieferten", berichtet Gräf. Die Kurgäste lernten das Wasser in Bad Kissingen kennen und ließen es sich nach der Kur nach Hause bringen. Das Bitterwasser sei vor allem von Krankenhäusern geschätzt worden: "Es hatte eine große Bedeutung bei Darm-Untersuchungen", berichtet Gräf. Die Heinz-Kalk-Klinik etwa habe die Abführungen nur mit der alten Rezeptur Liebigs gemacht. "Dann kamen immer mehr Ärzte, die nur noch auf die Pharmazie schwörten."

Grundlage für das Bad Kissinger Bitterwasser sei das damals berühmte Budapester Bitterwasser gewesen, berichtet Gräf. Seines Wissens nach habe Bad Kissingen weltweit die letzte alte Lizenz. Umso wichtiger sei es, sie zu erhalten: "Solche Rechte bekommt man nie mehr wieder", verweist Gräf auf notwendige wissenschaftliche Nachweise, die heute nur noch die Pharma-Industrie liefern könne.

Bereits seit dem Jahr 1972 ist Apotheker Manfred Lenhart an der Mischung des Bitterwassers beteiligt. "Ich habe immer mitgeholfen, das Bitterwasser anzusetzen und dann bin ich da so reingerutscht", erinnert sich der 75-Jährige. Damals sei es noch einfacher gewesen, den Titel Herstellungsleiter zu führen. Heute sei dafür eine Zusatz-Ausbildung notwendig, deshalb stehe auch noch nicht fest, wie es weitergehe, wenn er irgendwann einmal aufhört. Das soll aber auch nicht so bald sein: "Mir macht der Beruf immer noch Freude", sagt der Inhaber der Sinnberg-Apotheke.


Sogar Labor im Krug-Magazin

Früher sei er mindestens einmal pro Woche für die Herstellung des Bitterwassers unterwegs gewesen. "Es gab ja sogar ein kleines Labor in dem Gebäude", erzählt Lenhart. Heute setzte er das Bitterwasser nur noch selten an: Alle drei Jahre zur Abfüllung und zwischendurch für den Ausschank in der Wandelhalle. "Die junge Generation von Ärzten hat keinen Bezug dazu", bedauert der Apotheker. Dabei sieht er durchaus einen Markt dafür, die wenigen Flaschen der seltenen Abfüllungen seien jedenfalls immer schnell weg. "Es wäre schön, wenn das wieder in Schwung kommen würde", freut er sich auf die Schau-Abfüllung.


Zu geringe Marktnachfrage

Einen großen Vetrieb wird es aber sicher nicht wieder geben: "Die ursprüngliche Heilwasserabfüllung für Vertriebszwecke wurde zum 30. Juni 2001 wegen einer nicht vertretbaren Defizitsituation eingestellt", blickt das Finanzministerium zurück, und: "Die Rahmenbedingungen hierfür sind nach wie vor unverändert." Zudem würde die Staatsbad GmbH in Wettbewerb zu privatwirtschaftlichen Unternehmen treten, die ihre Produkte ohne staatliche Unterstützung am Markt platzieren. "Dies würde gegen geltendes Wettbewerbsrecht verstoßen", heißt es aus München. Auch Sondierungsgespräche mit Abfüllbetrieben hätten wiederholt ergeben, dass die Marktnachfrage zu gering sei.


Rund um die Abfüllung von Heil- und Bitterwasser

Leitbild Das 2009 vorgelegte touristische Leitbild sieht die Wiederaufnahme der 2001 aus Kostengründen eingestellten Heilwasserabfüllung vor. Unter anderen versprechen sich die Beteiligten einen erheblichen Werbeeffekt.

Lizenz Damit die alte Lizenz zum Abfüllen des Arzneimittels Heilwasser nicht verloren geht, füllt die Staatsbad GmbH spätestens alle drei Jahre kleine Mengen ab, pro forma angeboten wird das Heilwasser in der Sinnberg-Apotheke. Wie der ehemalige Bäderdirektor Eberhard Gräf betont, gilt die Lizenz neben Rakoczy und Bitterwasser auch für den Luitpoldsprudel alt.

Bitterwasser Dieses weltweit mittlerweile einzigartige Arzneimittel wird auf Basis des Rakoczywassers unter Zusatz von Magnesium- und Calciumsulfat hergestellt. Es dient zur unterstützenden Behandlung von Verdauungsstörungen, insbesondere bei Darmträgheit und Verstopfung. Es eignet sich unter anderem auch für die Reinigung des Darms vor einer Spiegelung. Kreiert hat das Kissinger Bitterwasser der große deutsche Chemiker Justus von Liebig (1803 - 1873).

Eisen-Entzug Wenn Rakoczy und Bitterwasser abgefüllt werden, wird aus zwei Gründen über eine spezielle Anlage das Eisen entzogen. Zum einen würde es in der Flasche einen Bodensatz bilden und unappetitlich aussehen. Zum anderen wird mit dem Eisen auch das in geringen Mengen gelöste Arsen entfernt.