Wer ist Carry Sass? Das machten sich wohl zu wenige an diesem zweiten Weihnachtsfeiertag bewusst, an dem sie ihr Publikum im leider nicht vollen Max-Littmann-Saal in Laune brachte mit Berliner Schnauze und ihrem Showtalent vom Feinsten. Letzteres verwundert nicht, hat sie doch ihr Metier an der renommierten Hochschule für Musik Hanns Eisler gelernt und beim Berliner Stadtjubiläum 1987 schon mit 21 Leonard Bernstein so begeistert, dass er auf die Bühne kam und mit ihr im Duett sang.
Als "Staatlich geprüfte Unterhaltungskünstlerin der DDR" machte sie schnell Karriere und wurde Ensemblemitglied im "Metropol", der ersten Adresse für Operette und Musical in der Berliner Friedrichstraße. Noch im DDR-Fernsehen moderierte sie "Ein Kessel Buntes", dann ging es zu RTL ("Harald Juhnke-Entertainer") und ZDF (z.B. "Melodien für Millionen"), ARD und MDR.


Kongenialer Partner

Dass man sie als große deutsche Musik-Entertainerin unbedingt kennen und erleben sollte, stellte ihr Gastspiel "Vom Prater nach Hollywood" im Rahmen des Winterzaubers unter Beweis. Ihr kongenialer Partner am Dirigentenpult war Hannes Ferrand, auch er war am Metropol-Theater als 1. Kapellmeister engagiert. Auch wenn die aus den Weihnachtsstuben gerissenen Musiker der Thüringen Philharmonie Gotha bei Leroy Andersons "A Christmas Festival", einem Weihnachtslieder-Medley zur Einstimmung, nicht in allen Orchesterpositionen so ganz konzentriert aufspielten, nahmen die beiden Unterhaltungsprofis sie immer mehr mit in die Welt der großen Operettenmelodien und Musicalhits. Das Ganze wurde jeweils garniert mit weihnachtsspezifischen Einsprengseln wie dem in einer Art Parodie Ferrands mal mit affenartiger Geschwindigkeit, mal im gemütlichem Walzer-Rhythmus geträllerten "Jingle Bells" oder "The Little Drummer Boy Plays the Bolero", eine musikalische Kollage von Bernd Wefelmeyer aus dem englischen Weihnachtslied und Maurice Ravels wohl populärster Komposition.


Ungeheure Bühnenpräsenz

Dass das alles inneren Halt bekam und die Zuschauer immer wussten, ob jetzt Weihnachten oder leichte Muse angesagt war, dafür sorgte Carry Sass mit ungeheurer Bühnenpräsenz und einer enormen Fähigkeit, das Publikum ganz persönlich anzusprechen und so zu packen.
Franz Lehárs Walzer "Gold und Silber" führte nach ihrer Ansage noch in die Glitzerwelt von Weihnachten; so richtig zum Thema wurden im Operettenteil aber drei sehr unterschiedliche, zu Schlagern gewordene gesungene Geschichten aus der Feder von Robert Stolz. In "Adieu, mein kleiner Gardeoffizier" zeigte Sass, wie wandelbar sie auch ihre Sprechstimme gestalten kann und das Lebensdrama der verlassenen Geliebten in "Servus Du!" interpretierte sie differenziert und anrührend, und konnte durch eine deutlich erkennbare Anteilnahme jeglichen Anflug von Kitsch vermeiden. Zu dem Heurigenhit von Robert Stolz "Jung san ma! Fesch san ma!" sang und tanzte sie mit viel Schwung vor dem Orchester, das bis dahin ebendiesen auch gefunden hatte.


Mit den Füßen mitgewippt

Nach der Pause kamen die Thüringer dann noch überzeugender rüber, so dass bei Robert Shermans "Mary Poppins-Medley" auch im Publikum mit den Füßen gewippt und dezent mit den Fingern geschnipst wurde. Im Winter-Wohlfühl-Programm des zweiten Teils besang Carry Sass Frank Sinatras "Winter Wonderland" mit viel Gefühl, während das Orchester sehr präsent und spielfreudig mit Leroy Andersons Schlittenglockenevergreen "Sleigh Ride" nachlegte.
Die Überleitung zum Musical hatte Sass für die "zwei großen Berlinerinnen, die zu echten Hollywooddiven wurden" reserviert, wobei Marlene Dietrich schnell abgearbeitet war, denn Carry Sass "echte Bewunderung gilt Hildegard Knef und ihren vielen Talenten."
Als Hommage an Leonard Bernstein spielte das Orchester sehr einfühlsam, im "Cool"-Teil richtig spannend und wild und ausgelassen bei "America" im Finale seine "Selection" aus "West Side Story". Und bei einer der Paraderollen von Sass, dem Titelsong aus "Cabaret", den Dirigent Ferrand, wie viele andere Stücke des Abends selbst arrangiert hatte, mit vielen witzigen Ideen, klatschte der Saal begeistert mit.
Dass das Publikum das bei John Philip Sousas "The Stars and Stripes Forever" nicht tat, aber zum Glück auch brav auf den Plätzen blieb, denn der Marsch wird traditionell in amerikanischen Unterhaltungsetablissements gespielt, wenn das Personal eine Evakuierung vorbereiten soll, machte diesen zu einem merkwürdigen Solitär.


Drei Zugaben

Carry Sass übernahm den Schlusspart. Auf die vielen Bravos, begeisterten Pfiffe und lautstarken rhythmischen Applaus aus dem putzmunter gewordenen Zuschauerraum gab es drei Zugaben, Cole Porters "There's no Business like Showbusiness", das Carry Sass auch ohne Lenny Bernsteins Assistenz sang, dann Ferrands Arrangement von "Fröhliche Weihnacht", bei dem das Publikum dank Liedzettel lautstark mitsingen konnte und zum Verbeugen der Solistin und Mitklatschen der Zuschauer ein Orchesterarrangement des unvermeidlichen "Rudolph, the Red-Nosed Reindeer".