Schon im November 2020 übernahm die Schweinfurterin Petra Müller (57) als Nachfolgerin von Ursula Summa für die katholische Kirche in Bad Kissingen die vielfältigen Aufgaben der Kur- und Reha-Seelsorgerin. Doch erst jetzt nach Wegfall fast aller Pandemie-Beschränkungen kann sie sich endlich weitestgehend uneingeschränkt um die Seelen ihrer Mitmenschen sorgen.

Wo bei anderen dick gedruckt Firma, Name und Titel auf der Visitenkarte stehen, findet man bei Petra Müller nur ein Wort: Seelsorge. "Meine wichtigste Aufgabe ist die Umsorgung der Seele", stellt die 57-Jährige fest. Vorwiegend ist sie in acht großen Rehakliniken regelmäßig als Seelsorgerin tätig. "Aber auch Patienten anderer Kliniken und Gäste der Kurstadt dürfen sich natürlich gern mit ihren Sorgen an mich wenden." Die Arbeit in den Rehakliniken stimmt sie mit ihrem evangelischen Kollegen Pfarrer Steffen Lübke ab. Mit Maik Richter, dem evangelischen Diakon, startet sie jetzt das gemeinsam erstellte ökumenische Programm der Gäste-Seelsorge.

Von Sprecherin zur Zuhörerin

"Was bringen die Menschen mit, und was brauchen sie?" Dies ist für Seelsorgerin Müller die Kernfrage ihrer Tätigkeit. Die Fragen und Probleme ihrer Gesprächspartner ergeben sich aus deren Leben. "Wir suchen dann gemeinsam nach Lösungen." Die Hälfte ihrer Gespräche führt sie im weitläufigen Kurpark oder auf dem "Weg der Besinnung" mit den vom Euerdorfer Bildhauer Helmut Droll geschaffenen Skulpturen. "Laufen hilft, um etwas in Bewegung zu bringen". Um Lösungen für die Probleme der anderen zu finden, muss Petra Müller zunächst aufmerksam zuhören. Dies ist eine neue Erfahrung für sie, war doch bei ihren früheren Tätigkeiten eher das Sprechen wichtig.

Von Bauleiterin zur Theologie

Nach dem Abschluss an der Schweinfurter Fachoberschule machte sie eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Anschließend war sie 20 Jahre lang bei der Schweinfurter Wohnungsbaugesellschaft SWG angestellt und für die Sanierung der Sozialbauten verantwortlich. Als Bauleiterin musste sie sowohl den Handwerkern Anweisungen geben als auch den Bewohnern sagen, was von ihnen während der Gebäudesanierung jeweils erwartet wurde. Ihre manchmal bedrückenden Erlebnisse mit den sozial Schwachen unserer Gesellschaft, von denen viele Beistand brauchten, führten schließlich dazu, "dass ich in mir Grundzüge der Seelsorge entdeckte". Berufsbegleitend studierte Müller deshalb in einem Fernkurs katholische Theologie. "Das Berufsbild der Gemeindereferentin hat mich interessiert."

Nach ihrem Abschluss kündigte sie bei der SWG und begann 2005 als Gemeindeassistentin in Eltmann (Landkreis Haßberge), wo sie zwei Jahre später zur Gemeindereferentin befördert wurde. Während dieser Zeit machte ihr die Projektarbeit mit Frauen besondere Freude, weshalb sie 2008 ins Lernwerk Volkersberg wechselte und in den folgenden zwölf Jahren an dieser katholischen Landvolkshochschule als Bildungsreferentin für Frauen und Familien tätig war. Parallel dazu ließ sich Müller von 2013 bis 2017 zur systemischen Organisationsberaterin ausbilden. Diese Aufgaben der Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung führt sie noch immer für die Diözese Würzburg aus - neben ihrer neuen Tätigkeit als Kur- und Reha-Seelsorgerin.

"Die Kurseelsorge sehe ich als Stufe in meiner persönlichen Weiterentwicklung. Ich war schon immer offen für Neues und neugierig auf Menschen." Doch wegen Corona wurde sie in ihrer Neugier erst einmal ausgebremst, obwohl es bei ihrem Einstieg schon erste Lockerungen gab. "Ich hatte aber wegen der Kontaktbeschränkungen keine Möglichkeit, mich persönlich in Kliniken oder bei den Gästen vorzustellen." So entwickelte sie zunächst mit Diakon Maik Richter das neue Konzept des seelsorgerischen Angebots für Kurgäste und Reha-Patienten und die neue Homepage der ökumenischen Kurseelsorge (www.kurseelsorge-bad-kissingen.de).

Maskenzwang: Die Mimik fehlt

Als endlich die ersten Kontakte mit Gesprächspartnern möglich wurden, blieb der Maskenzwang: "Man erlebt nur den halben Menschen." Die Mimik fehlt, der Ausdruck von Emotionen. In vielen Gesprächen ging es um die fehlende Trauerarbeit, da man Sterbende während der Lockdowns nicht begleiten durfte und nicht zu Beisetzungen gehen durfte. "Ich habe manches Trauerritual nachholen müssen", erinnert sich die Kurseelsorgerin an ihre Anfangszeit in Bad Kissingen.

Inzwischen hat sich Petra Müllers Arbeitssituation fast normalisiert, nur in die eine oder andere Rehaklinik hat sie noch immer keinen Zugang. "Menschen trösten, zuhören, aufbauen", fasst die Kur- und Reha-Seelsorgerin ihre oft nicht leichten Gespräche zusammen. Dabei hilft beiden Seiten vielleicht ihr fröhliches Lachen, ihre grundsätzlich positive Einstellung. "Eine meiner Stärken ist, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen." Die schwierige Aufgabe passt zu Müllers Biografie. Sie ist zufrieden: "Es ist die logische Fortführung meiner in Leben und Beruf erworbenen Erfahrungen. Ich bin angekommen."