An der Anton-Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen unterrichten Tatjana Strak und ein Kollege derzeit etwa 20 Kinder und Jugendliche, die aus der Ukraine geflohen sind. Die Aufnahme klappt gut. Das scheint aber nicht die Regel zu sein.

"Es ist nicht zu stemmen. Wir haben einen Lehrermangel an Grund-, Mittel- und Förderschulen", sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV).

Trotzdem sei es kein Widerspruch, als sie sagt: "Wir wollen, wir müssen den Kindern eine Heimat in den Schulen bieten. Wir haben die Verantwortung für die Gesellschaft, für Bayern, für unsere Profession. Wir nehmen die Verantwortung an."

Lehrermangel

Der Lehrermangel, die Belastungen durch die Pandemie, zahlreiche Zusatz-Aufgaben im Schulalltag: Das sei ein enorm herausforderndes Konglomerat. "Wir wissen selbst nicht, wo hinten und vorne ist."

Der Lehrermangel, besonders an Grund-, Mittel- und Förderschulen besteht nicht erst seit dem Krieg. Es gebe Schulleiter, die sagten: "Die sechs ukrainischen Kinder bekommen wir auch noch versorgt.Wir haben hier sechs Klassen, die nicht versorgt sind."

"Es ist hinten und vorne eine Flickschusterei." Der Lehrermangel führe an manchen Schulen dazu, dass zahlreiche Lehrkräfte doppelt arbeiten müssten. Es gebe Situationen, da betreue eine Lehrkraft 60 Schülerinnen und Schüler in der Aula.

Klar sei, sagt Fleischmann: Die Kinder und Jugendlichen dürften nicht die Leidtragenden sein, die es ausbaden. Nicht alle ukrainischen Kinder wollten zur Schule gehen. Manche fragten: "Wo ist mein Papa?" Andere sagten: "Ich will meinen Abschluss machen."

Deutsch-Ukrainische Materialien online

Wie viele ukrainische Kinder es gibt, die im Moment online lernen und virtuell von ukrainischen Lehrkräften unterrichtet werden, kann derzeit niemand genau sagen. Noch ist offen, was etwa mit den ukrainischen Schülern passiert, die dieses Jahr ihren Abschluss machen. Es gibt aber das ukrainische Bildungsangebot lms.e-school.net.ua, auf dem es auf Ukrainisch Lehrmaterial für die Klassen 5 bis 11 gibt. Digitale Deutsch-Ukrainisch-Materialien werden extrem nachgefragt. Die Ukraine sei im digitalen Lernraum wesentlich professioneller unterwegs, sagt die Präsidentin des BLLV.

Jeden Tag neue Schülerinnen und Schüler

Zurück an die Mittelschule Bad Kissingen: "Jeden Tag kommen neue Schülerinnen und Schüler an die Schule", sagt Rektor Hans-Jürgen Hanna. Etwa 30 Kinder und Jugendliche sind für Bad Kissingen und Umgebung registriert, sie besuchen derzeit aber noch nicht den Unterricht. Die Schulpflicht greift ab einem dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland.

Die Schüler, die jeden Tag von 8 bis 11 Uhr an die Mittelschule kommen, sollen erst mal ankommen. Vor ein paar Tagen haben sie Bad Kissingen angeschaut. Außerdem lernen die Schüler, sich vorzustellen und etwas Basiswortschatz. Verständigungsprobleme gibt es kaum: Lehrerin Strak spricht Russisch und versteht Ukrainisch. Einige Jugendliche könnten auch ganz gut Englisch, manche hätten Deutsch sogar als Fremdsprache gelernt. Der Krieg werde nicht explizit angesprochen, sagt Hanna. Das Ziel: "Die Schüler sollen die Angst verlieren, sich wohlfühlen und Sicherheit gewinnen."

Mittelschule Bad Kissingen

Dazu tragen auch die Schüler selbst bei. An der Mittelschule gehen derzeit Kinder und Jugendliche aus 38 Nationen zur Schule. "Wir haben in jeder Jahrgangsstufe acht bis zehn Schüler, die sich mit den ukrainischen Schülern verständigen können."

Pädagogische Willkommensgruppen

Nach den Osterferien soll es "Willkommensgruppen" geben, die schulartunabhängig nach dem Alter gegliedert sind. Jede Schule soll ein Drittel der Schüler aufnehmen: die Mittelschule (5. bis 10. Klasse), die Realschule (5.-7.) und das Jack-Steinberger-Gymnasium (8. bis 10. Klasse).

So organisiert der Landkreis Bad Kissingen die Schüler

Im Landkreis Bad Kissingen hat sich eine Steuerungsgruppe gebildet, die die Zuteilung vornimmt und die aus den Schulleitern Markus Arneth (Gymnasium) und Torsten Stein (Realschule) und der Schulamtsdirektorin Cornelia Krodel (Landratsamt) besteht.

Das Landratsamt weist daraufhin: "Das Schulamt schreibt die Eltern an." In dem Brief stehe dann, wann und in welche Schule Kinder gehen können. Die Voraussetzung dafür sei, dass sich die Eltern mit ihren Kindern beim Einwohnermeldeamt registrieren lassen.

Diejenigen Jugendlichen, die ausreichend Deutsch sprechen, sollen in die Regelklassen integriert werden. Der Großteil wird wahrscheinlich in den Willkommensgruppen bleiben. Für den Unterricht muss neues Personal eingestellt werden. In Betracht kommen Dritt- und Unterstützungskräfte, Lehramtsstudierende, pensionierte Lehrkräfte oder auch Personen, die berufliche Erfahrungen in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen haben (etwa Sozialpädagogen). Ob sich genügend finden, muss sich zeigen.

Kommentar von Charlotte Wittnebel-Schmitz

Wer unterrichtet die ukrainischen Kinder und Jugendlichen? Die derzeitigen Lehrerinnen und Lehrer werden es kaum noch zusätzlich übernehmen können. Sie sind ohnehin ständig damit beschäftigt, ihren eigenen Klassen gerecht zu werden und zahlreiche Vertretungen und Zusatz-Aufgaben zu übernehmen. Lehrer sind spätestens nach zwei Jahren Pandemie erschöpft und am Limit ihrer Kraft.

Und bitte jetzt keine "Lehrer haben ständig Ferien" und "arbeiten nur am Vormittag"-Vorurteile. Viele Lehrer sind bienenfleißig, überaus engagiert und gehen viel zu oft über ihre Grenzen. Sie geben häufig alles, um sich um ihre Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Natürlich: An jeder Schule gibt es faule Kollegen, wohl auch deshalb halten sich Vorurteile.

Der Lehrermangel, der vor allem Grund-, Mittel und Förderschulen betrifft und sich jetzt durch die vielen ukrainischen Kinder und Jugendlichen weiter zuspitzt, ist seit Jahren existent. Er ist von der Staatsregierung selbst verschuldet.

Ein Beispiel: Jungen Gymnasiallehrern ist jahrelang zu Beginn ihrer Ausbildung gesagt worden: "Ihr findet nach dem Referendariat eh keine Stelle. Alles voll. Euch braucht keiner." Nach dem Referendariat wurden sie mit Kurzzeitverträgen, Zweitqualifizierungsmaßnahmen und einer schlechteren Bezahlung, als es ihrer Ausbildung entspricht, abgespeist. Viele wandern in andere Bundesländer ab.

Nun werden denjenigen, die neu angeworben werden müssen, um ukrainische Schüler zu unterrichten, wieder nur Verträge bis zu den Sommerferien zugesichert. Da muss sich das Land Bayern nicht wundern, wenn gut ausgebildete Lehrer Mangelware sind.