Die Hexenverfolgung ist eines der schwärzesten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Mit Erscheinen des "Hexenhammers" im Jahre 1487 wurde die Verfolgung von angeblichen Hexen auf den Höhepunkt getrieben und forderte in der Folge geschätzt zwischen 40.000 und 60.000 unschuldige Menschenleben. Im fuldischen Herrschaftsgebiet, zu dem auch Bad Brückenau bis ins 19. Jahrhundert gehörte, war Zentgraf und "Hexenrichter" Balthasar Nuß die zentrale Figur der Hexenprozesse.
Er allein war für die Ermordung von rund 250 Menschen verantwortlich.

"Hexenrichter" aus Brückenau

Geboren wurde er um 1545 in Brückenau. Da er sich um die Summe von 2358 Gulden aus dem Privatbesitz seiner der Hexerei angeklagten und hingerichteten Opfer bereicherte, wurde er schließlich selbst inhaftiert und nach 13 Jahren Haft im Dezember 1618 öffentlich enthauptet.

Ein Jahr zuvor starb auf würzburgischer Seite einer, der nicht weniger zimperlich war. Der berühmte Bauherr und Fürstbischof von Würzburg, Julius Echter, war für die Hinrichtung von geschätzten 300 der Hexerei beschuldigten Menschen verantwortlich. Die letzte fränkische "Hexe", die Nonne Maria Renata Singer, wurde 1749 in Würzburg hingerichtet.

Der Hexenglaube in der Bevölkerung hielt sich allerdings länger, sogar bis deutlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein (siehe Bericht im Spiegel von 1948 rechts). In den langen und dunklen Winternächten der Rhön wurde so manche Hexengeschichte zum besten gegeben und fiel auf fruchtbaren Nährboden. In der Wirtschaft oder in den beliebten Spinn- oder Strickstuben kam man zusammen und erzählte sich schauriges. Gerade die Kinder hörten hier oft genau hin. Viele entsinnen sich noch an die alten Geschichten rund um die Rhöner Hexen.

94-Jähriger erinnert sich

In Schönderling gab es gleich mehrere Personen, die der Hexerei bezichtigt wurden. Mit dem Satz der oder die "konn ebbes" (kann etwas) deutete man an, dass eine Person dunkle Fähigkeiten habe. Oft waren dies alleinstehende, ältere Frauen, aber auch einen "Hexenmeister" soll es im Ort gegeben haben. Josef Gerlach, 94 Jahre alt, erinnert sich noch, als er im Alter von etwa zehn Jahren beim Nachbarn in der "Wirtsmühl" als Knecht aushalf. Eines Tages kam der Mann aus dem Dorf des Wegs, der als Hexenmeister verrufen war.

Er sah den Jungen und sagte: "Seppele, ich bräucht amol e Miestgoawel". Der junge Gerlach lieh die Mistgabel her und berichtete dies später dem Wirtsmüller Kilian Kronewald, der davon gar nicht begeistert schien, denn am Vortag war dem Müller, der auch Landwirt war, ein Kalb geboren worden. Und einem altem Aberglauben zufolge durfte man neun Tage nichts verleihen, wenn einer Frau ein Kind geboren war oder eine Kuh gekalbt hatte.

Vermutlich nur ein Streich

Tatsächlich starb das Kalb kurz darauf und wurde umgehend begraben. Bald erschien der "Hexenmeister" erneut und fragte Gerlach nun, ob er wisse, "wohin die Wirtsmüllersch ihr Kalb vergraben haben". Er selbst, so Gerlach, hat nie an solche Dinge geglaubt, "aber des is mir weng komisch vürkomme".

Eine häufig erzählte Geschichte quer durchs Land berichtete über Pferde, deren Schweif und Mähne geflochten waren. "Die Gäul woann gezöbbd (gezopft)", hieß es. Die Pferde seien zudem "schweißnass und unruhig und zu keiner Arbeit mehr zu gebrauchen" gewesen. Wurde zudem noch eine Katze im Stall gesichtet, war die Sachlage eindeutig: Hier war eine Hexe am Werk, in Wirklichkeit dürften sich eher junge Burschen einen nächtlichen Scherz erlaubt haben.

Viele Dorfbewohner glaubten laut Gerlach auch, Hexen "vergruben etwas im Stall, damit die Kühe blutige Milch geben". Zur Abwehr gab man dem Vieh etwas vom "Würzbüschel", einem geweihten Strauß aus Kräutern und Blumen, ins Wasser oder Futter oder räucherte den Stall damit aus. Den Wohnort einer Hexe glaubte man an "zönnerschdöwerschd" - also verkehrt herum - stehenden Reisigbesen zu erkennen. Auch durfte man zu einer Hexe nie dreimal in Folge "Ja" sagen, sonst hätte sie einen in ihrer Gewalt.

Gewagte Schlussfolgerungen

Aus Platz stammen folgende Hexengeschichten: Als einmal ein Wagen feststeckte und nicht mehr vorankam, stellte man fest, dass ein Rad "eine Speiche zuviel" hatte. Man schlug die überzählige Speiche mit der Axt aus und die Fahrt ging wieder weiter. Zurück im Dorf erzählten sich die Leute, dass sich eine alte Frau das Bein gebrochen habe. Das musste folglich die Hexe sein, die das Wagenrad verhext hatte.

Zum üblichen Hexenwerk gehörte auch das "Läuse-hexen". Jemand, dem angeblich Läuse angehext wurden, bekam die Empfehlung, diese ins Ofenfeuer zu werfen. Kurz darauf wurde bekannt, dass sich eine alte Frau im Dorf das Gesicht verbrannt hatte. Auch soll einmal ein Mann eine Katze mit der Mistgabel erstochen haben. Tags darauf erfuhr man, dass eine alte Frau im Dorf gestorben war. Einem ganz banalem Ereignis konnte in einem solchen Kontext also plötzlich eine ganz andere Bedeutung zukommen.

Im 21. Jahrhundert angekommen, ist das Thema Hexen - zumindest in Deutschland - kein Thema mehr. In anderen Ländern gehört solcher Aberglaube dagegen oft noch zum Alltag.