Am alten Forsthaus in Untergeiernest zweigt eine unscheinbare Straße von der B27 ab. Sie führt zu einem abgelegenen Flecken Erde im oberen Schondratal. Wo der Leichtersbach und die Schondra zusammenfließen, steht der kleine Weiler Schmittrain, der schon immer nur aus zwei Häusern besteht.

Beide hier ansässigen Familien heißen mit Nachnamen "Müller", sind aber nicht miteinander verwandt. Differenziert wird - wie in der Region üblich - seit alters her über die Hausnamen, welche in diesem Fall von den jeweiligen Berufen entlehnt wurden. Die einen, Besitzer der Schmittrainer Mühle, sind die "Müllersch", die anderen, hangwärts gelegenen, die "Bauesch".

Liaison mit Müllerstochter


Um 1878 ging die Mühle in den Besitz von Martin und Franziska Müller über, deren Nachfahren bis heute noch hier leben.Die Lebensgeschichte von Martin und Franziska Müller ist ungewöhnlich. In Familienkreisen wurde überliefert, dass der gebürtige Schondraer Martin Müller in der Veitenmühle im Mühlgrund als Knecht arbeitete und dort mit der Müllerstochter Franziska Kleinhenz anbandelte. Als diese schwanger wurde, wollten beide heiraten. Dem Müller war der Knecht aber scheinbar nicht gut genug - und er sprach sich gegen eine Verbindung der beiden aus.

Das junge Paar entschied, heimlich nach Amerika auszuwandern, was es am 28. März 1873 mit dem Schiff "America" aucht tat. Von Bremen aus ging's nach New York. Einzig der Pfarrer war eingeweiht worden. Er hatte den Auftrag, den Eltern später von der heimlichen Abreise in die Neue Welt zu berichten.

Auf der Passagierliste gaben sie sich bereits als Martin und Franziska Müller aus, doch verheiratet wurden sie erst am 14. Juni 1873 in der St. Francis Church in Trenton, New Jersey. Dort lebten sie fortan. Fünf Wochen nach der Hochzeit kam ihr Sohn Josef zur Welt, zwei Jahre später Sohn Johann.

Aus mündlichen Überlieferungen ist bekannt, dass sie sich zwar eine Existenz aufgebaut hatten, aber die Sehnsucht nach der Heimat größer war. Schließlich kehrten sie nach Deutschland zurück. Die Eltern - glücklich über die Heimkehr - sollen ihnen damals mit dem Kauf der Schmittrainer Mühle einen Neustart in der alten Heimat ermöglicht haben.

Mühlrad dreht sich nicht mehr


Martin Müller wurde in der Umgebung offenbar als "es Märtle" bekannt. Der Name war auch für die Nachfahren Martin Müllers gebräuchlich. Noch heute erinnern sich manche Schönderlinger daran, dass es zum "Märtle" ging, wenn man nach Schmittrain fuhr.

Martin Müllers dritter Sohn, Anton Müller, wurde 1878 in der Mühle geboren. Es folgten acht weitere Kinder. Anton Müller trat später in die Fußstapfen des Vaters und übernahm die Mühle als Müller. Es folgten Antons Sohn Otto Müller und Enkel Hans-Josef Müller als Besitzer der Mühle. Heute gehört sie seinem Urenkel Martin Müller. Er trägt den Namen seines Ururgroßvaters. Als Waldarbeiter hat er mit dem Mühlhandwerk allerdings nichts mehr zu tun.

Der Mühlbach liegt mittlerweile trocken, und das riesige Mühlrad dreht sich schon lange nicht mehr. Die Idylle und Ruhe hier im abgelegenen Tal der Schondra haben sich allerdings bis heute erhalten.