Vor 80 Jahren, am 24. April 1942, wurden 23 jüdische Männer und Frauen aus Bad Kissingen zusammen mit 21 weiteren Juden aus dem Landkreis in das Durchgangslager Kraśniczyn in Polen deportiert. Zum Gedenken an diese vom Nazi-Regime ermordeten Mitbürger und alle anderen Bad Kissinger Opfer des Holocausts hatte die Stadt gemeinsam mit dem jüdischen Kurheim Beni Bloch, der Zentralwohlfahrtsstelle des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der katholischen und evangelischen Kirche am 80. Jahrestag der Deportation zu einer öffentlichen Gedenkveranstaltung eingeladen. Diese war zugleich der Bad Kissinger Auftakt zu der vor 20 Jahren eingeführten landkreisweiten Veranstaltungsreihe "Jüdische Kulturtage".

Früh am Morgen des 24. April 1942 wurden die 23 Kissinger Frauen und Männer mit der Reichsbahn nach Würzburg zur Sammelstelle am Platz'schen Garten gebracht, berichtete Zweiter Bürgermeister Anton Schick in seiner kurzen Gedenkrede am Bad Kissinger "Denkort Deportationen" in der Maxstraße, bis zum Frühjahr 1939 Standort der repräsentativen Synagoge. Nach Leibesvisitationen, Durchsuchung der wenigen Gepäckstücke, die die Nazis den Juden mitzunehmen erlaubt hatten, weiteren Zugfahrten und einem 15 Kilometer langen Fußmarsch zum Durchgangslager Kraśniczyn nahe Lublin wurden sie alle wahrscheinlich ins Vernichtungslager Sobibór verschleppt und dort ermordet.

Im Mai 1942 wurden von den noch in Bad Kissingen verbliebenen 19 jüdischen Senioren 18 Männer und Frauen ins Konzentrationslager Theresienstadt bei Terezín (heute Tschechien) deportiert. "Wer hier nicht ums Leben kam, wurde später nach Auschwitz abgeschoben und ermordet", schilderte Schick in wenigen Worten das damalige Grauen. Lediglich die Kissingerin Emilie Schloß überlebte als einzige die Deportation nach Theresienstadt. "Alle Opfer waren Menschen, die sich über viele Jahrzehnte hinweg für ihre Heimatstadt eingesetzt haben", würdigte der Bürgermeister deren Engagement am 80. Jahrestag ihrer Deportation.

Auf welche Weise jeder einzelne jüdische Bürger Bad Kissingens sich für seine Heimatstadt eingesetzt hatte, erfuhren die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung durch Verlesen der jeweiligen Biografien beim anschließenden Rundgang zu drei Häusern am Marktplatz, einem in der Badgasse und dem jüdischen Gemeindehaus, vor deren Eingängen in vergangenen Jahren eine Bürgerinitiative Stolpersteine zur Erinnerung an die damaligen jüdischen Bewohner verlegt hatte.

So war vor dem früheren Wohn- und Geschäftshaus des Kaufmannspaares Daniel und Anna Liebmann (Untere Marktstraße 1) aus dessen Biografie zu hören, das dem Ehepaar damals die für die Auswanderung in die USA die dafür nötige Bürgschaft verwehrt wurde, so dass beide ihrem Schicksal der Deportation am 24. April 1942 nicht entkommen konnten.

Nur wenige Schritte weiter, am Marktplatz 17, stand das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Kissinger, in dem Max Kissinger und später sein Sohn Albert ein renommiertes Herrenkonfektionsgeschäft betrieben. Max Kissingers Kinder Selma und Ludwig wurden ebenfalls Opfer des Holocausts: Selma kam mit Ehemann Wolff im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmo) um, Ludwig im Vernichtungslager Sobibór.

Schräg gegenüber vor dem Haus Marktplatz 2, dem einstigen Wohnsitz des Textilkaufmanns Solms Heymann und Ehefrau Adele, die beide im Ghetto Theresienstadt umkamen, hörten die Teilnehmer Zitate aus dem verzweifelten Brief des 84-jährigen Heymann an den früheren christlichen Synagogendiener Hugo Albert vor seiner Verbringung ins Würzburger Altersheim: "Mit Tränen in den Augen, in höchster Erregung schreibe ich diese Zeilen! .... Außer einigen Möbelstücken, das Allernotwendigste, muss alles hierbleiben!!! Da steht einem der Verstand still, am liebsten nehmen wir uns das Leben!!"

Auch Hermann und Sara Baumblatt wurden aus ihrem Haus Badgasse 4 vertrieben, wo das Ehepaar seit 1896 eine Bäckerei führte. Nach Verbringung in eine Sammelunterkunft in Würzburg wurden die Eheleute am 10. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo die 75-jährige Sara nur wenige Tage nach der Ankunft am 24. September starb. Ihr drei Jahre älterer Ehemann überlebte sie nur um zwei Monate.

Der knapp einstündige Rundgang endete vor dem jüdischen Gemeindehaus in der Promenadestraße 2 vor den Stolpersteinen der Familie Neustädter. Gustav Neustädter war seit 1937 Kantor und ab Anfang 1939 der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Auch er war zusammen mit Ehefrau Paula und seinem in Bad Kissingen verbliebenen 16-jährigen Sohn Ernst David vor genau 80 Jahren nach Kraśniczyn deportiert worden.

Diese fünf für den Rundgang ausgewählten Familien standen stellvertretend für die mindestens 147 Opfer des Holocausts in Bad Kissingen. Darin nicht enthalten sind all jene jüdischen Kissinger, die frühzeitig in anderen deutschen Städten oder im europäischen Ausland Zuflucht gesucht hatten, aber dann doch von dort in die Vernichtungslager deportiert wurden. Im Gedenken an alle Opfer sang zum Abschluss der Gedenkveranstaltung der in Bad Ems lebende und momentan in Bad Kissingen urlaubende Kantor und Maschgiach Joseph Pasternak das hebräische Gebet "Yizkor" (Erinnerung).