Es ist schon eine Tradition, dennoch liegt über diesem letzten Apriltag der Hauch des Besonderen. Tatsächlich klappern vor dem Regentenbau Hufe auf dem Pflaster, ein Horn ertönt, die Postkutsche fährt vor. Die Kutscherin öffnet die Türen, um die Prominenz für die erste Fahrt des Jahres einsteigen zu lassen. Nostalgie pur vor historischem Ambiente. Dazu hat der Himmel ein warmes Weiß-Blau angezogen und fördert das Bewusstsein eines besonderen Moments in diesen so belastenden Zeiten.

Im Nu ist ein kleiner Volksauflauf entstanden, Handys werden gezückt, Postillon und Kutscherin werden zu gefragten Selfie-Partnern und -Partnerinnen. Ein leichtes Schnalzen mit den Zügeln, der Vierspänner in Gelb trabt an, Postillon Stefan Mattes bläst das Frankenlied und für die Fahrgäste beginnt eine stimmungsvolle Reise wie in eine andere Zeit. Sie führt vom Weltbad Kissingen durch weite Wiesen mit blühenden Obstbäumen und lichte Wälder entlang des idyllischen Saaletals ins romantische Biedermeierbad Bocklet.

Mythos Postkutsche

Seit Sommer 1950 fährt die Kutsche regelmäßig von Bad Kissingen nach Schloss Aschach und Bad Bocklet - und jeder Gast, der die Tour einmal miterlebt hat, ist begeistert. Die Klänge des Postillions

"Hoch auf dem gelben Wagen..." - im Ohr und das leichte Schaukeln in der Kabine geben den Fahrgästen ein Gefühl von Vergangenheit, von Entschleunigung und Langsamkeit. Angekommen in Bad Bocklet oder auf Schloss Aschach bleibt genug Zeit für Einkehr oder Museumsbesuch, bis die Postkutsche wieder ihre Rückfahrt nach Bad Kissingen antritt.

Die Jungfernfahrt 2022 führt nach Bad Bocklet, und dort wartet ein großer Bahnhof und die Blaskapelle Bad Bocklet führt einen kleinen Festzug in die Ortsmitte an. Dort gibt es Lob von allen Seiten für die letzte Postkutschenlinie Deutschlands. Das klingt gut in den Ohren der Akteure des kleinen, im Ehrenamt geführten Postkutschenvereins, den Stadt, Staatsbad GmbH und Landkreis Bad Kissingen, Markt Bad Bocklet und Bezirk Unterfranken tragen. Dessen Vorsitzender Thomas Leiner, 3. Bürgermeister der Stadt Bad Kissingen, ist stolz darauf, dass es gelingt, auch nachdem sich die Deutsche Post aus der Finanzierung ausgeklinkt hat, die gut 75.000 Euro Aufwand für den Betrieb zu stemmen, der aus den Fahrgasterlösen nicht erwirtschaftet werden kann.

Staatssekretär Sandro Kirchner CSU, Ehrengast der Eröffnungsfahrt, dankt dem Verein und gibt zu, dass ihn diese Zeitreise beeindruckt hat: "Ich habe die Entschleunigung der Landschaft neu entdeckt". Er will sich dafür einsetzen, den Kreis der Sponsoren zu erweitern. Bad Bocklets Bürgermeister Andreas Sandwall weist auf die symbolische Bedeutung dieser Attraktion seit 1950 hin, und scherzt, dass das Prädikat "letzte offizielle Linie" für Bocklet "fast so wichtig ist, wie das Welterbe Prädikat für Bad Kissingen".

Briefmarken Unikat als Geschenk

Thomas Leiner fand anerkennende Worte für die Persönlichkeiten der ersten Stunde, die den Verein aus der Taufe gehoben und ihn zum Garanten für den Erhalt der Attraktion gemacht hatten. Unter großem Beifall wurde der ehemalige Präsident der Deutschen Post, Werner Scheller zum Ehrenvorsitzenden des Vereins ernannt.

Wolfgang Wimmel aus Poppenroth, ehemaliger "Postler" führte seit Gründung des Vereins engagiert als Triebfeder vor Ort die Geschäfte und sorgte dafür, dass die Mitglieder auch Sponsoren bleiben und auch in Zeiten knappen Geldes die gelben Räder rollen können. Er durfte die Urkunde als Ehrenmitglied es Vereins in Empfang nehmen.

Als besonderes Geschenk freuten sich die Geehrten über eine Collage mit allen Briefmarken der Bundespost, die als Motiv die Kissinger Postkutsche zeigen. Schriftführer und Briefmarkenexperte Eckart Spiller hat sie gestaltet.

Riesig gefreut über die öffentliche Anerkennung hat sich auch Hans Körner, der mit Ehefrau Yvonne und - seit diesem Jahr neu - mit Paulina Klöffel, die Kutscherinnen ausgebildet hat, nicht nur die Pferde versorgt, sondern wie Thomas Leiner sagt, mit der Postkutsche auch sein Lebenswerk geschaffen hat.