Zehn Schauspieler des Altonaer Theaters verwandelten die Bühne des Kurtheaters in Schweden und den Rest der Welt und ließen mit der Bühnenversion ihres Intendanten Axel Schneider von Jonas Jonassons Romanweltbestseller "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" alle Bedenken weit hinter sich, dass man diesen Hit aus Schweden von 2009 nicht aufs Theater bringen kann.

Wie aber macht man's, einen umfangreichen Roman, der von historischen Ereignissen fast des gesamten 20. Jahrhunderts handelt und auf drei Erdteilen spielt, an einem Abend auf eine räumlich begrenzte Theaterbühne zu bringen? In einer ganz normalen Aufführungszeit und ohne lange Kostümwechsel und Umbaupausen? Die Lösungen, die die Hamburger für all diese Probleme gefunden haben, verblüfften in ihrer verschmitzten Einfachheit.


Verblüffendes Bühnenbild

Stephan Bruckmeiers, Bühnenbild bilden drei weiße Rahmen, in, hinter, vor, zwischen denen sich diese Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen abspielt. Da ist zum einen die Lebensgeschichte des Hundertjährigen, die Spanien, die Sowjetunion, USA, Persien, Nordkorea und sein Kindheits-Schweden umfasst. Zum anderen die Jetztzeit, nachdem Allan Karlsson vor der feierlichen Begehung seines 100. Geburtstags aus dem Altersheim ausgestiegen ist. Um ihn und den Koffer mit 50 Millionen Kronen sammeln sich seine Freunde und die Verfolger, von denen das Geld stammt, die gefährlichen Drogenschmuggler der Bikergang "Never Again" und ihrem Chef "Piranha". Allan und sein Freund Julius ermorden den ersten, "Bolzen" Bylund, mehr aus Versehen, den zweiten erledigt die Elefantendame Sonja. Und allen auf der Spur ist der eifrige Einzelkämpfer Kommissar Göran Aronsson, sowie sein Vorgesetzter, Staatsanwalt Conny Ranelid. Allan hält seine Freunde mit seinem Geldkoffer und seiner Lebensgeschichte bei Laune, seinen Begegnungen mit den Großen der Welt.
Etwa 40 größere und kleinere Rollen hatten die neun Herren und eine Dame der Truppe zu spielen und das ging nur, weil Regisseurin Eva Hosemann sowohl das Ineinander und Nebeneinander der Szenen als auch Masken- und Kostümwechsel eingetaktet hat in eine großartig funktionierende Abfolge von Kurzszenen, ohne aber je den Eindruck des Hektischen zu erwecken. Vielmehr übt der schnelle Wechsel in den sparsam, aber liebevoll eingerichteten Szenarien mit ordentlicher Beschriftung aller ansonsten sehr einfachen Requisiten (die die Zuschauer immer wieder zu hellem Gelächter animierten: "Schwedischer Schreibtisch des schwedischen Ministerpräsidenten" etc), einen Sog aus, der alle, auch das Publikum durch das Geschehen trägt.
Den völlig ungebildeten, aber pragmatischen und klugen Allan im ständigen Wechsel seiner Lebensalter spielte Franz-Joseph Dieken mit großer Bühnenpräsenz und Überzeugungskraft als geistig wachen, aber tatterigen Hundertjährigen wie als drahtigen, irgendwo naiven, aber furchtlosen Mann in den besten Jahren.


40 verschiedene Rollen

Seine Mitstreiter in all den anderen fast 40 Rollen karikierten die historischen Gestalten und die heutigen Schlitzohren und Ganoven mit viel schauspielerischer Finesse und Freude am Rollenspiel wie Dirk Hoener seinen Generalissimus Franco oder den depressiven Einstein-Halbbruder, Achmed Ole Bielfeldt den dumpf-türkisch schwadronierenden Biker "Bolzen" Bylund und den machtbewussten Mao Tse-tung, Andreas Furcht den aalglatten J. Robert Oppenheimer und den 3. Sekretär der schwedischen Botschaft in Teheran als lächerlichen Bilderbuchschweden.
Klaus Peeck setzte seine körperliche Präsenz zur Darstellung des sentimental-gefährlichen Stalin ein und Karsten Kramer gab den eifrigen Kommissar Aronsson ebenso überzeugend wie den völlig kindischen nordkoreanischen Diktatorensprössling Kim Jong-il.
Alexander Klages wechselte zwischen dem begriffstutzigen Ganoven "Humpen", dem pompösen russischen Atomforscher Popow und dem überforderten Golfspieler Lyndon B. Johnson sowie Trumans Leibwächter.
Holger Umbreit jonglierte zwischen dem leise-gefährlichen Gangsterboss Per-Gunnar Gerdin, genannt "Piranha", gab aber auch einen Mexikaner, Fahrer und iranischen Wächter. Und Robert Kotulla stellte einen farblos-feigen Diktator Kim Jong-il, den knallharten Karrieristen Harry Truman, den dumpf-gefährlichen russischen Geheimdienstchef Berija und den wendigen schwedischen Staatsanwalt Conny Ranelid auf die Bühne.
Alle Frauenrollen konzentrierten sich natürlich auf Julia Holmes, die Gunilla als patente Frau zum Anfassen und die Dame Popowa aus der Sowjet-Elite als prächtiges Machtweib gab. Nicht zu vergessen natürlich die Elefantendame Sonja, die zum Ergötzen des Publikums als riesiges graues Kissen ihre Mordtat verrichtete.


Großer Beifall

Es war ein nicht nur unterhaltsamer, durch verrückte und immer wieder überraschende Regie-Einfälle witziger, sondern rundum begeisternder Theaterabend, der aber auch einen Gang durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand der Lebensgeschichte des 100-jährigen Protagonisten bot. Das Publikum fand schnell zu lautstarken und langen Beifallskundgebungen als Dank für die so vergnügliche wie perfekte Truppe.