Das zweite Konzert der Tschechischen Philharmonie begann, wie das erste am Samstagabend geendet hatte: mit großer Musik. Dieses Mal stand Semyon Bychkov am Pult der Prager und eröffnete den Abend mit Peter Tschaikowskys Fantasieouvertüre "Romeo und Julia". Tschaikowsky hatte sein Hauptaugenmerk nicht auf den Kampf der verfeindeten Familien gerichtet, sondern auf den spirituellen Aspekt der Romeo-Julia-Beziehung.
Bychkov schloss sich dem an, brachte zwar mit plastischer Schärfe, die durchaus vorhandene, für Tybalt tödlich endende Konfrontation, aber er schuf auch klanglich wunderbare, beruhigte Umfelder für die Gefühlswelten des berühmten Liebespaares.
Dann holte Bychkov Verwandtschaft auf die Bühne: seine Frau Marielle und seine Schwägerin Katia Labèque spielten Mozarts selten zu hörendes Konzert für zwei Klaviere KV 365. Man merkte sofort, dass die musikalische Beziehung der beiden Schwestern trotz des Altersunterschiedes von zwei Jahren eine siamesische ist. Denn das Spiel war absolut aus einem Guss, und oft ließ sich gar nicht feststellen, wer gerade was spielte. Natürlich gab es auch hier eine Primo- (Marielle) und eine Secundo-Spielerin (Katia Labèque), aber die Hierarchie war schnell aufgehoben, zugunsten eines hochvirtuosen, bewegten Spiel, das klar machte, warum Mozart das Konzert für sich und seine Schwester und nicht für irgendeine weniger begabte Schülerin geschrieben hat. Da muss man nicht nur verdammt gut spielen können, sondern auch genau auf den Punkt kommen, um den Spielfluss nicht abreißen zu lassen.
Natürlich legten die beiden spiellaunigen Schwestern noch ein bisschen drauf. Nicht nur, dass sie die bewussten Dissonanzen an manchen Übergabepunkten auskosteten, sondern sie zauberten auch in den Kadenzen und zogen die Schlusstriller oder Pausen so lange hinaus, dass man als Zuhörer nervös werden konnte.
Das Orchester spielte hier nur die dritte Geige - aber höchst gekonnt. Denn Bychov sorgte dafür, dass die Spannung und das Zupacken in den Zwischenspielen nie abrissen. Und dann stellt die schönsten Themen ja auch das Orchester vor.
Und dann also Peter Tschaikowskys 3. Sinfonie, ein Werk, das in den 141 Jahren seines Bestehens vermutlich noch nie in Bad Kissingen aufgeführt worden ist. Das vermag zunächst zu verwundern, denn die Symphonien des Moskauers gehören zu den beliebtesten im internationalen Konzertbetrieb. Aber je länger man zuhörte, desto deutlicher sah man, woher diese Zurückhaltung kommt: Die 3. Sinfonie ist Tschaikowskys "Unendliche".
Sie beginnt ja auch so schön, im Nebelhaften - Gestaltungsfutter für jedes Orchester. Aber lange will der Nebel nicht weichen, und dann nur langsam. Und wenn sich das thematische Material allmählich konkretisiert, zeigt es sich, dass Tschaikowsky in der Hinsicht nicht allzu viel eingefallen ist, was er über die fünf Sätze verteilen konnte. Da werden keine konstruktiven Auseinandersetzungen geführt, die nomalerweise für Spannung sorgen. Da werden die wenigen Themen in Modulationen durch die einzelnen Stimmen gescheucht und dynamisch variiert. So finden sich im vierten Satz marschähnliche Rhythmen, die in ihrem Pathos und Pomp eher den Beinamen "englische" als "polnische" rechtfertigen würde. Alles ist ziemlich schulbuchmäßig buchstabiert, generiert keine Überraschungen. Und wenn im fünften Satz ein langes Crescendo anhebt und das Tempo anzieht, vermutet man zu Recht den Schluss.
Das ist kein Rufmord. Tschaikowsky selbst war einer der wenigen, die nach der umjubelten Uraufführung einen Mangel an Kreativität in diesem Werk kritisierten. Wenn man bedenkt, dass kurz danach die 4, vor allem aber die 5. und 6. Sinfonie entstanden, dann muss er irgendwann dazwischen sein Damaskus-Erlebnis gehabt haben.
Man muss Semyon Bychkov und der Tschechischen Philharmonie ein ganz großes Kompliment machen, mit welcher Ernsthaftigkeit und Musikalität sie versuchten, das Werk trotzdem interessant zu machen und ein bisschen Spannung aufzuspüren, dass sie ihre musikalische Kompetenz dafür zur Verfügung stellten. Aber jetzt wissen wir wenigstens, dass Tschaikowskys 3. Sinfonie keine Musik für die einsame Insel ist.