Allerseelen, Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag: Der November ist der Monat, in dem Trauer und Tod großen Raum einnehmen. "Es ist eine Zeit, mit der ich sehr achtsam umgehe", sagt die freie Trauerrednerin und Begräbnisleiterin Ilona Schneider aus Diebach. Jenseits der christlichen Feiertage gebe es auch in der Natur viele Anknüpfungspunkte für die Trauerarbeit mit Hinterbliebenen, etwa das fallende Laub: "Überall, wo etwas vergeht, wächst etwas Neues", weist die 56-Jährige auf den Kreislauf der Natur hin. Das sei für viele ein tröstender Gedanke voller Hoffnung und Zuversicht.

In Schondra aufgewachsen

Ilona Schneider ist im Hauptberuf technische Fachwirtin, arbeitet bei einem Automobil-Zulieferer in der Konstruktion. "Trotzdem haben wir ja alle einen spirituellen Weg hinter uns", blickt sie auf ihr Leben zurück. Als ältestes von sechs Kindern wuchs sie in Schondra auf. "Ich komme aus einem typisch christlichen Elternhaus." Das präge sie bis heute, trotzdem könne sie nachvollziehen, wenn sich Menschen von der Kirche abwenden und Angehörige bei der Trauerfeier neue Wege gehen wollen.

Weil Mädchen damals in der Rhön noch keine Ministrantinnen werden durften, wurde sie bereits mit 16 Jahren Lektorin. "Ich war damals die erste Lektorin in Schondra." Später machte Ilona Schneider eine Ausbildung zur Wortgottesdienstleiterin, später studierte sie in einem Fernkurs sogar Theologie. "Das durfte ich damals aber nicht abschließen", berichtet die 56-Jährige auch über Hindernisse in der katholischen Kirche.

Frühe Erfahrungen mit dem Tod

Stark geprägt habe sie der Tod einer befreundeten Fußballspielerin mit Mitte 20: "Sie hatte damals ihre Beisetzung komplett vorbereitet", erinnert sich Ilona Schneider. Lieder, Gebete und persönliche Worte der Verstorbenen hätten die Hinterbliebenen sehr bewegt. Ilona Schneider lebt seit gut 30 Jahren in Diebach, ein weiterer Einschnitt sei die Geburt ihrer gehörlosen Tochter gewesen: "Dadurch habe ich sehr viel lernen können", fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. Unter anderem halte sie regelmäßig Andachten in der Lebenshilfe und achte auf eine stark vereinfachte Sprache.

Bis heute arbeitet Ilona Schneider ehrenamtlich in der katholischen Kirche. Unter anderem machte sie eine Ausbildung zur Begräbnisleiterin: Außer dem Requiem dürfe sie alles beisteuern, was zum letzten Weg eines Menschen gehöre. Außerdem habe sie bei den Maltesern eine Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin absolviert. Immer wieder sei bei ihrer Arbeit das Thema Geld aufgetaucht: "Es war ein langer Prozess, auch mal Geld anzunehmen", sagt die 56-Jährige heute. Weil aber immer mehr Anfragen außerhalb der ehrenamtlichen Arbeit in der katholischen Kirche kamen, habe sie sich im Jahr 2016 freiberuflich selbstständig gemacht und dafür die Arbeitszeit in ihrem Hauptberuf reduziert.

Mehr Zeit für Vorbereitungen

"Besonders wichtig ist mir, dass mit dem Abschied der heilsame Trauerweg eröffnet wird", beschreibt Ilona Schneider ihr Vorgehen. Mit Angehörigen nehme sie entweder durch direkte Anfragen oder über Bestatter Kontakt auf. Hilfreich für ihre Arbeit sei der große Trend zur Urnenbeisetzung. Dadurch bleibe mehr Zeit für die Vorbereitungen. Während der Corona-Beschränkungen seien die Urnen-Beisetzungen zum Teil erst Monate nach dem Tod des Menschen nachgeholt worden.

Immer wichtiger seien den Angehörigen individuelle Formen der Trauerfeier: Friedhof oder Ruheforst, freie Trauerreden oder Gebete, weltliche oder geistliche Lieder, Tonband oder Live-Musik. "Dadurch, dass ich noch in der Kirche bin, kann ich den Menschen viel mitgeben", fasst Ilona Schneider ihr Angebot zusammen. Wichtig sei dabei ein Trauergespräch mit den Angehörigen, bei dem sie viel über den Verstorbenen erfrage. Das fließe dann direkt in die Vorbereitung ein: "War er eher eine Eiche, eine Buche oder eine Fichte?" laute etwa eine zunächst abstrakte Frage, die für die Auswahl eines Baumes in Ruheforsten wie in Eckarts oder in Fuchsstadt eine Rolle spiele. Auch bei der Musik gebe es keine Grenzen: Die einen möchten lieber die Vögel zwitschern hören, andere bevorzugen Kirchenlieder, Klassik oder Rock. "Ganz wie es der Verstorbene vermutlich geliebt hätte."

Hilfe für Hinterbliebene

Deshalb sei es eine große Hilfe, wenn sich Menschen bereits vor ihrem Tod mit ihren Angehörigen austauschen. Patientenverfügungen seien mittlerweile üblich, aber Ilona Schneider ermuntert auch dazu, über den Tod hinaus zu planen. "Das ist für die Hinterbliebenen eine große Hilfe, das macht es später allen leichter", weiß sie. Umso schlimmer sei es gewesen, dass während der Corona-Pandemie der Kontakt unmittelbar vor dem Tod in Krankenhäusern und Pflegeheimen unmöglich war.

Besonders schwer ist Ilona Schneider die Auseinandersetzung mit dem Tod noch ungeborener Kinder gefallen. Für die Beisetzung dieser so genannten Sternenkinder habe es früher in der Kirche keine Lösung gegeben. Ilona Schneider ist froh, dass sich das mittlerweile geändert hat und auch diesen Eltern ein Raum der Trauer gewährt wird. "Rituale sind wichtig", nennt die freie Trauerrednerin einen roten Faden, der sich durch ihre gesamte Arbeit ziehe. Selbst Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, wünschten sich auch mal ein "Vater unser" oder ein Marienlied. Und selbst im Ruheforst gebe es oft Würdigungen vom ehemaligen Arbeitgeber oder von Vereinen in der Trauerfeier.

Und wie geht Ilona Schneider selbst mit dem Thema um? "Ich habe keine Angst vor dem Sterben und vor dem Tod", sagt sie spontan. Durch Meditationen und Spaziergänge, etwa durch den herbstlichen Wald mit den fallenden Blättern, könne sie die schwierigen Begegnungen gut verarbeiten.

"Trend zu Individualität"

"Ein würdiger Abschied kann sehr tröstlich sein", sagt auch der Bad Kissinger Bestatter Rüdiger Fehr, der selbst seit 25 Jahren Trauerredner ist. Auch er stellt vor allem einen "großen Trend zur Individualität" fest. "Wir sehen uns als christliches Bestattungsinstitut, aber wir gehen auf alle Wünsche ein", sagt Fehr. Ein weiterer Trend, der vermutlich auch nach der Corona-Pandemie bleibe, sei die Beisetzung in kleinem Kreis. Für viele Angehörige sei es schlimm gewesen, keine große Beisetzung feiern zu können, andere würden dagegen immer öfter sogar mit der Todesanzeige bis nach der Beisetzung warten.

Auch einige Einschränkungen seien bis heute geblieben: Auf das Auslegen von Kondolenzbücher oder den Erdwurf etwa verzichtet das Bestattungsunternehmen Fehr bis heute aus hygienischen Gründen, und Sterbebilder würden persönlich ausgegeben. Insgesamt freut sich Rüdiger Fehr über die Änderungen in der Bestattungskultur: "Wir haben eine gute Mischung aus Traditionen und modernen Impulsen."