Wintersport im Sommer? Für Samuel Kraatz aus Westheim ist das absolut ein Thema. Der 17-Jährige lebt und trainiert im thüringischen Oberhof dafür, vielleicht einmal im großen Biathlon-Zirkus anzukommen. Im Steilpass-Interview berichtetet der Schüler, wie nahe er seinem Ziel schon gekommen ist, warum Sommertraining enorm wichtig ist und ob er sein großes Idol schon getroffen hat.

Herr Kraatz, wer hat Sie angespielt?

Samuel Kraatz Angespielt wurde ich von Markus Unsleber. Der ist mit meinen Eltern befreundet und ich habe mich schon öfter mit ihm über meinen Sport unterhalten. Er ist sehr interessiert an meiner Karriere. Da ich weiß, wie weh es tut, wenn man Tag für Tag im Training an seine Grenzen und darüber hinaus gehen muss, bin ich total beeindruckt, was Markus in seinem Leben schon alles sportlich erreicht hat.

Wie sieht Ihr Laufweg aus?

Ich habe mich 2016 - nach einem Schnuppertraining in Oberhof - entschieden, mit Biathlon anzufangen. Anfangs trainierte ich großteils zu Hause in Westheim und war nur zu den Schülerwettkämpfen auf Landesebene Thüringen und zu vereinzelten Trainingseinheiten in Oberhof. Hier war ich sehr schnell erfolgreich und qualifizierte mich ab der Altersklasse 13 für den deutschen Schülercup. 2018 wechselte ich in meinem vorletzten Schülerjahr ans Sportgymnasium nach Oberhof. Anfangs schoss ich noch mit dem Luftgewehr und seit zwei Jahren mit dem Kleinkalibergewehr. Meine größten Erfolge bisher sind Podestplätze und Einzelsiege im Schülercup und Deutschlandpokal und der Sieg im Nordcup 2020.

Wie stellt sich Ihr Alltag in Oberhof dar? Leben Sie immer noch im Internat?

Ja, ich wohne immer noch im Internat des Oberhofer Sportgymnasiums, das sich direkt gegenüber der Schule befindet. Mein Tagesablauf ist eng getaktet und fast jeden Tag derselbe: Um 6.10 Uhr klingelt mein Wecker, woraufhin ich zum Frühstück gehe. Danach packe ich meine Schulsachen, denn der Schulbeginn ist um 7.10 Uhr. Ich habe in der Woche 22 Schulstunden, die von Montag bis Freitag über die Woche verteilt sind. Entweder habe ich einen langen oder einen kurzen Schultag. Der lange Schultag geht bis 13.10 Uhr. Danach gibt es Mittagessen, bevor wir anschließend am Nachmittag eine Trainingseinheit absolvieren. Am kurzen Schultag geht die Schule nur bis 9.35 Uhr, was eine zusätzliche Trainingseinheit am Vormittag ermöglicht. Nach dem Training wird zu Mittag gegessen und danach noch eine Nachmittagseinheit absolviert. Das Trainingsdauer liegt zwischen einer und drei Stunden, weil die unterschiedlichen Trainingseinheiten in der Länge variieren können. Abendessen gibt es an beiden Tagen ab 17.30 Uhr. Daraufhin haben wir Freizeit bis zur Nachtruhe um 22.30 Uhr, in der ich mich meinen Hausaufgaben widme, lerne oder mit Freunden treffe. Je nach Wettkampfphase habe ich in manchen Wochen zusätzlich noch Training am Samstag.

Haben Sie bei diesem eng getakteten Ablauf überhaupt Zeit, nach Westheim zu fahren?

Immer wenn ich trainingsfrei und keine Wettkämpfe habe, komme ich am Wochenende nach Westheim. Den Großteil meiner freien Zeit nutze ich für Regeneration. Ansonsten treffe ich mich mit meinen Freunden, schaue beim FC Westheim gerne beim Fußball zu und genieße die Zeit, wenn ich bei meiner Familie bin.

Nachdem Sie schon vier Jahre in Oberhof sind: Wie reell ist der Traum vom großen Biathlon-Zirkus für Sie?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Natürlich ist dieser Traum da. Ich versuche allerdings in kleineren Schritten zu träumen. Mein nächster kleiner Traum ist es, in den Nachwuchskader des DSV zu kommen. Dieser ist Voraussetzung, um internationale Wettkämpfe bestreiten zu können. Hierzu brauche ich vor allem Gesundheit und sicherlich auch ein Quäntchen Glück. Sollten in den nächsten Jahren mehrere kleine Träume in Erfüllung gehen, dann könnte es vielleicht mit dem großen Traum funktionieren.

Wo sehen Sie sich in Ihrer sportlichen Entwicklung derzeit? Konnten Sie schon in höhere Sphären vorstoßen?

Mit meiner sportlichen Entwicklung bin ich zufrieden. In der Teildisziplin Laufen bin ich gut drauf und kann mit der deutschen Spitze mithalten und an guten Tagen setze ich sogar Laufbestzeiten. In der Teildisziplin Schießen habe ich noch Luft nach oben. Hier fehlt mir beim Schießen unter Belastung noch die Konstanz. In höhere Sphären konnte ich noch nicht vorstoßen. Hier gab es auch bisher nur eine Chance für mich, international zu starten und für die konnte ich mich aufgrund einer Covid-Erkrankung im Vorfeld gar nicht qualifizieren.

Wie hat die Corona-Krise mit wahrscheinlich zu wenigen Wettkämpfen Sie und andere im Verein beeinflusst?

Natürlich war die Saison 20/21 keine schöne. Vor allem, weil ich nach dem Sieg im Nordcup richtig gut drauf war und in der fortlaufenden Saison dann die Möglichkeiten gefehlt haben, dies kontinuierlich in Wettkämpfen zu zeigen. Eigentlich ging es uns Biathleten in Thüringen aber gut. Aufgrund unseres Kaderstatus' konnten wir die ganze Zeit trainieren und hatten lediglich trainingsgruppeninterne Wettkämpfe. Es wäre also Jammern auf sehr hohem Niveau, wenn ich sehe, dass andere überhaupt nicht die Möglichkeit hatten, ihren Sport auszuüben, geschweige denn Sportstätten zu betreten. In der vergangenen Saison hat mich kurz vor dem Start der Wintersaison die erwähnte Corona-Erkrankung nach einer sehr guten Sommervorbereitung weit zurückgeworfen und mir im Endeffekt ein besseres Saisonergebnis versaut.

In einem früheren Bericht haben Sie Benedikt Doll als Ihr Vorbild angegeben. Konnten Sie ihn zwischenzeitlich mal treffen und sich mit ihm austauschen?

Benedikt Doll ist immer noch mein Vorbild, da er menschlich und sehr nett ist. Das macht ihn meiner Meinung nach sympathisch. Außerdem legt er viel Wert auf gesunde Ernährung, was im Sport auch sehr wichtig ist. Ich kann mir von ihm und von den anderen Biathleten im Weltcup bestimmte Techniken abgucken, um diese selbst zu nutzen und dadurch schneller zu werden. Da wir in Oberhof manchmal an den gleichen Orten und zur selben Zeit wie der A-Kader der Männer trainieren, habe ich sowohl Benedikt Doll als auch den Rest der Männer schon getroffen. Da aber jeder in seinem Trainingsablauf steckt, haben wir uns bis auf ein freundliches "Hallo" noch nicht ausgetauscht.

Trainieren Sie jetzt, im Sommerhalbjahr, überhaupt?

Die Biathlonsaison beginnt jedes Jahr am 01. Mai. Das Sommertraining geht bis Anfang Oktober. Unser Training beinhaltet Mountainbike- und Rennradfahren, Crosslaufen, Inlinerfahren, Skiroller-klassisch- und Skiroller-Freistil-fahren, Paddeln, Krafttraining, Trockentraining (Haltearbeit und Ablauftraining mit dem Gewehr, ohne zu schießen) und Schießtraining mit und ohne Vorbelastung. Ab Oktober geht es dann wieder auf die Skier. Das Sommertraining ist für Wintersportler am wichtigsten, da man dabei eine wichtige Grundlage für den Winter aufbaut.

Früher haben Sie ja mal Fußball gespielt und Leichtathletik betrieben. Inwiefern machen Sie das heute noch?

Fußball spiele ich oft und gerne am Sportinternat in meiner freien Zeit. Leichtathletik mache ich gar nicht mehr. Meine Fußballzeit in Westheim hat mich gelehrt, dass Zusammenhalt und Gemeinschaft wichtiger sind, als zu siegen. Die Leichtathletik hat mir gerade in den technischen Disziplinen ein Körpergefühl vermittelt, das mir heute noch hilft, komplexe Abläufe im Biathlon schneller zu erlernen.

  

Was ist Ihr nächstes großes Ziel im Biathlon?

Das wäre, an internationalen Rennen teilnehmen. Nächstes Jahr findet die EYOF (European Youth Olympic Festival) für meine Altersklasse in Italien statt. Wenn ich diese Saison ohne große Ausfälle meistere, besteht die Möglichkeit, daran teilzunehmen.

An wen spielen Sie weiter?

An meine Westheimer Nachbarin Hanna Schmitt. Sie ist sportlich sehr aktiv und sowohl in der Leichtathletik als auch im Volleyball sehr erfolgreich.

☆Steilpass-Regeln: Das Spielfeld haben wir deutlich breiter gesteckt. Der Spieler muss lediglich aus dem Landkreis Bad Kissingen kommen oder dort aktiv sein. Und zwar nicht zwangsläufig als Fußballer. Jeder Sportler und jede Sportlerin darf angespielt werden. Abwechslung ist angesagt!