Birgit Gräb sitzt an einem runden Tisch in ihrem Büro direkt neben dem Sekretariat und sagt: "Linsensuppe". Dann lacht sie. Es ist kurz nach zwölf Uhr und Gräb, Konrektorin der Grund- und Mittelschule in Oberthulba, kommt gerade vom Mittagessen mit den Schülern ihrer Ganztagsklasse.

"Die Kinder", sagt Gräb, "essen hier auch Sachen, die sie daheim nie essen würden - einfach weil sie sehen, andere essen es auch." Sozialisation am Mittagstisch. "Einige Kinder sind es am Anfang nicht gewohnt, gemeinsam an einem Tisch zu essen - bei anderen fangen wir erstmal an, die Funktion von Messer und Gabel zu erklären." Ganztag ist eben mehr als Lernen am Nachmittag. Und auch wenn es keiner der Lehrer, die in diesem Text vorkommen, direkt ausspricht, Ganztag ist vor allem auch eine Chance, für die Kinder, deren Elternhaus die Sozialforscher gerne als "bildungsferne Schichten" bezeichnen.


Drei Arten, sie alle zu binden

Gekocht wird in Oberthulba frisch, zwei Köchinnen sind dafür angestellt, gegessen wird im Sportheim Hundert Meter neben der Schule.Zwei mal in der Woche gibt es etwas Vegetarisches. Gute Nachmittagsbetreuung, davon ist Gräb überzeugt, beginnt beim Mittagessen. Das Essen ist das eine. Das andere ist das Konzept.

In Oberthulba können die Schüler wählen unter anderem zwischen Töpfern, Kochen, Basteln, Einradfahren, Wakeboarden und Kegeln. Im vergangenen Jahr haben sie in einem Biologieprojekt Regenwürmer beobachtet.
"Jede Schule hat ihr eigenes Konzept", sagt Rupert Kestler, stellvertretender Schulamtsdirektor. Die Volksschule Thulbatal ist darum nur ein Beispiel von vielen im Landkreis und die einzige, die alle drei möglichen Formen einer Ganztagsbetreuung anbietet.Denn Ganztag ist nicht gleich Ganztag. Unterschieden werden: gebundener Ganztag, offener Ganztag und verlängerte Mittagsbetreuung.

Da an Grundschulen der offene Ganztag derzeit lediglich in einem Modellversuch erprobt wird, ist die verlängerte Mittagsbetreuung eine Alternative. Grob gesagt, geht es bei beidem um dasselbe: die Schüler auch nach dem Unterricht zu beaufsichtigen. Das beginnt mit einem Mittagessen, dann kommt die Hausaufgabenbetreuung und abschließend das Freizeitangebot - Sport, Kunst oder Musik. Unterricht jedoch, findet nur vormittags statt.


Der Tag braucht einen Rhythmus

Anders beim gebundenen Ganztag. Hier verlängert sich nicht nur die Betreuungszeit, sondern, wie es Kestler vom Schulamt ausdrückt, "Für die Schüler verlängert sich die Lernzeit." Während im offenen Ganztag Erzieherinnen die Betreuung übernehmen, wird der gebundene Ganztag von Lehrkräften bestritten.

Rund zehn Lehrerstellen, schätzt Kestler seien dadurch allein an den fünf Grundschulen mit gebundener Ganztagsbetreuung geschaffen worden. Während Kestler von verlängerter Lernzeit spricht, sagt Konrektorin Gräb oft das Wort "Rhythmisierung".

Der gebundene Ganztag muss einem bestimmten Muster folgen, eine Struktur haben. Die könne dann beispielsweise so aussehen: Zwei Stunden Unterricht, zwei Stunden Kunstprojekt, zwei Stunden Mittagspause, zwei Stunden Unterricht.

Björn, Zweitklässler, die graue Jacke irgendwie nur über die Arme, nicht die Schultern gezogen, antwortet auf die Frage, was ihm daran gefällt, länger in der Schule zu bleiben: "Die Hausaufgaben." Ungläubige Nachfrage, daraufhin Björn: "Ja, weil wenn man es geschafft hat, darf man was spielen. Und wenn man nicht ganz fertig wird, muss man es nicht daheim machen." Mia, Viertklässlerin, blonde Strähnen unter grauer Mütze, zwei Stelzen in der Hand, sagt: "Es macht Spaß, mit der Klasse zusammen zu sein."

Birgit Gräb nickt, Schüler in der Ganztagsbetreuung haben ihre Freunde in der Klasse und keine Hausaufgaben mehr, wenn sie sich um 15.45 Uhr auf den Heimweg machen.


Ganztagsschulen im Überblick

Hausaufgaben steht auf einem Schild an der Tür im Erdgeschoss, hier machen die Schüler des offenen Ganztags, gemischt in allen Altersstufen, was das Schild besagt. Wer fertig ist, geht zehn Meter über den Gang, in die "Oase" - ein Raum mit Spielen im Regal und einer Küchenzeile.

Die Schüler im gebundenen Ganztag hingegen sind auch nachmittags in ihren Klassenzimmern. Im Unterschied zur Regelklasse sind die Zimmer größer und haben je einen extra Raum.

Hinterm Klassenzimmer geht's weiter. Die Schüler der gebundenen Ganztagsklasse haben einen extra Raum. Zur "Differenzierung", wie es Birgit Gräb, Konrektorin der Volksschule Oberthulba, nennt. Was der etwas sperrige Fachbegriff meint, ist eine Art individuelle Lernzeit. Etwa um neu eingeführten Lernstoff in einer kleineren Gruppe zu üben und so einzelne Kinder besser fördern zu können.
"Ich kann Defizite viel schneller erkennen und ich bekomme sofort eine Rückmeldung", sagt Gräb. Möglich ist das nur, weil den Lehrkräften der Ganztagsklassen Erzieherinnen zur Seite stehen, meist auf 400 Euro-Basis, angestellt vom Träger, die eine Aufteilung der Klasse überhaupt ermöglichen.


Bessere Noten im Ganztag?

Der größte Vorteil der Ganztagsbetreuung besteht für Rupert Kestler, stellvertretender Schulamtsdirektor, in der Zeit: Mehr Stunden an der Schule eröffnen auch Möglichkeiten, um flexibler zu lernen. "Man kann besser auf die einzelnen Schüler eingehen." Außerdem werde der Lernraum durch die Freizeitgestaltung auch zum Sozialraum.
Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) hat über einen Zeitraum von sechs Jahren über 300 Ganztagsschulen untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Teilnahme an Ganztagsangeboten positive Auswirkungen auf das Sozialverhalten der Jugendlichen und das häusliche Familienklima hat. Der Haussegen hängt also zumindest nicht mehr wegen der Mathehausaufgaben schief.


Ganztag ist nicht für jeden was

Zum Teil, so die Studie weiter, würden sich, bei ausreichend hoher pädagogischer Qualität der Angebote, auch die Schulnoten verbessern.

Im Landkreis bieten 30 der insgesamt 42 Schulen mindestens eine Form Nachmittagsbetreuung an. Von den insgesamt 3100 Grundschülern im Kreis bleiben 349 auch Nachmittags in der Schule. Bei den Mittelschulen sind es 259 Schüler, bei einer Gesamtzahl von 1800.

Nicht jeder Schüler, sagt Gräb, sei für eine Ganztagsbetreuung geeignet. Manche bräuchten einfach mehr Ruhe, ein ganzer Tag wäre für sie zu anstrengend. Darum findet Gräb, dass das gesetzlich verankerte Wahlrecht der Eltern zwischen Halbtagsschule und Ganztagsangeboten auch weiterhin bestehen bleiben muss.

Grundsätzlich gilt, wenn eine Schule sich für eine Ganztagsbetreuung entscheidet, darf dadurch keine zusätzliche Klasse entstehen. Gibt es also beispielsweise drei erste Klassen und es soll eine Ganztagsklasse eingerichtet werden, müssen sich auch genug Schüler finden, um eine komplette Klasse bilden zu können.
Für manche Schulen, sagt Kestler, ist das eine Herausforderung.

Als Hubert Voll 1996, an der Johannes-Petri-Volksschule in Elfertshausen als Rektor angefangen hat, hatte er bereits über eine Mittagsbetreuung nachgedacht. "Ganze vier Interessierte hatten sich gemeldet." Das Projekt war gestorben. Heute, knapp 20 Jahre später, sind an der Volksschule 78 Schüler im Ganztag untergebracht.
Wenn auch mit einem organisatorischen Kniff: Um auf die nötige Schülerzahl für eine gebundene Ganztagsklasse in der Grundschule zu kommen, und gleichzeitig noch eine Regelklasse anbieten zu können, mussten jeweils die zwei Jahrgangsstufen zusammengelegt werden.

Organisatorisch aufwendig, aber, davon ist Voll überzeugt, der Aufwand lohne sich.

"Wir halten für die Eltern die Möglichkeit vor, Berufsleben und Kinder unter einen Hut zu bringen."


Herausforderung für Gemeinden

Das sieht auch die Politik so. Auf dem Bayerischen Gemeindetag wurde heuer die Ausweitung des Betreuungsangebots beschlossen. Mehr Bildungsgerechtigkeit sei das Ziel, sagte Gemeindetagspräsident Uwe Brandl. "Für eine familienfreundliche Kommune ist es wichtig, den Eltern eine passgenaue Lösung für die Bildung und Betreuung ihrer Kinder vor Ort anbieten zu können." Und dann in einem Nachsatz: "Für die Gemeinden stellt dies eine gewaltige finanzielle, personelle und organisatorische Herausforderung dar."

Drei Euro müssen die Eltern für das Mittagessen bezahlen, alle anderen Kosten übernimmt der Träger der Schule - in den meisten Fällen also die Gemeinde. So auch in Oberthulba.

"Im vergangenen Haushaltsjahr lagen die Ausgaben für alle drei Ganztagsangebote bei rund 129 000 Euro", sagt Verwaltungsschefin Nicole Wehner. Abzüglich der staatlichen Förderung in Höhe von 68 500 Euro musste der Markt Oberthulba demnach 60 500 Euro selber tragen.

Dazu kommen Ausgaben für die Mittagsverpflegung in Höhe von 55 000 Euro, denen Einnahmen lediglich in Höhe von 38 000 Euro gegenüberstehen. Man wolle allen Bedürfnissen der Eltern und Schüler gerecht werden.
Dass es, wie in den skandinavischen Ländern bereits üblich, nur noch Ganztagsschulen geben wird, das glaubt Rupert Kestler nicht. Der Bedarf sei dafür mittelfristig noch nicht hoch genug. Und dann ist da noch die Uhrzeit. "Unser Schulbeginn ist zum Teil um 7.45 Uhr. In den skandinavischen Ländern fangen sie nicht vor neun Uhr an."