In Bad Kissingen kennt man den katholischen Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs (69) weniger als Autor humorvoller Sachbücher, eher bis 2019 als ernsthaften Professor der Universität Würzburg und Dozenten der hiesigen Seniorenuniversität. Doch nach seinem Buch "In der Bahnhofsgaststätte. Ein literarisches Menü in zwölf Gängen" (2018) wagte sich der Theologe erneut an die Weltliteratur und veröffentlichte kürzlich sein "vorwiegend heiteres bis boshaftes" Buch "Spitznamen in der Literatur", das nach Meinung des Verlags auch "zu herzhaftem Gelächter führen" kann.

Der kleine Band enthält nicht nur eine Sammlung unterschiedlich gearteter Spitznamen aus verschiedenen Genres klassischer und zeitgenössischer Romane und Erzählungen, sondern bietet auch, belegt mit Passagen aus jeweiligen Büchern von Andersen bis Zweig, eine Erklärung oder zumindest den Deutungsversuch für ihr Entstehen.

Kein Beiname ist besonderes Pech

So unterteilt der Autor seine erklärtermaßen unvollständige Sammlung von fast 300 Namen in thematisch geordnete Gruppen und erklärt unter anderem, "wie aus schönen Namen blöde Spitznamen werden", erinnert an bekannte Lehrer in literarischen Werken, die oft unter ihrem Beinamen bekannter waren als unter richtigen Namen, oder erzählt vom Pech mancher Mitmenschen, gar nicht mit Spitznamen bedacht worden zu sein.

Was vordergründig humorvoll scheint, aber durchaus ernst ist, zeigt sich in anderen Kapiteln des Buches wie über religiöse oder rassistische Spitznamen oder solche transvestierenden, erotischen und sexuellen Ursprungs.

Wenn der Spitzname erdet

"In gewisser Weise ähnelt der Spitzname einer Karikatur, in der ja auch etwas Besonderes, Auffälliges und Typisches einer Person .... mit spitzer Feder gezeichnet wird", stellt Guido Fuchs einleitend fest. Gerade im schulischen Bereich wurden früher die "göttergleichen Gymnasialprofessoren" durch eigenwillige Spitznamen wieder "geerdet und auf menschliches Maß gebracht". Wer erinnert sich nicht an Physiklehrer "Bömmel" in Heinrich Spoerls "Feuerzangenbowle" (1933) oder an Professor Raat, dessen Spitzname "Professor Unrat" (1905) sogar Titel des Romans von Heinrich Mann wurde.

Nicht nur Lehrern bleibt ihr Spitzname oft über Schüler-Generationen erhalten, auch literarische Figuren behalten ihn über Jahre wie man an Hansjürgen Weidlichs Romanen "Der Knilch und sein Schwesterchen" (1958) und dem Folgeband "Herr Knilch und sein Fräulein Schwester" (1965) erkennen kann.

Dies gilt auch für Emmy von Rhodens Mädchen "Trotzkopf", die sogar noch im vierten Band als Großmutter diesen Beinamen ertragen muss. Ist dies noch annehmbar, dürfte die aus dem Doppelnamen Lamar-Schadler entstandene Wortschöpfung "Lahmarsch-Adler" in Eva Hellers satirischen Roman "Beim nächsten Mann wird alles anders" (1987) für diese Person weniger angenehm sein.

Doch nicht nur literarische Figuren wurden von Autoren mit Spitznamen bedacht. Selbst manche Erzähler blieben der Nachwelt mit solchem in Erinnerung - wie etwa der "Lügenbaron" Münchhausen oder der "Zauberer" Thomas Mann. Wer sich für die Entstehung und Bedeutung von Spitznamen interessiert, vielleicht sogar selbst mit einem solchen leben muss und sich dazu für Literarisches begeistert, wird mit dem Buch "Spitznamen in der Literatur" von Guido Fuchs und zwölfseitigem Quellennachweis sicher seine Freude haben.